Das Narzissenhaus

Die Narzisse steht als Blume für den Narzissmus. Zu narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen und den toxischen Folgen für das Umfeld, habe ich bereits einige Artikel veröffentlicht. In diesem Beitrag widme ich mich einer typischen Folge des narzisstischen Missbrauchs, der Dissoziation.

Kinder, die in einem narzisstischen Familiensystem aufgewachsen sind, haben im Erwachsenenalter das Problem nicht fühlen zu können, ihren Gefühlen nicht zu vertrauen, ihrer Wahrnehmung nicht zu glauben. Immer wieder höre ich von meinen Klientinnen die Frage: „War das vielleicht gar nicht so schlimm was ich da erlebt habe?“

Die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung vom narzisstischen Missbrauch rühren daher, dass den Kindern ihre eigenen Bedürfnisse systematisch abtrainiert wurden. Was sie selbst fühlen oder wahrnehmen ist falsch, wenn es nicht der Intention der narzisstischen Mutter entspricht. Kinder bekommen ganz deutlich gesagt: „das stimmt nicht, was du sagst, fühlst“. Sie werden emotional missbraucht, indem konformes Verhalten belohnt, Abweichungen in Meinung und Erwartung bestraft werden. Dies geschieht oft mit Liebesentzug.

Eine Klientin berichtete: „Selbst in sehr jungen Kinderjahren hat mich meine Mutter mit Ignoranz bestraft. Auch wenn ich gar nichts getan hatte, bin ich dann weinend hinter ihr her und flehte: „ich bin jetzt wieder lieb, Mama“.

Liebesentzug fühlt sich für Kinder lebensbedrohlich an, denn sie sind von den Eltern abhängig, je jünger desto mehr. Ihnen fehlt eine resonante Reaktion auf ihre Gefühle. Weint ein Kind, wird ihm gesagt „reiß dich zusammen“. Auch diese Sätze höre ich in unterschiedlicher Pointierung immer wieder von Betroffenen. „Stell dich nicht so an“, „das ist doch nicht schlimm“. Im schlimmsten Fall kommt es auch zu tätlichen Übergriffen.

Eine Klientin berichtete: „Wenn meine Mutter was erreichen wollte, und ich machte nicht was sie wollte, hat sie mich angeschrien. Ich versuchte dann meine Tränen zu unterdrücken, was mir aber nicht immer gelang. Wenn ich weinte, schrie sie noch lauter: hör auf zu heulen. Hörte ich nicht auf, schlug sie mich. Solange bis ich still war.“

Eine der schweren Folgen narzisstischen Missbrauchs für Betroffene ist die Dissoziation. Um in diesem toxischen System zu überleben, dissoziieren sich Betroffene von ihren Gefühlen. Sie werden innerlich taub. Dissoziation ist ein Bewältigungsmechanismus der Psyche, um traumatische Erlebnisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte aufzuhalten.

Siehe dazu auch Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain Barre Syndrom

Ein typisches Symptom der Dissoziation ist die Amnesie. Die  Abspaltung führt dazu, dass Betroffene sich an wichtige Lebensereignisse nicht erinnern können. Die Erinnerung ist wie im Nebel versunken. Auch kommt es häufig zu Taubheitsgefühlen auch auf der Körperebene. Ebenso kann der Seh- und Höhrsinn betroffen sein. Betroffene können ihre Bedürfnisse nicht wahrnehmen. Dadurch geht ihnen auch das Gefühl für die eigenen Grenzen verloren. Ein erster Schritt zur Heilung besteht darin, dass Betroffene lernen, wieder ihren Gefühlen zu vertrauen.

Literatur

McBride, Karyl (2017),  Werde ich jemals genug sein?“ Töchter narzisstischer Mütter, Probst Verlag

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Weiblicher Narzissmus – Die Sehnsucht nach Symbiose

Narzissmus hat einen schlechten Ruf. Narzisstische Anteile haben wir aber alle. In ihrer positiven Kraft beleben uns diese narzisstischen Strukturen. Sie schenken uns Selbstwertgefühl, Charisma, Präsenz und Mut. Wir müssen das Thema daher differenziert betrachten.

Narzisstische Strukturen werden dann bedrohlich, wenn sie uns selbst und andere toxisch beeinträchtigen. Typisch in narzistischen Beziehungen ist ein emotionaler Missbrauch. Die emotionale Bindung wird ausgenutzt, um Macht und Kontrolle auszuüben. Darunter leiden vor allem die Kinder im narzisstischen Familiensystem.

Narzissmus lässt sich in männlichen und weiblichen Narzissmus unterscheiden. Diese Zuordnung beschreibt narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen.

  • Männlicher Narzissmus: Grandiosität, der schwache Teil ist abgespalten.
  • Weiblicher Narzissmus: kein selbstwert, Selbstzweifel, Perfektionismus.

Menschen mit überstarken weiblichen narzisstischen Anteilen leben den Gegen-Part zum grandiosen Narzissten, indem sie ihre Minderwertigkeits- und Nichtigkeitsgefühle in den Vordergrund stellen. Bis zur völligen Selbstaufgabe umsorgen, hegen und pflegen sie ihre/n Beziehungspartner/in. Daher passen diese narzisstischen Strukturen in Beziehungskonstellationen perfekt zusammen. Der weibliche Narzissmus wird deshalb auch Komplementär-Narzissmus genannt.

Das Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent

Der weibliche Narzissmus betrifft häufiger Frauen, auch wenn Männer ebenfalls solche Strukturen zeigen können. Frauen mit einer weiblich-narzisstischen Struktur haben je nach Ausprägung eine eingeschränkte Bindungsfähigkeit. Ihre Bindungserfahrungen beruhen auf toxischen Beziehungsstrukturen. In ihrer kindlichen Entwicklung wurden ihre Autonomiebestrebungen unterdrückt, sie wurden emotional abhängig gehalten. Ihre Bindungserfahrung beruht auf einer völligen Selbstaufgabe und Unterdrückung ihrer Bedürfnisse. Sie identifizieren sich noch im Erwachsenenalter mit der Machtlosigkeit, die sie als Kinder erfahren haben. Ihr Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent zwischen diesen Polen. Gleichzeitig ist es hoch manipulativ und ausnutzend. Denn ihr Interesse gilt der Selbstaufopferung gegenüber ihrem Beziehungspartner, um dafür die Anerkennung (fehlgedeutet als Liebe) zu bekommen. Gleichzeitig kommt es auch beim weiblichen Narzissmus zu Abwertungsstrategien, wie sie für den grandiosen Narzissten typisch sind.

Eine Mutter sagt dann etwa zu ihrem Kind „Es war es der schlimmste Tag  in meinem Leben, als ich von der Schwangerschaft erfuhr“.

„Big mother is watching you“

Die eigenen Kinder werden emotional missbraucht, u die innere Leere zu stopfen, die diese Mütter fühlen. Die Überfürsorge für Partner und Kinder dient der eigenen Stabilisierung und Aufrechterhaltung des nazisstischen Systems. Die Kinder werden abhängig gehalten und mit subtilen Schuldgefühlen überhäuft. „Guck mal was ich alles für dich getan habe“. Es fühlt sich an, als sei ich in einem Spinnennetz gefangen, sagte mir einmal eine Klientin

Betroffene mit weiblich-narzisstischen Strukturen begleitet eine Sehnsucht nach Bindung gepaart mit einer unerträglichen Trennungsangst. Panische Verlassensheitsgefühle bis hin zu Todesangst sind kennzeichnend. Es fühle sich an wie ein riesiges schwarzes Loch in das ich hineinfalle, beschrieb es eine Klientin.  Diese alte kindliche Wunde ist von unaufhaltbarem Schmerz begleitet. Solche existenziellen Ängste deuten auf sehr frühe bedrohliche Bindungserfahrungen.

Im weiblichen Narzissmus werden eigene Autonomiebestrebungen unterdrückt. Auch das Gegenüber wird symbiotisch einverzuleiben versucht. Eine Klientin sagte: „Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er nicht mit seine Freunden weggehen“. Jede Form des Weggehens wird als große Bedrohung der Beziehung erfahren. Oft wird es von den Frauen  als „Eifersucht“ beschrieben. Es ist aber eher die generelle panische Angst vor dem Verlassenwerden. Wenn die unterdrückten Gefühle ausbrechen, dann sind es heftige unkontrollierte kindliche Gefühle. Wut, Verzweiflung, Todesangst gepaart mit Schreien und Weinen.

In einem ersten Schritt ist es für Betroffene wichtig, diese Strukturen zu erkennen und zu entwirren.

Siehe auch meine Beiträge:

Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin (M.A.), Heilprakitkerin für Psychotherapie

Literaturtipp

Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)

Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Kunst als Sprache der Intuition

Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Weiblicher Narzissmus

Narzissmus sei nicht nur das egozentrische Kreisen um sich selbst, sondern, tiefer gefasst, die verzweifelte Suche nach sich selber und nach Grenzen, beschreibt es Bärbel Wardetzki in ihrem Buch „Weiblicher Narzissmus“.

Narzissmus lässt sich in männlichen und den weniger bekannten weiblichen Narzissmus unterscheiden. Diese Zuordnung beschreibt narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen. Siehe dazu meinen Beitrag

Autonomie versus Symbiose

Diese unterschiedlichen Ausprägungen von männlichem und weiblichem Narzissmus äußern sich besonders deutlich im Bindungsverhalten. Während die männliche Form nach Autonomie strebt, spiegelt die weibliche Energie die Sehnsucht nach vollkommener Symbiose. Der männliche Typus reagiert mit Vermeidung, der weibliche mit Anklammern. Menschen mit starken weiblich-narzisstischen Anteilen reagieren mit Überanpassung. Dies führt oft zur vollständigen Selbstaufgabe. Beide Anteile sind im narzisstischen Störungsbild vorhanden, eine Variante dominiert nach außen aber die betroffene Person. Unter der grandiosen Fassade (männlicher Narzissmus) läge eine Depression (weiblicher Narzissmus), und vice versa, so Wardetzki.

Betroffene mit einer weiblich-narzisstischen Störung bestimmt ein schwaches Selbstwertgefühl, das oft mit Attraktivität, Leistung und Perfektionismus auszugleichen versucht wird. Nach außen wirken sie selbstbewusst, so dass sich ihre Minderwertigkeitsgefühle nicht vermuten lassen.

Tue dies nicht, mach das richtig“. Betroffene hören viele innere Verbotsstimmen. Versagen führt zu innerer Bestrafung. Die Bedürfniserfüllung der Wünsche anderer Menschen gelingt vom weiblichen Narzissmus Betroffenen gut, ihre eigenen Wünsche bleiben in Beziehungen jedoch auf der Strecke. „Das Fehlen einer äußeren Grenze zeigt sich in der Unfähigkeit, sich gegenüber anderen Menschen und deren Gefühlen abgrenzen zu können. Diese Frauen zeigen dann Tendenzen, sich in dem anderen aufzulösen und von fremden Gefühlen anstecken zu lassen“, so Wardetzki (S. 68). Begleitet wird der weibliche Narzissmus von einer unerträglichen Trennungsangst, die darauf hinweist, dass die betroffene Person in der Vergangenheit, vor allem in der Kindheit, keine sichere Beziehung erlebt hat.

Narzisstische Wut

Kennzeichnend ist auch eine unbändige „narzisstische Wut“, die im Ausmaß Explosionskraft hat. Sie kann oft auch als Verlassenheitsgebärde, wie ein Schrei nach Nähe, gedeutet werden kann. Die Wut ist vor allem aber auch ein Ausdruck der unterdrückten Autonomie. Die Form des weiblichen Narzissmus mit symbiotischer Selbstaufopferung, die bis zur völligen Selbstaufgabe gehen kann, unterdrückt die innere Freiheit und Selbstbestimmung, die sich einen Weg suchen.

Wut ist Energie

Wut hat keinen guten Ruf, sie wird auch gesellschaftlich als inakzeptabel bewertet. Allerdings hat die Wut eine unbändige positive Kraft. Wut ist Energie. Sie fordert uns auf, die Stimme zu erheben, die eigene Meinung zu äußern, für die eigenen Wünsche einzutreten, Grenzen zu setzen und handlungsfähig zu werden. Wut sagt: „Stopp, hier stimmt etwas nicht“. Wut schenkt die Kraft zur Veränderung. Erst wenn die Wut zu lange unterdrückt wird und sich dann explosionsartig Raum schafft, entfaltet sie eine zerstörerische Kraft.

Für Betroffene ist wichtig, die destruktiven Muster zu erkennen und der Wut Raum zu lassen, indem man kontrolliert die Kontrolle abgibt. Neben psychotherapeutischer Begleitung kann die auch der künstlerische Ausdruck dabei helfen. Betroffenen kann ich auch sehr das Buch „Wutkraft“ von Frederike von Aderkas empfehlen.

Siehe auch:

Wutausbruch

Ulrike Hinrichs (2022)

Literatur

  • Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)
  • Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Das narzisstische Familiensystem

Wie die Kunst helfen kann: Kunst als Reiseführer der Seele

Beim narzisstischen Familiensystem gibt es wie auf einem Schlachtfeld Schwerverletzte unter allen Beteiligten. Insbesondere der mütterliche narzisstische Missbrauch findet in einem Familiensystem statt, das gesellschaftlich tabuisiert und daher oft unentdeckt bleibt. Das Bild der nährenden und liebenden Mutter steht im Vordergrund unserer gesellschaftliche  Wunschperspektive.

Narzissmus als psychische Erkrankung ist eine Spektrumsstörung, die graduellen Ausprägungen sind unterschiedlich. Es zeigen sich Unterschiede zwischen einzelnen betroffenen Menschen und es gibt auch individuelle situationsabhängige Schwankungen. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung benutzen andere zur Selbstspiegelung, Bestätigung und um sich zu spüren. Im Fokus steht eine Selbstbewertungsstörung.

Menschen mit einer narzisstischen Störung wurden in ihrer kindlichen Psyche schwer verwundet. Narzisstische Muster entstehen, wenn primäre Bezugspersonen wie die Eltern dem Kind zu wenig emotionale Einstimmungen spiegeln. Fehlt das akzeptierende Feedback der Bezugsperson auf Gefühle des Kindes oder werden bestimmte Gefühle des Kindes durchgehend abgelehnt, so spaltet das Kind die abgelehnten Gefühle vom eigenen Selbst ab, um sich der Zuneigung und Liebe der Bezugsperson sicher zu sein. Um ihr verletztes Selbst zu regulieren^, haben Betroffene Überlebensstrategien entwickelt. Kennzeichnend für die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine ausgeprägte Selbst­überhöhung bei gleichzeitiger Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Gerade Schattenthemen werden im Außen (bei anderen Menschen) vehement bekämpft, damit der eigene Schatten sich nicht aus dem Kellerverlies befreien kann. Das Selbstwertgefühl kann nicht ausreichend reguliert werden.

Das zentrale Motiv in Beziehungen ist Anerkennung

Gefühllose und die Selbständigkeit des Kindes unterdrückende Erziehungsmuster sind symptomatisch für narzisstische Verhaltensweisen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung wirkt toxisch und zerstörerisch auf ihr Umfeld. Das zentrale Motiv in Beziehungen, und zwar auch zu den eigenen Kindern, ist von Anerkennung dominiert. Sie bestimmt das gesamte Handeln der betroffenen Person.[1] Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sehen sich und andere daher nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie sie haben möchten.[2] Es kommt zu Idealisierung oder Abwertung anderer Menschen, auch gegenüber den eigenen Kindern.

Das Spielfeld von Narzissten

Narzissten haben eine Art inneres Spielfeld, das aussehen könnte wie ein Schachbrett, auf dem die Mitmenschen in ihrer Umgebung wie Figuren gestellt werden. Es ist das Feld der Bewertung, wie es der Psychiater Hagemeyer nennt.[3] Ich finde diese Metapher eines Spielfeldes sehr passend, weil man sich so die Aktion und Reaktion eines Narzissten gut vorstellen kann. Es folgt eine permanente Bewertung und Einordnung der Figuren auf dem Feld. Sind sie nützlich, sind sie wohl möglich besser als ich, wie sehen sie aus, was wollen sie von mir, wofür kann ich sie benutzen? Die Bewertungskriterien können sich auch ändern. Mal wird eine andere „Figur auf dem Spielfeld“ überhört. Wenn sie den narzisstischen Anforderungen nicht gerecht werden sollte, wird die Person wieder verschoben und abgewertet.

Kontrolle und Manipulation

Zur Aufrechterhaltung dieses Systems kontrollieren und manipulieren Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ihr gesamtes Umfeld. Auch unter den Geschwistern wird ein so genanntes Goldkind ausgewählt und ein Kind, das den Sündenbock darstellt. Das eine Kind wird überhört, das andere abgewertet, beide gegeneinander ausgespielt. In der unmittelbaren Umgebung des Narzissten werden Bewunderer und Follower gesucht, die die vermeintliche Grandiosität teilen. Andere Menschen, die eine solche Bewunderung nicht zeigen, werden als Gegner angesehen. Kompromisse oder eine gesunde Austragung von Konflikten, widerstreitenden Interessen, gibt es nicht.

Es braucht wenig Fantasie sich vorzustellen, wie destruktiv und zerstörerisch solche Muster auf Kinder wirken. Töchter narzisstischer Mütter haben zudem noch mit einer weiblichen Konkurrenz zu tun. Die aufkeimende Weiblichkeit der Tochter muss von der Mutter abgewertet werden, um die eigene Schönheit und Weiblichkeit aufrecht zu erhalten. Von Sätzen wie „du bist zu fett“, „du kriegst sowieso niemanden ab“ oder auch „du bist hässlich“ berichten Klientinnen in allen Facetten. Auch der Partner der Tochter wird entweder abgewertet oder die Mutter selbst umwirbt ihn. „Meine Mutter behauptete immer, dass angeblich alle meine Exfreunde was von ihr wollten“, schilderte eine Klientin. Solche Erfahrungen sind sehr typisch.

Traumatisierendes Familiensystem

Kinder in solchen Familiensystemen wachsen in einer Trauma-Atmosphäre auf.

Einige typische Folgen für Betroffen sind:

  • Fehlender Selbstwert, fehlendes Vertrauen in Menschen, fehlendes Urvertrauen
  • Ohnmachtserfahrungen bis hin zu Todesangst (Die Angst vor dem Verlassen werden wirkt für Kinder lebensbedrohlich)
  • Ein großes Bedürfnis nach Bindung bei gleichzeitiger unüberwindbarer Angst vor Bindung (Nähe-Distanz Probleme)
  • Schwierigkeiten Grenzen zu setzen (Angst vor Liebesentzug, Verlassen werden)
  • Permanente Überachtsamkeit, dass etwas Schlimmes passieren könnte (Ohnmachtsgefühle aus der Kindheit, kein Vertrauen)
  • sich von toxischen Menschen angezogen fühlen (Wiederholungsmuster des narzisstischen Missbrauchs)
  • Schwierigkeiten, um Hilfe zu bitten (Angst vor Ablehnung)
  • Taubheitsgefühle (emotionale und körperlich Taubheit), Rationalisierung
  • Suchtverhalten (die innere Leere auffüllen)
  • Toxische Scham und Schuldgefühle
  • Überbetonung von Leistung, Erfolg
  • Angst vor Menschen, soziale Phobien
  • Angststörungen, Borderline Störung, eigene narzisstische Persönlichkeitstörung

In unserem neuen Buch (erscheint 2022) „Die Weisheit der weiblichen Wunde“ bekommen u.a. auch vom toxischen Narzissmus betroffene Frauen eine Stimme. Nur jede einzelne selbst kann sich bewusst aus dem Spinnennetz des Narzissmus befreien. Dazu bedarf es im allersten Schritt einer Bewusstheit für das Thema. 

Kreativität ist ein Schlüssel zur Befreiung aus dem narzisstischen Erbe

Siehe auch

Unser neues Buch erscheint 2022: Ulrike Hinrichs & Andrea Wandel, Die Weisheit der weiblichen Wunde – Unterstützung aus der holistischen Kreativapotheke, Syngeria Verlag


[1] Sachse, Rainer (2020). Persönlichkeitsstörungen verstehen. Zum Umgang mit schwierigen Klienten. Köln: Psychiatrie Verlag.

[2] Johnson, Stephen M. (2011). Der narzisstische Persönlichkeitsstil.

[3] Hagemeyer, Pablo (2020. S. 227). „Gestatten ich bin ein Arschloch“. Ein netter Narzisst und Psychiater erklärt, wie Sie Narzissten entlarven und ihnen Paroli bieten.

Kunst hilft heilen!

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Narzissmus und der verwurmte Apfel

Narzissmus ist in seiner gesunden Ausprägung eine wichtige Eigenschaft jedes Menschen. Alle Menschen verhalten sich in ihrem Leben mehr oder weniger narzisstisch. Narzissmus in seiner positiven Kraft bringt uns in Aktion, lässt uns im Rampenlicht stehen und Menschen begeistern. Nicht jede Selbstbezogenheit beschreibt daher eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. In seiner pathologischen Form ist Narzissmus zerstörerisch und oft menschenverachtend.

Für pathologische Narzissten sind andere Menschen nur wichtig, wenn sie eine Funktion für sie erfüllen. Das gilt auch für die eigenen Kinder. In meiner Arbeit mit verletzten Frauen begegnen mir immer wieder Klientinnen, die unter pathologisch narzisstischen Eltern aufgewachsen sind. Männern billigt man gesellschaftlich eher ein auch überzogenes narzisstisch Verhalten zu, passt es doch gut in das leistungsorientierte Gesellschaftssystem. Der mütterliche Narzissmus dagegen ist ein Tabu. Viele Frauen, die unter narzisstischen Müttern aufgewachsen sind, haben gar keine Worte dafür, was ihnen wiederfahren ist. Immer wieder höre ich von Klientinnen, dass sie oft jahrelang Psychotherapie gemacht haben, aber nie auf dieses Thema gestoßen seien. Auch ich habe als Betroffene erlebt, dass Therapeut*innen das Ausmaß dieses Missbrauches oft gar nicht nachvollziehen können.

Den pathologischen Narzissmus kann man in weiblichen und männlichen Narzissmus unterschieden. Diese Zuordnung beschreibt männlich und weiblich narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können demzufolge weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen.  Wir alle haben männliche und weibliche Qualitäten.

Das weibliche Prinzip steht in seiner positiven Ausprägung für Hingabe und Empfänglichkeit. Die weibliche Kraft in der toxischen Übertreibung bedeutet Einengen, Festhalten, Abhängig machen, Verschlingen, Fressen und Zerstören. Das männliche Prinzip beschreibt den aktiven Teil in uns. In seiner negativen Ausprägung, wie wir es beim männlichen Narzissmus finden, führt diese Kraft zur Überbetonung von Leistung und Erfolg. Auch eine narzisstische Mutter kann ausgeprägt männlich narzisstische Verhaltensweisen zeigen, die eher auf Grandiosität, Erfolg und Leistung ausgerichtet ist. Diese Mutter würde etwa für sich selbst eine erfolgreiche Karriere anstreben und dies vor allem auch von ihren Kindern verlangen. Während der männliche Narzissmus von Macht und Erfolg dominiert wird, zeichnet den weiblichen Narzissmus vermeintliche Überfürsorge und Besorgnis aus. Auch die sich für ihre Tochter vermeintlich „aufopfernde Mutter“ wird dem weiblichen Anteil zugeschrieben. Diese Form des oft unerkannten Narzissmus wird auch vulnerabler Narzissmus bezeichnet. Diese Frauen impfen ihren Töchtern Schuldgefühle ein, indem sie immer wieder betonen, was sie alles für ihr Kind aufgegeben haben, wie sehr sie sich doch kümmern würden. Die übertrieben sorgenvolle narzisstische Mutter nutzt die Bedürftigkeit des Kindes indem sie die Tochter bestenfalls Zeit ihres Lebens in der Abhängigkeit hält.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung setzen alles daran nach außen perfekt zu erscheinen, sei es im Hinblick auf die Familie oder die eigene Attraktivität und Schönheit. Deshalb ist für Außenstehende der narzisstische Missbrauch, der ohnehin sehr subtil ausgeübt wird, schwer zu erkennen. Es bestehe zudem die stillschweigende Übereinkunft, dass über diese narzisstische Familiendynamik nicht diskutiert, geschweigen denn etwas nach außen getragen wird, so die Psychotherapeutin  McBride, die den Vergleich zum wunderschönen Apfel findet, der äußerlich perfekt, aber innerlich „verwurmt“ ist.[1]

Zur Aufrechterhaltung des narzisstischen Selbstbildes sind eigene Fehler, vor allem aber auch Fehler der Kinder unbedingt zu vermeiden. Alles muss perfekt sein. Gleichzeitig vermittelt die narzisstische Mutter ihrer Tochter, alles besser zu können, grandios zu sein. Auf vermeintliches Fehlverhalten der Tochter wird mit Liebesentzug oder sogar körperlicher Gewalt reagiert.

Bestrafung durch Liebesentzug

Eine Klientin berichtete: „Ich wurde auch für die kleinsten Vergehen mit tagelangem Schweigen bestraft. Manchmal dauerte es Wochen. Ich wusste nie, woran ich bei meiner Mutter bin. Manchmal ging sie wortlos und ich wusste nicht, ob sie jemals wiederkommt. Irgendwann tat meine Mutter dann wieder so als wenn nichts gewesen wäre.“

Töchter narzisstischer Mütter lernen sehr schnell, ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken und richten sich stattdessen nach den Befindlichkeiten der Mutter. Darauf wurden viele Töchter trainiert, um der Mutter keinen Ärger zu bereiten, um ihren Zorn nicht zu entfachen. Feinste Gesten und Veränderungen in der Stimmung der Mutter musste die Tochter interpretieren können. Und diese bitter erlernte Gabe, hat die Tochter sie erst einmal erkannt, kann sie auch für ihre Selbstheilung nutzen. In einem ersten Schritt müssen Betroffene wieder lernen, zu fühlen, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu artikulieren. Da sie gelernt haben, dass die Formulierung eigener Bedürfnisse zu Liebesentzug führen wird, ist das Thema in Beziehungen oft sehr schwierig. Betroffene Frauen verlieren sich in der Beziehung, missachten ihre eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse.

Die Seele erstarrt

Viele fliehen in den Perfektionismus. Bloß nichts falsch machen. Perfektionismus ist die Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit und der Besorgnis, dass andere dies bemerken könnten. Die Seele erstarrt, hemmt das Leben, führt zur Angst vor Liebesentzug und Ausgrenzung. Perfektionismus beinhaltet ein Streben nach hohen eigenen Standards und ein hohes Maß an Organisiertheit. Die Besorgnis hinter dem Perfektionismus ist der leistungsbezogene Zweifel, eine Fehlersensibilität und eine Bewertungsängstlichkeit. Auch kollektiv kommen wir aus einer narzisstischen Epoche, die das Prinzip Liebe für Leistung fördert.

In unserem neuen Buch „Die Weisheit der weiblichen Wunde“ bekommen u.a. auch vom toxischen Narzissmus betroffene Frauen eine Stimme. Nur jede einzelne selbst kann sich bewusst aus dem Spinnennetz des Narzissmus befreien. Dazu bedarf es im allersten Schritt einer Bewusstheit für das Thema.

Kreativität ist ein Schlüssel zur Befreiung aus dem narzisstischen Erbe

Siehe auch

Ulrike Hinrichs 2021

Unser neues Buch erscheint 2022: Ulrike Hinrichs & Andrea Wandel, Die Weisheit der weiblichen Wunde – Unterstützung aus der holistischen Kreativapotheke, Syngeria Verlag

Literatur


[1] McBride, Karyl (2017),  Werde ich jemals genug sein?“ Töchter narzissti

Kunst hilft heilen!

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824