Weiblicher Narzissmus – Die Sehnsucht nach Symbiose

Narzissmus hat einen schlechten Ruf. Narzisstische Anteile haben wir aber alle. In ihrer positiven Kraft beleben uns diese narzisstischen Strukturen. Sie schenken uns Selbstwertgefühl, Charisma, Präsenz und Mut. Wir müssen das Thema daher differenziert betrachten.

Narzisstische Strukturen werden dann bedrohlich, wenn sie uns selbst und andere toxisch beeinträchtigen. Typisch in narzistischen Beziehungen ist ein emotionaler Missbrauch. Die emotionale Bindung wird ausgenutzt, um Macht und Kontrolle auszuüben. Darunter leiden vor allem die Kinder im narzisstischen Familiensystem.

Narzissmus lässt sich in männlichen und weiblichen Narzissmus unterscheiden. Diese Zuordnung beschreibt narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen.

  • Männlicher Narzissmus: Grandiosität, der schwache Teil ist abgespalten.
  • Weiblicher Narzissmus: kein selbstwert, Selbstzweifel, Perfektionismus.

Menschen mit überstarken weiblichen narzisstischen Anteilen leben den Gegen-Part zum grandiosen Narzissten, indem sie ihre Minderwertigkeits- und Nichtigkeitsgefühle in den Vordergrund stellen. Bis zur völligen Selbstaufgabe umsorgen, hegen und pflegen sie ihre/n Beziehungspartner/in. Daher passen diese narzisstischen Strukturen in Beziehungskonstellationen perfekt zusammen. Der weibliche Narzissmus wird deshalb auch Komplementär-Narzissmus genannt.

Das Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent

Der weibliche Narzissmus betrifft häufiger Frauen, auch wenn Männer ebenfalls solche Strukturen zeigen können. Frauen mit einer weiblich-narzisstischen Struktur haben je nach Ausprägung eine eingeschränkte Bindungsfähigkeit. Ihre Bindungserfahrungen beruhen auf toxischen Beziehungsstrukturen. In ihrer kindlichen Entwicklung wurden ihre Autonomiebestrebungen unterdrückt, sie wurden emotional abhängig gehalten. Ihre Bindungserfahrung beruht auf einer völligen Selbstaufgabe und Unterdrückung ihrer Bedürfnisse. Sie identifizieren sich noch im Erwachsenenalter mit der Machtlosigkeit, die sie als Kinder erfahren haben. Ihr Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent zwischen diesen Polen. Gleichzeitig ist es hoch manipulativ und ausnutzend. Denn ihr Interesse gilt der Selbstaufopferung gegenüber ihrem Beziehungspartner, um dafür die Anerkennung (fehlgedeutet als Liebe) zu bekommen. Gleichzeitig kommt es auch beim weiblichen Narzissmus zu Abwertungsstrategien, wie sie für den grandiosen Narzissten typisch sind.

Eine Mutter sagt dann etwa zu ihrem Kind „Es war es der schlimmste Tag  in meinem Leben, als ich von der Schwangerschaft erfuhr“.

„Big mother is watching you“

Die eigenen Kinder werden emotional missbraucht, u die innere Leere zu stopfen, die diese Mütter fühlen. Die Überfürsorge für Partner und Kinder dient der eigenen Stabilisierung und Aufrechterhaltung des nazisstischen Systems. Die Kinder werden abhängig gehalten und mit subtilen Schuldgefühlen überhäuft. „Guck mal was ich alles für dich getan habe“. Es fühlt sich an, als sei ich in einem Spinnennetz gefangen, sagte mir einmal eine Klientin

Betroffene mit weiblich-narzisstischen Strukturen begleitet eine Sehnsucht nach Bindung gepaart mit einer unerträglichen Trennungsangst. Panische Verlassensheitsgefühle bis hin zu Todesangst sind kennzeichnend. Es fühle sich an wie ein riesiges schwarzes Loch in das ich hineinfalle, beschrieb es eine Klientin.  Diese alte kindliche Wunde ist von unaufhaltbarem Schmerz begleitet. Solche existenziellen Ängste deuten auf sehr frühe bedrohliche Bindungserfahrungen.

Im weiblichen Narzissmus werden eigene Autonomiebestrebungen unterdrückt. Auch das Gegenüber wird symbiotisch einverzuleiben versucht. Eine Klientin sagte: „Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er nicht mit seine Freunden weggehen“. Jede Form des Weggehens wird als große Bedrohung der Beziehung erfahren. Oft wird es von den Frauen  als „Eifersucht“ beschrieben. Es ist aber eher die generelle panische Angst vor dem Verlassenwerden. Wenn die unterdrückten Gefühle ausbrechen, dann sind es heftige unkontrollierte kindliche Gefühle. Wut, Verzweiflung, Todesangst gepaart mit Schreien und Weinen.

In einem ersten Schritt ist es für Betroffene wichtig, diese Strukturen zu erkennen und zu entwirren.

Siehe auch meine Beiträge:

Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin (M.A.), Heilprakitkerin für Psychotherapie

Literaturtipp

Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)

Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Kunst als Sprache der Intuition

Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824