Das Narzissenhaus

Die Narzisse steht als Blume für den Narzissmus. Zu narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen und den toxischen Folgen für das Umfeld, habe ich bereits einige Artikel veröffentlicht. In diesem Beitrag widme ich mich einer typischen Folge des narzisstischen Missbrauchs, der Dissoziation.

Kinder, die in einem narzisstischen Familiensystem aufgewachsen sind, haben im Erwachsenenalter das Problem nicht fühlen zu können, ihren Gefühlen nicht zu vertrauen, ihrer Wahrnehmung nicht zu glauben. Immer wieder höre ich von meinen Klientinnen die Frage: „War das vielleicht gar nicht so schlimm was ich da erlebt habe?“

Die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung vom narzisstischen Missbrauch rühren daher, dass den Kindern ihre eigenen Bedürfnisse systematisch abtrainiert wurden. Was sie selbst fühlen oder wahrnehmen ist falsch, wenn es nicht der Intention der narzisstischen Mutter entspricht. Kinder bekommen ganz deutlich gesagt: „das stimmt nicht, was du sagst, fühlst“. Sie werden emotional missbraucht, indem konformes Verhalten belohnt, Abweichungen in Meinung und Erwartung bestraft werden. Dies geschieht oft mit Liebesentzug.

Eine Klientin berichtete: „Selbst in sehr jungen Kinderjahren hat mich meine Mutter mit Ignoranz bestraft. Auch wenn ich gar nichts getan hatte, bin ich dann weinend hinter ihr her und flehte: „ich bin jetzt wieder lieb, Mama“.

Liebesentzug fühlt sich für Kinder lebensbedrohlich an, denn sie sind von den Eltern abhängig, je jünger desto mehr. Ihnen fehlt eine resonante Reaktion auf ihre Gefühle. Weint ein Kind, wird ihm gesagt „reiß dich zusammen“. Auch diese Sätze höre ich in unterschiedlicher Pointierung immer wieder von Betroffenen. „Stell dich nicht so an“, „das ist doch nicht schlimm“. Im schlimmsten Fall kommt es auch zu tätlichen Übergriffen.

Eine Klientin berichtete: „Wenn meine Mutter was erreichen wollte, und ich machte nicht was sie wollte, hat sie mich angeschrien. Ich versuchte dann meine Tränen zu unterdrücken, was mir aber nicht immer gelang. Wenn ich weinte, schrie sie noch lauter: hör auf zu heulen. Hörte ich nicht auf, schlug sie mich. Solange bis ich still war.“

Eine der schweren Folgen narzisstischen Missbrauchs für Betroffene ist die Dissoziation. Um in diesem toxischen System zu überleben, dissoziieren sich Betroffene von ihren Gefühlen. Sie werden innerlich taub. Dissoziation ist ein Bewältigungsmechanismus der Psyche, um traumatische Erlebnisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte aufzuhalten.

Siehe dazu auch Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain Barre Syndrom

Ein typisches Symptom der Dissoziation ist die Amnesie. Die  Abspaltung führt dazu, dass Betroffene sich an wichtige Lebensereignisse nicht erinnern können. Die Erinnerung ist wie im Nebel versunken. Auch kommt es häufig zu Taubheitsgefühlen auch auf der Körperebene. Ebenso kann der Seh- und Höhrsinn betroffen sein. Betroffene können ihre Bedürfnisse nicht wahrnehmen. Dadurch geht ihnen auch das Gefühl für die eigenen Grenzen verloren. Ein erster Schritt zur Heilung besteht darin, dass Betroffene lernen, wieder ihren Gefühlen zu vertrauen.

Literatur

McBride, Karyl (2017),  Werde ich jemals genug sein?“ Töchter narzisstischer Mütter, Probst Verlag

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Weiblicher Narzissmus – Die Sehnsucht nach Symbiose

Narzissmus hat einen schlechten Ruf. Narzisstische Anteile haben wir aber alle. In ihrer positiven Kraft beleben uns diese narzisstischen Strukturen. Sie schenken uns Selbstwertgefühl, Charisma, Präsenz und Mut. Wir müssen das Thema daher differenziert betrachten.

Narzisstische Strukturen werden dann bedrohlich, wenn sie uns selbst und andere toxisch beeinträchtigen. Typisch in narzistischen Beziehungen ist ein emotionaler Missbrauch. Die emotionale Bindung wird ausgenutzt, um Macht und Kontrolle auszuüben. Darunter leiden vor allem die Kinder im narzisstischen Familiensystem.

Narzissmus lässt sich in männlichen und weiblichen Narzissmus unterscheiden. Diese Zuordnung beschreibt narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen.

  • Männlicher Narzissmus: Grandiosität, der schwache Teil ist abgespalten.
  • Weiblicher Narzissmus: kein selbstwert, Selbstzweifel, Perfektionismus.

Menschen mit überstarken weiblichen narzisstischen Anteilen leben den Gegen-Part zum grandiosen Narzissten, indem sie ihre Minderwertigkeits- und Nichtigkeitsgefühle in den Vordergrund stellen. Bis zur völligen Selbstaufgabe umsorgen, hegen und pflegen sie ihre/n Beziehungspartner/in. Daher passen diese narzisstischen Strukturen in Beziehungskonstellationen perfekt zusammen. Der weibliche Narzissmus wird deshalb auch Komplementär-Narzissmus genannt.

Das Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent

Der weibliche Narzissmus betrifft häufiger Frauen, auch wenn Männer ebenfalls solche Strukturen zeigen können. Frauen mit einer weiblich-narzisstischen Struktur haben je nach Ausprägung eine eingeschränkte Bindungsfähigkeit. Ihre Bindungserfahrungen beruhen auf toxischen Beziehungsstrukturen. In ihrer kindlichen Entwicklung wurden ihre Autonomiebestrebungen unterdrückt, sie wurden emotional abhängig gehalten. Ihre Bindungserfahrung beruht auf einer völligen Selbstaufgabe und Unterdrückung ihrer Bedürfnisse. Sie identifizieren sich noch im Erwachsenenalter mit der Machtlosigkeit, die sie als Kinder erfahren haben. Ihr Beziehungsverhalten ist daher abweisend, anklammernd oder ambivalent zwischen diesen Polen. Gleichzeitig ist es hoch manipulativ und ausnutzend. Denn ihr Interesse gilt der Selbstaufopferung gegenüber ihrem Beziehungspartner, um dafür die Anerkennung (fehlgedeutet als Liebe) zu bekommen. Gleichzeitig kommt es auch beim weiblichen Narzissmus zu Abwertungsstrategien, wie sie für den grandiosen Narzissten typisch sind.

Eine Mutter sagt dann etwa zu ihrem Kind „Es war es der schlimmste Tag  in meinem Leben, als ich von der Schwangerschaft erfuhr“.

„Big mother is watching you“

Die eigenen Kinder werden emotional missbraucht, u die innere Leere zu stopfen, die diese Mütter fühlen. Die Überfürsorge für Partner und Kinder dient der eigenen Stabilisierung und Aufrechterhaltung des nazisstischen Systems. Die Kinder werden abhängig gehalten und mit subtilen Schuldgefühlen überhäuft. „Guck mal was ich alles für dich getan habe“. Es fühlt sich an, als sei ich in einem Spinnennetz gefangen, sagte mir einmal eine Klientin

Betroffene mit weiblich-narzisstischen Strukturen begleitet eine Sehnsucht nach Bindung gepaart mit einer unerträglichen Trennungsangst. Panische Verlassensheitsgefühle bis hin zu Todesangst sind kennzeichnend. Es fühle sich an wie ein riesiges schwarzes Loch in das ich hineinfalle, beschrieb es eine Klientin.  Diese alte kindliche Wunde ist von unaufhaltbarem Schmerz begleitet. Solche existenziellen Ängste deuten auf sehr frühe bedrohliche Bindungserfahrungen.

Im weiblichen Narzissmus werden eigene Autonomiebestrebungen unterdrückt. Auch das Gegenüber wird symbiotisch einverzuleiben versucht. Eine Klientin sagte: „Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er nicht mit seine Freunden weggehen“. Jede Form des Weggehens wird als große Bedrohung der Beziehung erfahren. Oft wird es von den Frauen  als „Eifersucht“ beschrieben. Es ist aber eher die generelle panische Angst vor dem Verlassenwerden. Wenn die unterdrückten Gefühle ausbrechen, dann sind es heftige unkontrollierte kindliche Gefühle. Wut, Verzweiflung, Todesangst gepaart mit Schreien und Weinen.

In einem ersten Schritt ist es für Betroffene wichtig, diese Strukturen zu erkennen und zu entwirren.

Siehe auch meine Beiträge:

Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin (M.A.), Heilprakitkerin für Psychotherapie

Literaturtipp

Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)

Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Kunst als Sprache der Intuition

Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Weiblicher Narzissmus

Narzissmus sei nicht nur das egozentrische Kreisen um sich selbst, sondern, tiefer gefasst, die verzweifelte Suche nach sich selber und nach Grenzen, beschreibt es Bärbel Wardetzki in ihrem Buch „Weiblicher Narzissmus“.

Narzissmus lässt sich in männlichen und den weniger bekannten weiblichen Narzissmus unterscheiden. Diese Zuordnung beschreibt narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen. Siehe dazu meinen Beitrag

Autonomie versus Symbiose

Diese unterschiedlichen Ausprägungen von männlichem und weiblichem Narzissmus äußern sich besonders deutlich im Bindungsverhalten. Während die männliche Form nach Autonomie strebt, spiegelt die weibliche Energie die Sehnsucht nach vollkommener Symbiose. Der männliche Typus reagiert mit Vermeidung, der weibliche mit Anklammern. Menschen mit starken weiblich-narzisstischen Anteilen reagieren mit Überanpassung. Dies führt oft zur vollständigen Selbstaufgabe. Beide Anteile sind im narzisstischen Störungsbild vorhanden, eine Variante dominiert nach außen aber die betroffene Person. Unter der grandiosen Fassade (männlicher Narzissmus) läge eine Depression (weiblicher Narzissmus), und vice versa, so Wardetzki.

Betroffene mit einer weiblich-narzisstischen Störung bestimmt ein schwaches Selbstwertgefühl, das oft mit Attraktivität, Leistung und Perfektionismus auszugleichen versucht wird. Nach außen wirken sie selbstbewusst, so dass sich ihre Minderwertigkeitsgefühle nicht vermuten lassen.

Tue dies nicht, mach das richtig“. Betroffene hören viele innere Verbotsstimmen. Versagen führt zu innerer Bestrafung. Die Bedürfniserfüllung der Wünsche anderer Menschen gelingt vom weiblichen Narzissmus Betroffenen gut, ihre eigenen Wünsche bleiben in Beziehungen jedoch auf der Strecke. „Das Fehlen einer äußeren Grenze zeigt sich in der Unfähigkeit, sich gegenüber anderen Menschen und deren Gefühlen abgrenzen zu können. Diese Frauen zeigen dann Tendenzen, sich in dem anderen aufzulösen und von fremden Gefühlen anstecken zu lassen“, so Wardetzki (S. 68). Begleitet wird der weibliche Narzissmus von einer unerträglichen Trennungsangst, die darauf hinweist, dass die betroffene Person in der Vergangenheit, vor allem in der Kindheit, keine sichere Beziehung erlebt hat.

Narzisstische Wut

Kennzeichnend ist auch eine unbändige „narzisstische Wut“, die im Ausmaß Explosionskraft hat. Sie kann oft auch als Verlassenheitsgebärde, wie ein Schrei nach Nähe, gedeutet werden kann. Die Wut ist vor allem aber auch ein Ausdruck der unterdrückten Autonomie. Die Form des weiblichen Narzissmus mit symbiotischer Selbstaufopferung, die bis zur völligen Selbstaufgabe gehen kann, unterdrückt die innere Freiheit und Selbstbestimmung, die sich einen Weg suchen.

Wut ist Energie

Wut hat keinen guten Ruf, sie wird auch gesellschaftlich als inakzeptabel bewertet. Allerdings hat die Wut eine unbändige positive Kraft. Wut ist Energie. Sie fordert uns auf, die Stimme zu erheben, die eigene Meinung zu äußern, für die eigenen Wünsche einzutreten, Grenzen zu setzen und handlungsfähig zu werden. Wut sagt: „Stopp, hier stimmt etwas nicht“. Wut schenkt die Kraft zur Veränderung. Erst wenn die Wut zu lange unterdrückt wird und sich dann explosionsartig Raum schafft, entfaltet sie eine zerstörerische Kraft.

Für Betroffene ist wichtig, die destruktiven Muster zu erkennen und der Wut Raum zu lassen, indem man kontrolliert die Kontrolle abgibt. Neben psychotherapeutischer Begleitung kann die auch der künstlerische Ausdruck dabei helfen. Betroffenen kann ich auch sehr das Buch „Wutkraft“ von Frederike von Aderkas empfehlen.

Siehe auch:

Wutausbruch

Ulrike Hinrichs (2022)

Literatur

  • Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)
  • Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Kunst als Orientierungssinn

Kunst als Orientierungssinn für die innere Dunkelheit

Unser Orientierungssinn, mit dem wir uns im Raum bewegen, setzt sich aus mehreren Sinneswahrnehmungen zusammen. Sehen, Hören, Riechen, Tasten sind ebenso beteiligt wie der Gleichgewichts- und Muskelsinn (Tiefensensibilität der Muskeln).

Innere Dunkelheit

Wenn wir uns im Dunkeln befinden, dann können wir uns je nach dem Grad der Dunkelheit nicht mehr gut mit den Augen orientieren. Im übertragenen Sinne geht uns das auch mit unserer inneren Dunkelheit so. Traumata, schwere Lebenskrisen oder Krankheiten vernebeln uns den Blick auf die Zukunft. Alles scheint grau und düster, fühlt sich eng an. Wir wissen nicht mehr wo es lang geht, haben die Orientierung verloren.

Kunst als Navigationsgerät

Der künstlerische Ausdruck dient uns als Navigationsgerät in der Dunkelheit. Die Kunst hilft uns, die Perspektive zu erweitern, um klarer zu sehen. Die herkömmlichen gesellschaftlichen Bewertungskriterien von Kunst sind hier unbedeutend. Die Kunst entspringt unserer intuitiven Seite. Sie manifestiert intuitive Botschaften, wenn sie einen authentischen, freien Ausdruck findet. Das Kunstwerk macht Inneres im außen sichtbar.

Jedem steht eine lange vernachlässigte Form einer universellen Sprache zur Verfügung, die sich in einer unmittelbaren, intuitiven, fühlenden Wahrnehmung ausdrückt. Diese Wahrnehmung kann sich beispielsweise in Bildern, Mythen, Märchen, Geschichten, Tanz oder Musik ausdrücken. Die intuitive Seite in uns denkt in bildhaft metaphorischen Assoziationsnetzen. Assoziationen zu den Kunstwerken wecken Resonanzen und übersetzen die traumähnliche Bildsprache in Worte.

Worte schaffen Klarheit

Wir alle sprechen ganz selbstverständlich die Sprache der Buchstaben und der Worte, die dem rationalen Denken entspringt. Unsere Ratio schenkt uns die Gabe zum logischen und analytischen Denken. Wenn ich etwas benennen kann, dann kann ich es begreifen. Worte drücken aus, schaffen Klarheit, geben Orientierung. Worte sind unser alltägliches Handwerkszeug, mit dem wir Wirklichkeiten kreieren.

Wir müssen diese unterschiedlichen Formen, Wort und Bild, zusammenbringen.

Die Intuition nutzt das assoziative Denken. Der künstlerische Ausdruck lebt von der Gleichzeitigkeit. Kunst kann Widersprüchliches nebeneinander zeigen und bestehen lassen. Auch Unaussprechliches darf sichtbar werden. Die in der Entstehung befindliche Zukunft kann sich mit neuen Perspektiven zeigen. Unser Verstand hilft uns dabei, durch Worte etwas auszudrücken und uns mitzuteilen. Nur wenn wir etwas in Sprache fassen, können wir es auch reflektieren. Auf diese Weise wirken die Kräfte – Verstand und Intuition – zusammen.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

(c) Ulrike Hinrichs 2021

Angststörung: der Angst begegnen

Rasseln gegen die Angst

Das Herz trommelt

Das Herz trommelt, die Hände sind kalt und feucht, der Mund wird trocken. Angst ist eine normale Reaktion auf eine konkrete Gefahr. Flucht, Angriff? Sie alarmiert uns, damit wir der Gefahr entgehen können. Bei einer Angststörung springt unser Alarmsystem auch dann an, wenn gar keine konkrete Gefahr vorliegt. Angststörungen werden von typischen körperlichen Reaktionen der Angst begleitet, wie beispielsweise Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Übelkeit, Engegefühl in der Brust.

Angststörung

Es sind verschiedene Arten von Angststörungen zu unterscheiden. Von einer generalisierten Angststörung spricht man, wenn diffuse Ängste und Sorgen ohne angstfreie Zeiten auftreten, die zu Anspannung, innerer Unruhe, Reizbarkeit und auch Konzentrationsschwierigkeiten führen. Davon unterscheidet man phobische Störungen, die sich auf spezifische Situationen (Menschenmengen, enge Räume, weite Plätze) oder Objekte (Spinnen, Spritzen) beziehen. Eine soziale Phobie beschreibt die Angst im Mittelpunkt zu stehen. Eine Panikstörung ist eine plötzlich auftretende Angstattacke, die von oft von Todesangst begleitet wird.

Die Gründe für solche Angststörungen sind multifaktoriell. Die Auslöser können in schwer belastenden Ereignissen liegen. Soziale Belastungen wie Einsamkeit aber auch eine erhöhte Vulnerabilität können Angststörungen begünstigen. Gleichzeitig fördern andere psychische und körperliche Erkrankungen eine Angststörung.

Zur Behandlung einer Angststörung ist es sinnvoll, sich in therapeutische Behandlung zu begeben. Die Angst lähmt uns, wir ziehen uns zurück, meiden angstauslösende Situationen.

Die gute Nachricht

Sie können selbst etwas tun, sich die Handlungsmacht zurückholen. Stellen Sie sich Ihrer Angst. Dafür habe ich einen etwas ungewöhnlichen aber wirksamen Vorschlag!

Kürzlich habe ich mit meiner Kindergruppe im Kinderatelier schamanische Rasseln gefertigt. Das hatte erst einmal gar nichts mir Angst zu tun. Wir hatten einfach Spaß daran. Gemeinsam haben wir mit unseren Rasseln Geräusche gemacht und böse Geister vertrieben. Diese Idee zur Arbeit mit Kindern stellte ich in meiner Ausbildungsgruppe zur Kunsttherapie vor, in der ich als Dozentin unterrichte. Zwei der Studierenden berichteten, dass sie selbst an einer Angststörung gelitten haben.

„Eine Rassel zum Vertreiben der Angst hätte ich gut gebrauchen können“, sagte die eine. Eine andere Teilnehmerin konstatierte „und ich hätte gern mit der Rassel die Angst zum Tanzen aufgefordert“. Gern haben ich mich von den Studierenden inspirieren lassen. „Das ist eine super Idee„.

Rasseln gegen die Angst

Lassen Sie sich nicht von der Angst treiben. Drehen Sie sich um und schauen ihr ins Gesicht. Eine selbst gebaute Rassel zu verwenden, hat mehrere Vorteile. Zum einen droht bei starker Angst die Gefahr, dass man sich in ihr verliert, bei einer Panikattacke sogar Todesängste durchlebt. Hierbei ist die erste Intervention, dass Sie vom inneren Erleben ins Außen kommen. Was sehen Sie im Außen? Was hören Sie? Was riechen Sie? Was schmecken Sie? Was fühlen Sie im Außen?“ Dabei kann eine laute Rassel Sie unterstützen.

Sie können Ihre Rassel auch als ein Instrument nutzen, mit dem Sie die Angst für sich gewinnen. Sie können, wie die Studierende sagte, mit ihr tanzen. Sie können sich Mut machen, indem Sie die laute Rassel erklingen lassen. Bei Angst fühlen wir uns ausgeliefert und ohnmächtig. Sie können etwas tun! Übernehmen Sie wieder die Macht. Erschaffen Sie sich Ihr eigenes Instrument, um der Angst zu begegnen. Eine Rassel ist nur eine Idee! Gewinnen Sie wieder Oberhand, übernehmen Sie die Führung.

Zeremonien und Rituale helfen außerdem, Angst zu bewältigen und Veränderungsprozesse zu begleiten. Zeremonien durchbrechen die Alltagsroutine, ziehen damit Aufmerksamkeit und verankern Lernerfahrungen. Auch dazu kann die Rassel etwas beisteuern. In unterschiedlichen schamanischen Traditionen wird die Rassel für Zeremonien und Heilrituale eingesetzt. Die Rassel dient auch zum Aufspüren von Blockaden und negativen Energien.

Spüren Sie sich wieder. Begegnen Sie der Angst. Nutzen Sie beispielsweise Ihre selbst gestaltete Rassel dafür.

Siehe auch mein Beitrag: Unser Gehrin liebt Zeremonien und Rituale auf dem Weg zur Heilung

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

(c) Ulrike Hinrichs 2021

Heilende Wurzeln

Heilende Wurzeln

Viele Frauen sind in einem toxischen Umfeld aufgewachsen. Sie haben Vernachlässigung, Gewalt, emotionalen Missbrauch erlitten. Sie fühlen sich nicht verbunden mit ihren Wurzeln, im Gegenteil, ihre Wurzeln sind vergiftet.

Ich kenne das Gefühl mit toxischen Wurzeln zu leben. Mir hat es geholfen, mich mit mir selbst und „Mutter Erde“ zu verbinden, viel Zeit in der Natur zu verbringen. Mutter Erde liebt ihre Sprösslinge bedingungslos, lässt wachsen, nährt und unterstützt, gibt Raum, Luft zum Atmen, Schutz und Sicherheit, hält Balance, spendet Licht und Schatten, fügt sich den natürlichen Rhythmen von Werden und Vergehen, Ruhen und Tun, existiert jenseits der Zeit, lässt fließen, ist geduldig und gelassen, tröstet, ehrt alle Geschöpfe, urteilt und bewertet nicht, akzeptiert Vielfalt, schließt nicht aus, sondern ein, schafft Verbundenheit, Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Ulrike Hinrichs 1981

Die Erde ist unsere wahre Mutter

„Die Erde ist unsere wahre Mutter. Wir sind aus ihren Elementen gemacht, sie unterstützt uns und versorgt uns auf liebevolle und wunderschöne Weise mit Fülle.“[1] Die Natur verbindet uns mit den Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen des Universums.

Warum hat die christliche Religion Mutter Erde vergessen, stattdessen ihren Blick nur auf den Vater im Himmel gerichtet? In allen indigenen Völkern, schamanischen Weisheiten und fernöstlichen Traditionen wird das weibliche Prinzip, für das Mutter Erde steht, geehrt. Auch in der frühen christlichen Tradition wurde die Erde noch geheiligt. Hildegard von Bingen (1098-1179) appellierte auf Gott zu blicken und auf die Erde. Auch im Sonnengesang der Franziskaner wird Mutter Erde gepriesen (auszugsweise):

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Mit der Neuzeit trat mehr und mehr die Wissenschaft, das analytische Denken und Forschen, in den Vordergrund. Die Wissenschaft müsse uns zu „Herren und Besitzern der Natur“ machen, so Descartes (1596-1650).[2] Die heilige Mutter Erde wurde damit unterjocht, die weibliche Kraft unterdrückt. Die weibliche und männliche Urkraft standen nicht mehr in einer Balance.

Wir erleben gerade eine Zeitenwende (siehe auch: Neues Wissen – Altes Wissen). Die weibliche Energie erobert sich ihren Platz zurück. Im Individuellen wie Kollektiven können wir nur in der Ausgewogenheit der Kräfte gesund leben. Die weibliche Kraft erwecken wir mit unserer intuitiv-fühlenden Seite (Die weibliche Urkraft). Die Künste sind eine Ausdrucksform dieser Kraft.

Ulrike Hinrichs 2021

Bald mehr dazu in unserem neuen Buch (erscheint 2022): Ulrike Hinrichs & Andrea Wandel. Die Weisheit der weiblichen Wunde – Unterstützung aus der holistischen Kreativapotheke, Syngeria Verlag

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 


[1]Pritam (2019) unter „Element: Erde“

[2] Perler (2006, S. 226)

Unser Gehirn liebt Rituale und Zeremonien auf dem Weg der Heilung

Kettenreaktion

Gebetsketten kennen wir aus vielen Religionen. Im Buddhismus und Hinduismus ist es die Mala, im Islam die Tesbih und Christentum der Rosenkranz. In der schamanischen Praxis werden Perlenschnüre aus kleinen Knochen verwendet. Die Katholiken zählen an den Perlen des Rosenkranzes ihre Gebete ab. Im Buddhismus hilft die Mala zur Vertiefung in der Meditation. Im Islam benutzen die Moslems ihre Gebetskette um den Namen Allahs zu preisen. Gemeinsam haben die Gebetsketten die rituelle Wiederholung.  Bei diesen meditativen Erfahrungen werden im Gehirn durch die tiefe Entspannungssituation Theta Frequenzen aktiviert. Der Theta Bereich steigert die Empfänglichkeit für innere Bilder und die Intuition. Bei gemeinschaftlichen Gebeten synchronisieren und vernetzen sich die Gehirne der Menschen.[1] „Synchronisierte Schwingungsprozesse“ sind das „verknüpfende Prinzip der Interaktion von Gehirn, Körper und Umwelt“, so Fuchs.[2] Auch künstlerische Prozesse bringen uns in einen Flow und wecken bestenfalls diesen Bereich der Theta Wellen. In solchen Entspannungssituationen kommt es zu einem intensivierten inneren Erleben, das oft von einem verstärkten inneren Bilderfluss begleitet wird. Die Intuition wird in Problemsituationen durch vergangenheitsgeleitete Denk- und Gewohnheitsmuster eher blockiert und im Umkehrschluss durch Herausforderungen und neue Situationen geschärft.

Unser Gehirn liebt Rituale und Zeremonien

Wir können künstlerische Prozesse als Rituale und Zeremonie nutzen, um Veränderungsprozesse zu bewältigen. Vor allem unsere ältesten Gehirnteile, der Hirnstamm und das limbisches System, lieben Rituale und Zeremonien. Der Mandelkern  (Amygdala) und der Hippocampus als Teil des limbischen Systems regeln vor allem unsere emotionalen Reaktionen. Insbesondere die Entstehung von Angst ist im Mandelkern verankert. Das limbische System prüft einströmende Umweltreize und reagiert mit Emotionen wie  beispielsweise mit Wut, Gewalt und Angst auf Stresssituationen. Es sichert unser Überleben durch schnelle Reaktionen. In lebensbedrohlichen Gefahrensituation wird unmittelbar mit Flucht, Angriff oder Erstarrung reagiert. Durch unverarbeitete Traumata sind unsere Angstzentren oft übersensibel, reagieren also auch, wenn gar keine wirkliche Gefahr vorhanden ist. Gerade in Situationen, die an ein ursprüngliches Trauma erinnern, reagiert unser System hochsensibel.

Zeremonien verankern Lernerfahrungen

Zeremonien und Rituale helfen, Angst zu bewältigen und Veränderungsprozesse zu begleiten. Zeremonien durchbrechen die Alltagsroutine, ziehen damit Aufmerksamkeit und verankern Lernerfahrungen. Sie unterstützen Transformationsprozesse. Wir kennen solche Zeremonien für Übergangs- und Veränderungsprozesse in vielen Lebensbereichen. Taufe, Konfirmation oder Jugendweihe, Trauerfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, sind einige davon.

Mit Zeremonien meine ich keine komplexen gar religiös gesetzten Abläufe. Eine kleine Zeremonie kann auch ein bewusst gestaltetes Bild zu einem schwierigen Lebensthema sein. Ich kann mir künstlerisch ein Krafttier oder einen sicheren Ort erschaffen oder auch ein altes Trauma begleitend künstlerisch verdauen (siehe zum Beispiel Die Weisheit der Wunde entdecken).

Jenseits unseres Verstandes, der zwar viele Dinge verstehen, aber nicht begreifen kann, sprechen wir mit Zeremonien unsere Seele an. Sie bevorzugt und versteht eine Sprache der Bilder, Mythen, Zeremonien, Märchen und Geschichten. Unser innerer Heiler/ unsere innere Ärztin wird erweckt.

Ulrike Hinrichs 2021

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Literatur


[1] Mehr dazu in meinem Buch “Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen “

[2] Fuchs, Thomas (2008, S. 7). Geleitwort. In: Scheuerle, Hans Jürgen. Das Gehirn ist nicht einsam. Resonanzen zwischen Gehirn, Leib und Umwelt. Stuttgart: Kohlhammer.

Die Weisheit der Wunde entdecken

Moosbild – Drei Steine für deine drei größten Traumata

Viele von uns werden von traumatischen Ereignissen aus der Kindheit bis ins hohe Alter verfolgt. Traumata bedingen einen schwerwiegenden Kontrollverlust bis hin zu Ohnmachtsgefühlen. Das führt zur Dissoziation, der Abtrennung vom Fühlen. Und das ist in der akuten traumatischen Situation eine großartige Reaktion unseres Körpers, denn sie ermöglicht uns, dass wir eine solche Situation überleben. Bleibt dieser Zustand erhalten, dann behindert er unser Leben. Unser Nervensystem ist hochempfindlich, Gefahren lauern überall. Wir fühlen uns wie ein Astronaut im eigenen Körper. Durch Kontrolle des Lebens und der Umstände, versuchen wir die Wiederholung traumatischer Ereignisse zu vermeiden. Dabei greifen viele zu Alkohol und anderen Betäubungsmittel, werden zu Workaholics oder verfallen in unkontrollierte Kaufräusche, um die innere Leere zu stopfen. Das Leben wird eng und kontrolliert.

Trauma braucht Großzügigkeit

Fühlen ist der erste Schritt zur Heilung, uns aus der Erstarrung lösen, den tiefen Schmerz zulassen. Wir müssen uns der (Todes-)Angst stellen, die traumatischen Ereignissen innewohnt. Trauma braucht Großzügigkeit, sich selbst zuhören, für sich selbst da sein, den Schmerz bezeugen. Wir dürfen auftauen. Trauma-Transformation verflüssigt die Realität. Die Weisheit der Wunde hinter unserem Trauma können wird nur erfahren. Das kann ein langer Prozess sein, therapeutische Unterstützung ist dafür angezeigt. Gleichzeitig bedarf es eines hohen Maßes an Selbstfürsorge. Oft erlebe ich, dass Klientinnen trotz Therapie und Selbsterkenntnis sich selbst bestrafen und beschimpfen, ungnädig mit sich sind, wenn sie Fehler machen. Wenn du dich fragst, was du tun kannst, dann geht es in einem ersten Schritt um eine  Selbstfürsorge.

Kontrolliert die Kontrolle abgeben

Ich möchte dir ein wundervolles Ritual vorschlagen, das auch ich für mich zelebriert habe. Es kommt aus der schamanischen Tradition. In einem ersten Schritt suchen wir uns drei Steine (ganz gewöhnliche Steine, z.B. aus dem Wald oder vom Meer). Diesen Steinen hauchen wir anschließend unsere drei größten Wunden (Traumata) ein. Widme jedem Stein ein Trauma.  Mit diesen Steinen kreieren wir ein Sandbild, das von einem Kreis gehalten wird. Das Bild darf mit anderen Fundstücken geschmückt werden, wie etwas Federn, Tannenzapfen, Muscheln, Obst. Auch diesen Utensilien hauchen wir etwas ein, Wünsche, Bedürfnisse oder Themen, die mit den Traumata zusammenhängen. Bei so einem Sandbild geht es aus der schamanischen Sicht darum, die schwersten Traumata zu transformieren und die Steine in Heilsteine zu verwandeln. Der Schamane nutzt sie für seine Heilarbeit. Denn unsere größten Kraftquellen verbergen sich hinter unseren traumatischen Erfahrungen.

Da ich am Fuße der Harburger Berge wohne, wo Sand Mangelware ist, wurde aus meinem Sandbild ein Moos-Bild. Das Naturbild lassen wir einige Tage liegen, schenken ihm Aufmerksamkeit, beobachten es, geben intuitiv neue Dinge hinzu, nehmen andere heraus. Bei mir flog vom Winde verweht eine Feder aus dem Kreis heraus. Ein schönes Symbol, dachte ich mir. Die Eichhörnchen klauten sich die Nüsse, die ich ins Bild gefügt hatte. Nachdem das Bild mindestens 3-4 Tage gelegen hat, übergeben wir die Einzelteile der Natur. Aus deinen Trauma-Steinen sind Heilsteine geworden. Ein schöner Anker, um dich an deine Kraft zu erinnern. Das ist die Weiheit der Wunde.

Bei dieser Übung passiert ganz automatisch etwas Beachtliches: wir beschäftigen uns mühelos und spielerisch mit den Ressourcen und Kräften, die uns ein traumatisches Erlebnis geschenkt hat, während wir sonst oft nur über die Qualen nachdenken.

Unser Gehirn liebt Zeremonien, Rituale und Bilder, wenn es darum geht, Veränderungsprozesse zu bewältigen. Wir kennen solche Zeremonien kulturell zu allen möglichen Anlässen, Hochzeiten, Konfirmation oder Jugendweihe, Beerdigungen, Geburtstage, Feiern zu bestimmten Ereignissen. Spirituelle Richtungen und alle Religionen sind voll von Ritualen und Zeremonien. Sie helfen uns, gerade schwierige Wandlungsprozesse durchzuhalten und zu vollziehen. Auch künstlerische Prozesse unterstützen Wandelungsprozesse.

Ich möchte das nun noch etwas anschaulicher illustrieren. Über mein größtes Trauma habe ich schon oft berichtet. Siehe dazu auch Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain Barré Syndrom

Medusa 1981

Im Jahre 1979, mit 14 Jahren, erkrankte ich an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (Akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom), eine schwere Autoimmunerkrankun. Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden. Ich war über sechs Wochen in meinem komplett gelähmten Körper gefangen, konnte nicht mehr sprechen, schlucken, mich artikulieren, sah nur noch Doppelbilder. Das einzige, was im Kontakt zur Außenwelt funktionierte, war mein Höhrsinn. Ich hatte zu dieser Zeit dem Tod in die Augen geschaut. Ich stand kurz davor, dass die Krankheit die inneren Organe wie Herz und Lunge lähmte. Dieser Zustand ist lebensbedrohlich. Es war unklar, ob ich wieder vollständig genesen würde.

Nach meiner Krankenhausentlassung dauerte die Rekonvaleszenz  noch etwa ein Jahr. Lange Zeit saß ich im Rollstuhl. In dieser Zeit entstand das Bild von Medusa, eine der drei Gorgonen – Gespenster mit Schlangenhaaren –  aus der griechischen Mythologie. Nach der Sage heißt es, dass jeder der in ihre Augen blickt, augenblicklich in Stein verwandelt wird. Man erkennt in meinem Kunstwerk aus Teenagerjahren die Eiseskälte, den elektrisierenden Blick aus leeren Augen.

Medusa ist ein archetypisches Bild von  Wut, Verrat und Scham, beschreibt es auch Ursula Wirtz in ihrem Buch: Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. Das Symbol der Versteinerung, das Medusa repräsentiert, steht im Traumakontext auch für emotionale Betäubung. Der Mythos von Medusa  wird auch als Aspekt der Dissoziation gesehen, das Abtrennen des Kopfes vom Körper. Und genau das ist auch in der Symbolik der Krankheit geschehen. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Schon lange bin ich auf der Fährte der hellen und lichten Seite der Medusa als Schlangengöttin; ihrer Weisheit.

Was kann ich durch diese Erfahrung besonders gut? Das habe ich mich anlässlich meines Moos-Bildes noch einmal gefragt.

Medusa 2.0

Ich habe eine Medusa 2.0. dazu erschaffen. Sie trägt die Schlangen als wunderschöne Haartracht. Sie blickt nach innen, nicht nach außen. Eine meiner Stärken, die durch das Trauma erweckt wurden, sind meine ausgeprägten Sinne. Oft höre, fühle, sehe ich Themen, die unausgesprochen in der Luft liegen. Ich habe keine Berührungsängste vor den tiefen Wunden und Schmerzen meiner Klientinnen. Meine größte Dissoziation durch die Erkrankung lässt mich auch die Dissoziation und den tiefen Schmerz anderer fühlen. Ich kann Themen wie Folter und Todesnähe, die mir in meinen Flüchtlingsgruppen begegnen oder auch Gewalterfahrungen, die in meiner Frauengruppe oft Thema sind, nehmen, aushalten, bezeugen. Für traumatisierte Menschen ist besonders wichtig, dass andere ihren Schmerz bezeugen können, indem ihnen jemand wirklich zuhört. Ich habe zudem ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl für verletzte Wesen. Der Tod in meinem Leben ist für mich eine Inspiration und Quelle geworden. Durch das Aufwachsen in einem narzisstischen Familiensystem (was den psychologischen Hintergrund zu meiner Erkrankung erklärt) wittere ich narzisstischen Missbrauch bei meinen Klientinnen unmittelbar. Viele berichten mir, dass sie schon Jahre Therapie gemacht haben, ohne dass sie vom Thema Narzissmus wussten. Für viele ist es daher eine große Hilfe. Dies sind einige Beispiele für meine Kraftquellen. Welches sind deine?

Ulrike Hinrichs 2021

Kunst hilft heilen!

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Das narzisstische Familiensystem

Wie die Kunst helfen kann: Kunst als Reiseführer der Seele

Beim narzisstischen Familiensystem gibt es wie auf einem Schlachtfeld Schwerverletzte unter allen Beteiligten. Insbesondere der mütterliche narzisstische Missbrauch findet in einem Familiensystem statt, das gesellschaftlich tabuisiert und daher oft unentdeckt bleibt. Das Bild der nährenden und liebenden Mutter steht im Vordergrund unserer gesellschaftliche  Wunschperspektive.

Narzissmus als psychische Erkrankung ist eine Spektrumsstörung, die graduellen Ausprägungen sind unterschiedlich. Es zeigen sich Unterschiede zwischen einzelnen betroffenen Menschen und es gibt auch individuelle situationsabhängige Schwankungen. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung benutzen andere zur Selbstspiegelung, Bestätigung und um sich zu spüren. Im Fokus steht eine Selbstbewertungsstörung.

Menschen mit einer narzisstischen Störung wurden in ihrer kindlichen Psyche schwer verwundet. Narzisstische Muster entstehen, wenn primäre Bezugspersonen wie die Eltern dem Kind zu wenig emotionale Einstimmungen spiegeln. Fehlt das akzeptierende Feedback der Bezugsperson auf Gefühle des Kindes oder werden bestimmte Gefühle des Kindes durchgehend abgelehnt, so spaltet das Kind die abgelehnten Gefühle vom eigenen Selbst ab, um sich der Zuneigung und Liebe der Bezugsperson sicher zu sein. Um ihr verletztes Selbst zu regulieren^, haben Betroffene Überlebensstrategien entwickelt. Kennzeichnend für die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine ausgeprägte Selbst­überhöhung bei gleichzeitiger Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Gerade Schattenthemen werden im Außen (bei anderen Menschen) vehement bekämpft, damit der eigene Schatten sich nicht aus dem Kellerverlies befreien kann. Das Selbstwertgefühl kann nicht ausreichend reguliert werden.

Das zentrale Motiv in Beziehungen ist Anerkennung

Gefühllose und die Selbständigkeit des Kindes unterdrückende Erziehungsmuster sind symptomatisch für narzisstische Verhaltensweisen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung wirkt toxisch und zerstörerisch auf ihr Umfeld. Das zentrale Motiv in Beziehungen, und zwar auch zu den eigenen Kindern, ist von Anerkennung dominiert. Sie bestimmt das gesamte Handeln der betroffenen Person.[1] Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sehen sich und andere daher nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie sie haben möchten.[2] Es kommt zu Idealisierung oder Abwertung anderer Menschen, auch gegenüber den eigenen Kindern.

Das Spielfeld von Narzissten

Narzissten haben eine Art inneres Spielfeld, das aussehen könnte wie ein Schachbrett, auf dem die Mitmenschen in ihrer Umgebung wie Figuren gestellt werden. Es ist das Feld der Bewertung, wie es der Psychiater Hagemeyer nennt.[3] Ich finde diese Metapher eines Spielfeldes sehr passend, weil man sich so die Aktion und Reaktion eines Narzissten gut vorstellen kann. Es folgt eine permanente Bewertung und Einordnung der Figuren auf dem Feld. Sind sie nützlich, sind sie wohl möglich besser als ich, wie sehen sie aus, was wollen sie von mir, wofür kann ich sie benutzen? Die Bewertungskriterien können sich auch ändern. Mal wird eine andere „Figur auf dem Spielfeld“ überhört. Wenn sie den narzisstischen Anforderungen nicht gerecht werden sollte, wird die Person wieder verschoben und abgewertet.

Kontrolle und Manipulation

Zur Aufrechterhaltung dieses Systems kontrollieren und manipulieren Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ihr gesamtes Umfeld. Auch unter den Geschwistern wird ein so genanntes Goldkind ausgewählt und ein Kind, das den Sündenbock darstellt. Das eine Kind wird überhört, das andere abgewertet, beide gegeneinander ausgespielt. In der unmittelbaren Umgebung des Narzissten werden Bewunderer und Follower gesucht, die die vermeintliche Grandiosität teilen. Andere Menschen, die eine solche Bewunderung nicht zeigen, werden als Gegner angesehen. Kompromisse oder eine gesunde Austragung von Konflikten, widerstreitenden Interessen, gibt es nicht.

Es braucht wenig Fantasie sich vorzustellen, wie destruktiv und zerstörerisch solche Muster auf Kinder wirken. Töchter narzisstischer Mütter haben zudem noch mit einer weiblichen Konkurrenz zu tun. Die aufkeimende Weiblichkeit der Tochter muss von der Mutter abgewertet werden, um die eigene Schönheit und Weiblichkeit aufrecht zu erhalten. Von Sätzen wie „du bist zu fett“, „du kriegst sowieso niemanden ab“ oder auch „du bist hässlich“ berichten Klientinnen in allen Facetten. Auch der Partner der Tochter wird entweder abgewertet oder die Mutter selbst umwirbt ihn. „Meine Mutter behauptete immer, dass angeblich alle meine Exfreunde was von ihr wollten“, schilderte eine Klientin. Solche Erfahrungen sind sehr typisch.

Traumatisierendes Familiensystem

Kinder in solchen Familiensystemen wachsen in einer Trauma-Atmosphäre auf.

Einige typische Folgen für Betroffen sind:

  • Fehlender Selbstwert, fehlendes Vertrauen in Menschen, fehlendes Urvertrauen
  • Ohnmachtserfahrungen bis hin zu Todesangst (Die Angst vor dem Verlassen werden wirkt für Kinder lebensbedrohlich)
  • Ein großes Bedürfnis nach Bindung bei gleichzeitiger unüberwindbarer Angst vor Bindung (Nähe-Distanz Probleme)
  • Schwierigkeiten Grenzen zu setzen (Angst vor Liebesentzug, Verlassen werden)
  • Permanente Überachtsamkeit, dass etwas Schlimmes passieren könnte (Ohnmachtsgefühle aus der Kindheit, kein Vertrauen)
  • sich von toxischen Menschen angezogen fühlen (Wiederholungsmuster des narzisstischen Missbrauchs)
  • Schwierigkeiten, um Hilfe zu bitten (Angst vor Ablehnung)
  • Taubheitsgefühle (emotionale und körperlich Taubheit), Rationalisierung
  • Suchtverhalten (die innere Leere auffüllen)
  • Toxische Scham und Schuldgefühle
  • Überbetonung von Leistung, Erfolg
  • Angst vor Menschen, soziale Phobien
  • Angststörungen, Borderline Störung, eigene narzisstische Persönlichkeitstörung

In unserem neuen Buch (erscheint 2022) „Die Weisheit der weiblichen Wunde“ bekommen u.a. auch vom toxischen Narzissmus betroffene Frauen eine Stimme. Nur jede einzelne selbst kann sich bewusst aus dem Spinnennetz des Narzissmus befreien. Dazu bedarf es im allersten Schritt einer Bewusstheit für das Thema. 

Kreativität ist ein Schlüssel zur Befreiung aus dem narzisstischen Erbe

Siehe auch

Unser neues Buch erscheint 2022: Ulrike Hinrichs & Andrea Wandel, Die Weisheit der weiblichen Wunde – Unterstützung aus der holistischen Kreativapotheke, Syngeria Verlag


[1] Sachse, Rainer (2020). Persönlichkeitsstörungen verstehen. Zum Umgang mit schwierigen Klienten. Köln: Psychiatrie Verlag.

[2] Johnson, Stephen M. (2011). Der narzisstische Persönlichkeitsstil.

[3] Hagemeyer, Pablo (2020. S. 227). „Gestatten ich bin ein Arschloch“. Ein netter Narzisst und Psychiater erklärt, wie Sie Narzissten entlarven und ihnen Paroli bieten.

Kunst hilft heilen!

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Narzissmus und der verwurmte Apfel

Narzissmus ist in seiner gesunden Ausprägung eine wichtige Eigenschaft jedes Menschen. Alle Menschen verhalten sich in ihrem Leben mehr oder weniger narzisstisch. Narzissmus in seiner positiven Kraft bringt uns in Aktion, lässt uns im Rampenlicht stehen und Menschen begeistern. Nicht jede Selbstbezogenheit beschreibt daher eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. In seiner pathologischen Form ist Narzissmus zerstörerisch und oft menschenverachtend.

Für pathologische Narzissten sind andere Menschen nur wichtig, wenn sie eine Funktion für sie erfüllen. Das gilt auch für die eigenen Kinder. In meiner Arbeit mit verletzten Frauen begegnen mir immer wieder Klientinnen, die unter pathologisch narzisstischen Eltern aufgewachsen sind. Männern billigt man gesellschaftlich eher ein auch überzogenes narzisstisch Verhalten zu, passt es doch gut in das leistungsorientierte Gesellschaftssystem. Der mütterliche Narzissmus dagegen ist ein Tabu. Viele Frauen, die unter narzisstischen Müttern aufgewachsen sind, haben gar keine Worte dafür, was ihnen wiederfahren ist. Immer wieder höre ich von Klientinnen, dass sie oft jahrelang Psychotherapie gemacht haben, aber nie auf dieses Thema gestoßen seien. Auch ich habe als Betroffene erlebt, dass Therapeut*innen das Ausmaß dieses Missbrauches oft gar nicht nachvollziehen können.

Den pathologischen Narzissmus kann man in weiblichen und männlichen Narzissmus unterschieden. Diese Zuordnung beschreibt männlich und weiblich narzisstische Persönlichkeitsanteile und stellt keine Geschlechterzuordnung dar. Männer können demzufolge weiblich narzisstische Anteile zeigen und Frauen männliche, ebenso gibt es Mischformen.  Wir alle haben männliche und weibliche Qualitäten.

Das weibliche Prinzip steht in seiner positiven Ausprägung für Hingabe und Empfänglichkeit. Die weibliche Kraft in der toxischen Übertreibung bedeutet Einengen, Festhalten, Abhängig machen, Verschlingen, Fressen und Zerstören. Das männliche Prinzip beschreibt den aktiven Teil in uns. In seiner negativen Ausprägung, wie wir es beim männlichen Narzissmus finden, führt diese Kraft zur Überbetonung von Leistung und Erfolg. Auch eine narzisstische Mutter kann ausgeprägt männlich narzisstische Verhaltensweisen zeigen, die eher auf Grandiosität, Erfolg und Leistung ausgerichtet ist. Diese Mutter würde etwa für sich selbst eine erfolgreiche Karriere anstreben und dies vor allem auch von ihren Kindern verlangen. Während der männliche Narzissmus von Macht und Erfolg dominiert wird, zeichnet den weiblichen Narzissmus vermeintliche Überfürsorge und Besorgnis aus. Auch die sich für ihre Tochter vermeintlich „aufopfernde Mutter“ wird dem weiblichen Anteil zugeschrieben. Diese Form des oft unerkannten Narzissmus wird auch vulnerabler Narzissmus bezeichnet. Diese Frauen impfen ihren Töchtern Schuldgefühle ein, indem sie immer wieder betonen, was sie alles für ihr Kind aufgegeben haben, wie sehr sie sich doch kümmern würden. Die übertrieben sorgenvolle narzisstische Mutter nutzt die Bedürftigkeit des Kindes indem sie die Tochter bestenfalls Zeit ihres Lebens in der Abhängigkeit hält.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung setzen alles daran nach außen perfekt zu erscheinen, sei es im Hinblick auf die Familie oder die eigene Attraktivität und Schönheit. Deshalb ist für Außenstehende der narzisstische Missbrauch, der ohnehin sehr subtil ausgeübt wird, schwer zu erkennen. Es bestehe zudem die stillschweigende Übereinkunft, dass über diese narzisstische Familiendynamik nicht diskutiert, geschweigen denn etwas nach außen getragen wird, so die Psychotherapeutin  McBride, die den Vergleich zum wunderschönen Apfel findet, der äußerlich perfekt, aber innerlich „verwurmt“ ist.[1]

Zur Aufrechterhaltung des narzisstischen Selbstbildes sind eigene Fehler, vor allem aber auch Fehler der Kinder unbedingt zu vermeiden. Alles muss perfekt sein. Gleichzeitig vermittelt die narzisstische Mutter ihrer Tochter, alles besser zu können, grandios zu sein. Auf vermeintliches Fehlverhalten der Tochter wird mit Liebesentzug oder sogar körperlicher Gewalt reagiert.

Bestrafung durch Liebesentzug

Eine Klientin berichtete: „Ich wurde auch für die kleinsten Vergehen mit tagelangem Schweigen bestraft. Manchmal dauerte es Wochen. Ich wusste nie, woran ich bei meiner Mutter bin. Manchmal ging sie wortlos und ich wusste nicht, ob sie jemals wiederkommt. Irgendwann tat meine Mutter dann wieder so als wenn nichts gewesen wäre.“

Töchter narzisstischer Mütter lernen sehr schnell, ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken und richten sich stattdessen nach den Befindlichkeiten der Mutter. Darauf wurden viele Töchter trainiert, um der Mutter keinen Ärger zu bereiten, um ihren Zorn nicht zu entfachen. Feinste Gesten und Veränderungen in der Stimmung der Mutter musste die Tochter interpretieren können. Und diese bitter erlernte Gabe, hat die Tochter sie erst einmal erkannt, kann sie auch für ihre Selbstheilung nutzen. In einem ersten Schritt müssen Betroffene wieder lernen, zu fühlen, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu artikulieren. Da sie gelernt haben, dass die Formulierung eigener Bedürfnisse zu Liebesentzug führen wird, ist das Thema in Beziehungen oft sehr schwierig. Betroffene Frauen verlieren sich in der Beziehung, missachten ihre eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse.

Die Seele erstarrt

Viele fliehen in den Perfektionismus. Bloß nichts falsch machen. Perfektionismus ist die Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit und der Besorgnis, dass andere dies bemerken könnten. Die Seele erstarrt, hemmt das Leben, führt zur Angst vor Liebesentzug und Ausgrenzung. Perfektionismus beinhaltet ein Streben nach hohen eigenen Standards und ein hohes Maß an Organisiertheit. Die Besorgnis hinter dem Perfektionismus ist der leistungsbezogene Zweifel, eine Fehlersensibilität und eine Bewertungsängstlichkeit. Auch kollektiv kommen wir aus einer narzisstischen Epoche, die das Prinzip Liebe für Leistung fördert.

In unserem neuen Buch „Die Weisheit der weiblichen Wunde“ bekommen u.a. auch vom toxischen Narzissmus betroffene Frauen eine Stimme. Nur jede einzelne selbst kann sich bewusst aus dem Spinnennetz des Narzissmus befreien. Dazu bedarf es im allersten Schritt einer Bewusstheit für das Thema.

Kreativität ist ein Schlüssel zur Befreiung aus dem narzisstischen Erbe

Siehe auch

Ulrike Hinrichs 2021

Unser neues Buch erscheint 2022: Ulrike Hinrichs & Andrea Wandel, Die Weisheit der weiblichen Wunde – Unterstützung aus der holistischen Kreativapotheke, Syngeria Verlag

Literatur


[1] McBride, Karyl (2017),  Werde ich jemals genug sein?“ Töchter narzissti

Kunst hilft heilen!

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Die innere Heilerin

Herzblut

Die innere Heilerin

Durch das authentische künstlerische Schaffen mobilisieren wir unsere Selbstheilungskräfte. Wir können dieses Leitsystem auch Intuition oder intuitive Führung nennen. Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Hans Hein, der das Vorwort zu meiem Buch geschieben hat, konstatiert, dass der/die innere Heiler/in so etwas wie ein eingebauter Resonanzdetektor sei, der sensibel auf die Wahrnehmung von körperlichen, emotionalen und seelischen Unstimmigkeiten ausgerichtet sei.[1]

„Der physiologische Hintergrund dieser Fähigkeit speist sich aus all den Anteilen in unserem Nervensystem, die mit dem evolutionären und archaischen „Urwissen“ unserer Körperinformation verbunden sind. Die Kunst ist es genau das wahrnehmbar und zugänglich zu machen. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition und die Übersetzung der inneren Wahrnehmungen in Bilder von Gestalten, die sehr oft mythischen Charakter haben, also eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten herstellen. Mittlerweile gibt es eine wissenschaftliche Betrachtung von zwei Grundformen des Denkens, das schnelle und das langsame. Das schnelle entspricht der intuitiven holografischen Wahrnehmung, das langsame eher der dem logisch sequenziellen. Der innere Heiler ist eine Funktion der unmittelbaren  Wahrnehmung der individuellen Realitäten mit der Chance die verzerrenden und krankmachenden Schwingungsmuster zu identifizieren und zu verändern“, so Hein.[2]

Künstlerische Prozesse können den Weg der Heilung unterstützen.

Wie sieht dein innerer Heiler, deine innerer Ärztin aus? Lass dich überraschen. Das kann ein konkretes Wesen sein, aber auch in abstrakten Bildern können sich diese Energien ausdrücken. Welche Farbe zieht dich an? Welche Form? Fühle intuitiv, ob es sich um einen männliche oder weibliche Energie, einen Arzt oder eine Ärztin, handelt. Hier geht es nicht um Geschlechterzuschreibungen, sondern um die polaren Urkräfte, Tun und Sein. Die männliche Urkraft steht für anderer Impulse als die weibliche.

Diffus, fließend und formlos

Das weibliche Prinzip steht in seiner positiven Ausprägung für Hingabe und Empfänglichkeit. „Tief in uns verborgen leben eine innere Frau, eine Magierin und Feuerhüterin. Sie kümmert sich darum, dass das innere Leuchten, die Urkraft, nie erlischt. Sie ist ganz lebendig, voller Ideen, Mut und grenzenloser Loyalität, angefüllt mit weisen Einsichten und Liebevollen Empfindungen“, beschreibt es Westphalen.[3] Die weibliche Energie ist eher diffus, fließend und formlos. Gleichzeitig ist sie schöpferisch-gestaltend, gebärend, verwandelnd und heilend. Die weibliche Kraft, die etwa in der Medizin der schamanischen Tradition vertreten ist, sieht das größere Ganze, hat einen Meta-Blick.[4]

Impulsiv, spontan und zielgerichtet

Das männliche Prinzip beschreibt das Denken, Handeln und die Aktivität. Die männliche Energie ist impulsiv, spontan, zwanglos, triebhaft, fokussiert und zielgerichtet, kämpferisch, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert. Die männliche Urkraft finden wir auch in der klassischen Medizin vertreten, die bis in die kleinsten Details hinein untersucht und forscht. Positiv gelebte männliche Kraft führt zu Mut, Entschlossenheit, Klarheit, Akzeptanz und größtmöglicher Freiheit.

Welche Botschaft hat deine innere Heilerin für dich?


Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

[1] Hein, Hans in Hinrichs (2019, S.74). Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen.

[2] Ulrike (2019, S. 74). Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen.

[3] Westphalen, Jutta (2016, S. 659). Die Urkraft der Weiblichkeit oder weshalb Frauen die besseren Lebenskünstler sind“

[4] Croissier, Getrude R. (2006), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung.

Fibromyalgie – Krankheit als Bild

Wenn deine Krankheit eine Landschaft wäre, wie sähe die aus?

Fibromyalgie

Die 57-jährige Klientin   leidet seit vielen Jahren unter Fibromyalgie, eine chronische Schmerzerkrankung, die sich durch Schmerzen in verschiedenen Körperregionen äußert. Die Schmerzen können auf der Haut, in den Muskeln und Gelenken spürbar sein. Andere typische Beschwerden sind Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme.

In unserer Gruppe „Krankheit als Bild“ arbeiten wir mit der Kunst als Ausdrucksform. Die Kunst dient uns als Übersetzungshilfe für unbewusste Problemthemen. Symbole können diese Themen auf einer metaphorischen Ebene verdichten und auf den Punkt bringen.  

Wenn dein Schmerz, dein Symptome, deine Erkrankung eine Landschaft wäre, wie würde diese aussehen? So lautete der Auftrag für ein Bild. Durch solche metaphorischen Verwandlungen von Körpersymptomen wechseln wir vom rational analytischen Denken zum intuitiven Fühlen. Wir schöpfen aus der Quelle des Unbewussten.

www.krankheit-als-bild.de

Die Klientin malte einen Vulkanausbruch, vor dem sich talabwärts eine friedlich wirkende Weidelandschaft ausbreitet. Sie berichtete, dass sie ursprünglich eine Berglandschaft habe malen wolle. Im Malprozess sei sie ganz hibbelig geworden. Voller Energie. Aus den Bergen wollten Vulkane werden, die ihre Lava ins Tal ergießen.

Neben ganz individuellen Assoziationen der Klientin und der Gruppenteilnehmer*innen helfen bei der Kunst als Sprache der Intuition auch kollektive Deutungen von Symbolen. C.G. Jung hat sie als Archetypen beschrieben. Auch die Landschaft selbst zeigt ihre Potentiale im Kontext der Erkrankung. Bei einem Vulkan brodelt es lange Zeit unter der Oberfläche, bis sich plötzlich und unerwartet die heiße Lava in Feuerfontänen erbricht. Wie aus einem Drachenschlund speit der aktive Vulkan Feuer. „Das Feuer entzündet bei Sonnenhitze die Natur, brennt lichterloh und mit züngelnden Flammen, glüht und schwelt es unterirdisch, bricht mit einem Mal aus und verwandelt sich in ein rasendes Inferno. Alles Lebende wird auf irgendeine Art von Feuer befruchtet, temperiert, zur Reife gebracht oder vernichtet“, beschreibt es Ami Ronneberg (Das Buch der Symbole. Betrachtungen zu archetypischen Bildern, S. 82)

Im übertragenen Sinne kann die Symbolik des Vulkans und des Feuers beuteten, dass etwas nach draußen will, was unter der Oberfläche gefangen ist. Lebensfeuer?! Leidenschaft!? Lebenskraft? Wünsche, Ideen werden möglicherweise unter dem Deckel gehalten. Gefühle werden kontrolliert. Es gibt viel unterdrückte Wut. Der Ärger wird festgehalten.

Auch Symptome zeigen eine symbolische Bedeutung. Der Mediziner und Arzt Ruediger Dahlke ist auf diesem Gebiet ein Vorreiter. In seinem Buch „Krankheit als Symbol“ beschreibt er zu  einzelnen Symptomen die jeweilige Deutungsebene und zeigt Wege zur Einlösung der unbewussten Themen auf. Zur Fibromyalgie schreibt er auszugsweise: große Angst vor Veränderungen, enorme Vorsicht und Rücksicht (auf sich selbst), lieber am Gewohnten festhalten, als Ausbruchsversuche wagen, die Umsetzung innerer Impulse in äußere Aktivitäten funktioniert nicht gut oder nur unter Schmerzen.

„Die Krankheit hält mich vom Leben ab“, so die Klientin, „aber vielleicht bedeutet der Vulkan tatsächlich auch noch etwas anderes. Ich kann nämlich seit Jahren nicht  mehr über meine Situation weinen. Es kann mir noch so schlecht gehen, Tränen kommen nicht. Vielleicht bräuchte ich mal so einen Vulkanausbruch.“

Einige Impulsfragen könnten lauten:

  • Wofür brennst du wirklich?
  • Wo willst du ausbrechen?
  • Wofür brauchst du deine Kraft wirklich?
  • Wo brennt es unter der Oberfläche, in der Seele?
  • Wo unterdrückst du Lebensenergie, Leidenschaft?
  • Welche Wünsche und Ideen wollen verwirklicht werden?
  • Wo steckt der Schmerz fest?
  • Wir kannst du deine inneren Kräfte mobilisieren?
  • Was macht dir Druck? Was unterdrückst du?
  • Wer oder was ärgert dich?
  • Wie steht es um deine Wut, darf sie ein Ventil bekommen?
  • Was will befruchtet was will vernichtet werden?
  • Was will zu Leben erwachen?
  • Wer oder was darf und muss aus deinem Leben gehen?
  • Wovon brauchst du mehr oder weniger?
  • Was nährt dich? Was gibt dir Kraft?
  • Wann bist du in deiner Kraft, Lebensenergie?
  • Wie steht es um deine Balance zwischen TUN und SEIN?

.

Magie to go

In der Gruppe haben wir zu unserer Bildern noch ein kleines Experiment gewagt. Die Teilnehmer*innen haben sich zu ihrer Erkrankung eine Frage aufgeschrieben, die den anderen vorborgen blieb. Bei der Bildbetrachtung durch die Gruppe lautete der Auftrag. „Wie ist die Antwort auf die unbekannte Frage?“ Ein Auftrag, der unseren Verstand durcheinander bringt. Denn wie soll man eine Frage beantworten, die man nicht kennt? Die Antwort liegt im Bild. Wir können die Antworten intuitiv wahrnehmen.

„Wozu willst du mich bringen“, lautete die geheime Frage der Klientin, die die Gruppe erst nach den folgenden Antworten der anderen Kursteilnehmer*innen erfuhr: 

  • Lass es raus
  • Mach es so wie DU es möchtest
  • Lebe wieder

Die Klientin war überrascht, wie passgenau die Antworten zutrafen. So funktioniert die Kunst als Sprache der Intuition. Es ist immer wieder Magie für mich.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Multiple Sklerose – Krankheit als Bild

Wenn dein Symptom ein Tier wäre, welches wäre es? Die Ameise für Multiple Sklerose

Die 30-jährige Klientin bekam vor einem halben Jahr die Diagnose Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Körpereigene Zellen greifen die Myelinscheiden von Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark an.

In unserer Gruppe Krankheit als Bild arbeiten wir  mit der Kunst als Ausdrucksform. Die Kunst dient uns als Übersetzungshilfe für unbewusste Problemthemen. Symbole können diese Themen auf einer metaphorischen Ebene verdichten und auf den Punkt bringen. Gern arbeite ich mit Tiersymbolen.

Wenn dein Symptom ein Tier wäre, welches wäre es? Das für die Erkrankung typische und sehr unangenehme Kribbeln assoziierte die junge Frau mit einer Ameise.

Für die Bedeutungen der Tiersymbolik können wir auf die Lebensweise der Tiere blicken, ebenso wie auf kollektive Deutungen aus Mythen und Geschichten. Bei  Tieren liefern auch Krafttiere aus dem Schamanismus hilfreiche Impulse.

www.krankheit-als-bild.de

Eine schwere Last tragen

Ameisen zählen zu den stärksten Lebewesen überhaupt. Sie können bis zum Vierzigfachen ihres eigenen Gewichts tragen. Einige Ameisen in Afrika können einen ganzen Wald leer räumen, wenn die Nahrung knapp ist. Ihre Bauten sind architektonische Meisterwerke. Ihre Staaten perfekt organisiert. Die Botschaft der Ameise ist daher die Strategie der Geduld. Auch steht sie für Gemeinschaft und eine natürliche Ordnung. Gleichzeitig kann die Ameise auch darauf hindeuten, eine schwere Last zu tragen, zu perfektionistisch zu sein oder zu sehr zu planen.

Ameisengift als Ausdruck von Wut und Zorn

Das Ameisengift und sein Brennen ist das Gegengift zum inneren Brennen, verursacht durch unterdrückte Wut und Zorn. Die Ameise spiegelt die Wutkraft, die man gegen sich selbst richtet, statt sie auszuleben. Wenn du anderen Menschen Macht über dich gibst, dich klein machst, dich unwichtig glaubst, dann unterdrückst du deine eigene feurige Kraft.  Die Ameise zeigt dir den Weg, dir diese Kraft zurückzuerobern, so die Krafttierbotschaft. Vielleicht sagt sie dir auch, dass du dich zu sehr um die Angelegenheiten anderer Menschen kümmerst, statt um dich selbst. Die Ameise wird dich so lange stören und nerven, bis du deinen Platz gefunden hast. Sie kann auch darauf hinweisen, dass du zu viel Verantwortung tragen musst. (Krafttierdeutung aus: Jeanne Ruland, Krafttiere begleiten dein Leben)

Auch Symptome zeigen eine symbolische Bedeutung. Der Mediziner und Arzt Ruediger Dahlke ist auf diesem Gebiet ein Vorreiter. In seinem Buch „Krankheit als Symbol“ beschreibt er von A-Z zu einzelnen Symptomen die jeweilige Deutungsebene und zeigt Wege zur Einlösung der unbewussten Themen auf. Zur Multiple Sklerose weist Dahlke vor allem auf eine hohe Eigendisziplin, Unterdrückung von Impulsen und zu viel Kontrolle hin. Sich selbst mit größter Härte zurücknehmen, Abkehr von den eigenen Stärken und Möglichkeiten, sind weitere wichtige Stichpunkte. Sich selbst bremsen und lähmen, einen Weg gehen, der nicht der eigene ist, sich nach den Bedürfnissen und Wünschen anderer richten, können ebenso von Bedeutung sein.

Einige Fragen können lauten:

  • Bist du oft hart zu dir selbst?
  • Gehst du deinen eigenen Weg?
  • Kümmerst du dich viel um andere Menschen?
  • Nimmst du deine unbändige Wut wahr?
  • Was unterdrückst du?
  • Was lähmt dich?
  • Kontrollierst du, planst du viel im Voraus?
  • Welche Kraft unterdrückst du in dir?
  • Was will zu Leben erwachen?
  • Was willst Du vom Leben?
  • Welchen Platz möchtest du einnehmen?
  • Nimmst du dir genug Raum?
  • Wo und mit wem bist du gern in Gemeinschaft, wo ist es zu viel?
  • Trägst du zu viel Verantwortung?
  • Wer unterstützt dich?
  • Bist du geduldig?
  • Machst du dich klein?
  • Fühlst du dich unbedeutend?

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Die weibliche Urkraft

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Ich sehe in dir den goldenen Buddha

Die weibliche Urkraft

Wir alle leben zwischen den Polen der weiblichen und männlichen Kraft. Die Begrifflichkeiten haben nichts mit der Geschlechterzuordnung  zu tun. Beide Pole leben in jedem Menschen, schon C.G. Jung hat die Archetypen der Anima, als Urbild der Frau im Mann und des Animus als Urbild des Mannes in der Frau beschrieben. Das weibliche Prinzip steht für Hingabe und Empfänglichkeit. Die Energie ist eher diffus, fließend und formlos. Gleichzeitig ist sie schöpferisch-gestaltend, gebärend, verwandelnd und heilend. Das männliche Prinzip beschreibt das Denken, Handeln und die Aktivität. Die männliche Energie gibt Inspiration. Sie ist fokussiert und zielgerichtet, kämpferisch, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert. Die männliche Energie schützt und hält die weibliche Energie. Beide Kräfte sind gleichwertig, die männliche Energie ist allerdings in unserer westlichen Kultur durch die materialistisch-mechanistische Weltsicht überbetont worden. Wettbewerb, Leistung und wissenschaftliche Fakten stehen im Fokus der Gesellschaft. Das Weltbild bzw. die Werte der Gesellschaft sind allerdings im Wandel. Sinnsuche, Respekt vor der Natur und ihren Geschöpfen sowie eine nährende Gemeinschaft treten mehr und mehr in den Vordergrund.

Das bewusste Zurückkehren zur weiblichen Energie wird durch eine Veränderung des Fokus erreicht, indem wir die Aufmerksamkeit nach innen richten. „Empfangen, Weiten, Austragen und Hergeben – dies ist das Mysterium des Großen Weiblichen, das Grundmuster der weiblichen Schöpfungskraft“, beschreibt es Croissier.[1]  Umhüllen, Bergen, Halten, Bewahren, Nähren und Schützen sind Stärken der weiblichen Urkraft, in ihrer übertriebenen Ausprägung gehören zum Großen Weiblichen: „Einengen, Festhalten, Abhängigmachen, Verschlingen, Fressen, Töten (…).“[2]

Zur Wiedererweckung der weiblichen Urkraft geht es darum, sich dieser Kraft bewusst zu werden und sie ins Leben zu integrieren.

Fragen dazu können lauten:

Was steht für die weibliche Urkraft, die große Mutter?

Wie sieht es mit meiner weiblichen Kraft aus?

Wo umhülle ich jemanden oder etwas, halte und nähre?

Wo enge ich ein?

Wo halte ich fest, obwohl ich loslassen müsste?

Wo verschlinge ich jemanden oder etwas?

Von wem oder was bin ich abhängig?

Wen oder was mache ich von mir abhängig?

Wo kann ich einfach nur sein?

Was tut mir gut, um nichts zu tun?

Was hält mich davon ab, nichts zu tun?

Mit wem oder was fühle ich mich tief verbunden, wäre ich gern verbunden?

Anschließend können Sie ihre weibliche Kraft künstlerisch umsetzen.

Wie sieht sie aus, die weibliche Kraft? Was Ihnen fällt auf? Welche Farben hat sie? Was gefällt Ihnen, was nicht ….?

© Ulrike Hinrichs

Ähnliche Themen:

Literatur

[1] Getrude R. Croissier (2006, S. 28), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung. Schalksmühle: fabrica libri

[2] Getrude R. Croissier (2006, S. 155)

Arthritis – Krankheit als Bild

www.krankheit-als-bild.de

Der Professor für Psychologie und Nobelpreisträger für Wirtschaft Daniel Kahnemann unterscheidet zwei Grundformen des Denkens. Das langsame Denken entspricht dem bekannten rationalen Denken. Das schnelle Denken, welches sich beispielsweise Bildern, Märchen, Mythen, Geschichten und Träumen bedient, entspringt der Intuition. Die Ethnologin Dr. Kessler bezeichnet es synonym als das nach innen gerichteten „wilde Denken“.

Kunst ist wildes Denken

Während das planmäßige und lineare Denken über Faktenchecks, Analysieren und Zerlegen von Bestandteilen in ihre Einzelteile langsame Schlüsse zieht, agiert das wilde Denken für den aktiven Geist blitzschnell und oft unbewusst in endlosen vernetzten Assoziationsketten. „Wie Kräuselwellen auf der Oberfläche eines Teiches breitet sich die Aktivierung durch einen kleinen Teil des riesigen Netzwerks assoziativer Vorstellungen aus“, schreibt Kahnemann („Schnelles Denken, langsames Denken“, S. 71). Unser Unbewusstes kann mühelos unendliche Assoziationen hervorrufen.

Die Kunst dient uns als Übersetzungshilfe für das wilde Denken. Worum geht es gerade bei einem bestimmten Thema, das uns belastet? Was will uns der Körper mitteilen? Dazu können wir auf individuelle wie kollektive Assoziationen zurückgreifen. Kollektive Deutungen finden wir beispielsweise in der Mythologie und bei Tieren auch in der Krafttiersymbolik. Ebenso die Lebenseise der Tiere kann uns Aufschluss geben.

Arthritis – Regenwurm

Arthritis

Die 60-jährige Klientin berichtet von Gelenkschmerzen im Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Vor allem nachts verschlimmere sich der Zustand. Zudem habe sie an der Spitze des Daumens ein unangenehmes Taubheitsgefühl. Diagnose: Arthritis.

Tiersymbole können Themen verdichten und auf den Punkt bringen. In diesem Fall habe ich auch Wortspiele mit eingearbeitet. Denn auch bei Worten und Sätzen können wir intuitiv arbeiten.

Wenn das Symptom ein Tier wäre, welches wäre es? Die Klientin assoziierte den Regenwurm.

Zudem bat ich die Klientin aus einem alten Türkisch-Wörterbuch eine Seite herauszureißen, und zu schauen, welches Wort sie auf der Seite magisch anzieht. Bei solchen Aufgaben ist es sinnvoll, mit den Augen über die Seite zu fliegen, statt jedes Wort zu lesen. Die Klientin blieb bei „Natur“, „Wesen“ und „Gewohnheit“ (Türkisch: tabiat) hängen.

Aus Tier und Wort fertigte sie eine Collage.

„Der Regenwurm sieht etwas verängstigt aus. Die feurig kraftvolle Umgebung erinnert mich an einen Vulkanausbruch. Gleichzeitig wirkt der Wurm sehr weiblich, mit den rosa Bäckchen und dem grünen Lidschatten. Was soll ich hier jetzt machen?, scheint er zu fragen. Der Hintergrund erscheint chaotisch, gleichzeitig wie in eine natürliche Ordnung eingebunden. Alles ist durchtränkt von farbiger Fülle. Aber der Wurm guckt müde, erschöpft und ratlos.“

Altes will verdaut werden

Regenwürmer sind lichtscheue Wesen, die unter der Erde leben. Sie durchgraben die Erde, fressen Pflanzenreste und Bodenpartikel. Die Abfälle kompostieren sie zu wertvollem Humus. Damit deutet das Würmchen auch auf Vergänglichkeit, Tod, Zerfall und den Kreislauf des Lebens hin. Er steht ebenso für Transformation alter, belastender und verdrängten Lebensthemen.

Buddelt sich der Regenwurm als Krafttier ins Leben, möchte er auf die Kraft der Erlösung, Transformation und  Heilung aufmerksam machen. Er zeigt auf die Schattenanteile, die geheilt werden wollen. Dazu müssen wir uns der Dunkelheit und den  Ängsten stellen. Das Krafttier Regenwurm macht darauf aufmerksam, festgefahrene Ideen und Glaubenssätze zu hinterfragen und zu lockern.

Mich fasziniert immer wieder, wie sich die Symbolik von Tieren mit der Symbolik der Erkrankung bzw. der Symptome deckt. Denn auch Symptome zeigen eine symbolische Bedeutung. Der Mediziner und Arzt Ruediger Dahlke ist auf diesem Gebiet ein Vorreiter. In seinem Buch „Krankheit als Symbol“ beschreibt er die jeweilige Deutungsebene der Symptome und zeigt Wege zur Einlösung der unbewussten Themen.

Arthritis deutet auf alte überlebte Themen hin, die die Entwicklung blockieren. Das Leben scheint für den Erkrankten schwer in den Griff zu bekommen. Die Symptome können auch darauf hindeuten, dass dem Leben zu sehr mit Starrheit begegnet wird. Die unterdrückten Lebensimpulse laufen in unbewusste Attacken gegen den eigenen Körper. Vor allem auch unterdrückte Aggressionen und ungelebte unterdrückte Kritik verbergen sich hinter den autoaggressiven Impulsen. Alte Verletzungen und Probleme müssen verdaut werden, um die Erstarrung zu überwinden.

Die Klientin berührte vor allem das Thema Tod und Zerfall, aber auch Transformation belastender und überlebter Lebensthemen. Ebenso die Deutungen zur Routine und Starre, brachten sie ins Grübeln. Überrascht war sie, dass sich das Thema „Gewohnheit“ sogar schon in der Wörtersuche gezeigt hatte. Und mit der Natur, die ebenso als Wort auftauchte, verbände sie eine wichtige Kraftquelle. Sie könne gerade aber tatsächlich sehr schwer loslassen, denke viel an vergangene Zeiten und schöbe Erlebnisse. Sie fühle sich in einer Zwischenphase von Leben und dem immer näher kommenden Tod.

Die Symbolik des Regenwurms mache ihr Mut, nämlich „Verdauung“. Altes muss verdaut  und dann losgelassen werden.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

Blutdruckschwankungen – Krankheit als Bild

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Kunst als Sehhilfe

Wir geraten aus der Balance, sind im Stress oder psychisch stark beeinträchtigt. Solche Störungen können im Körper einen Ausdruck finden, wenn sie im sprachlosen Raum gefangen sind.  Wir können die Kunst nutzen, um unseren Körper besser zu verstehen. Der künstlerische Ausdruck macht nicht nur die Beeinträchtigungen und Schmerzen metaphorisch sichtbar, sondern kann vor allem auch die Ressourcen in schweren Themen aufzeigen. Die Kunst hilft uns bei der Befreiung aus dem Gefängnis. Die Kunst als authentischer Ausdruck bringt Inneres nach außen und manifestiert es in einem Werk. Die intuitive Seite in uns denkt in bildhaft metaphorischen Assoziationsnetzen, die wir durch künstlerische Prozesse wecken. Assoziationen und innere Bilder sind eher wie Träume, die man erst einmal verstehen muss. Der künstlerische Ausdruck dient der Intuition dabei als eine Sehhilfe. Wir können uns fragen: welche Assoziation kommen mir in den Sinn? Welche kollektive Deutung enthält für mich eine wichtige Information? Und welche Rückmeldung von anderen berührt mich, so dass ich zu der Erkenntnis gelange, all das betrifft tatsächlich auch mein Thema, mein Anliegen. Das sind Fragen, die die analytische und reflektierende Seite in uns zur Überprüfung stellen kann. Ich möchte das anhand eines Beispielsfall illustrieren.

www.krankheit-als-bild.de

Diagnose Herz- Kreislauf, Blutdruckschwankungen

Die 59-jährige Klientin berichtete von Blutdruckschwankungen. Manchmal schlage der Blutdruck plötzlich und ohne ersichtlichen Grund vor allem nach oben aus. Sie fühle sich erschöpft und müde. Oft habe sie vor allem am Morgen Kopfschmerzen. Das beunruhige sie sehr. Eine organische Ursache sei nicht gefunden worden.

Siehe zum Thema Herz-Kreislauf auch Bluthochdruck – Krankheit als Bild

Auf die Frage welches Tier ihr in den Sinn käme, das für ihre Symptome stehen könnte, sagte sie spontan: Der Grashüpfer.

Das Herz macht Luftsprünge

„Der Grashüpfer  kann urplötzlich und für seine Größe extrem hoch springen. Von der absoluten Ruhe in der satten Wiese kann er unmittelbar umschalten und hochspringen. Gleichzeitig kann er stundenlang zirpen. Ich mag das Geräusch, es hat etwas Meditatives“, so die Klientin. „Auf dem Bild wirkt der Grashüpfer sehr verliebt, so als ob er mit gesenktem Kopf und „Hundeblick“ jemanden anhimmelt. Oder er flirtet mit dem Leben, genießt den Moment, das Grün um ihn herum?“

In einem ersten Schritt können wir über die Bildbetrachtung auf Überraschendes und Neues schauen. Was kommt uns in den Sinn, wenn wir auf das Bild blicken? Über dieses freie Assoziieren schalten wir auf das „wilde Denken“, wie es die Ethnologin Kessler nennt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann spricht vom „schnellen Denken“.

Für die symbolische Deutung können wir uns die Lebensweise des Tieres anschauen und auch in mythologische oder schamanische Betrachtungen von Tieren eintauchen. Diese Informationen können wertvolle Anhaltspunkte liefern und neue Perspektiven schaffen.

Der  Grashüpfer gibt zur Anlockung von Partnertieren sowie zur Abgrenzung seines Territoriums zirpende Laute von sich. Die Klientin hatte auch den meditativen Ton erwähnt, den sie sehr möge. Beziehung, Grenzen setzen, hatte auch für die Klientin eine wesentliche Bedeutung.

In der Symbolik erinnert uns das beruhigende Zirpen des Grashüpfers daran, einen harmonischen Grundton im Leben anzuschlagen. Ist unsere Lebensmelodie gereizt, angespannt, harmonisch? Der Grashüpfer ruft dazu auf, nervenzerrendes Verhalten zu unterlassen, stattdessen Ruhe und Erholung ins Leben zu holen. Als Krafttier symbolisiert er auch Leichtigkeit, Erneuerung, Selbstentfaltung, Mut und Kreativität. Seine plötzlichen Höhensprünge weisen auf große Umbrüche hin. Das Leben muss in einem radikalen Ausmaß verändert werden, um in die volle Lebenskraft zu kommen, so die Grashüpfer-Botschaft. Das erfordert einen großen Schritt ins Unbekannte. Auch in Bezug auf diese kollektive Deutung fühlte sich die Klientin angesprochen.

Durch ihr Kunstwerk sei sie mehr auch an ihre Kraftquellen gekommen, das Leben genießen, „im Gras herumspringen“. Das Herz mache Luftsprünge.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 

TraumAtelier: Was sagen uns Intuition, innere Bilder und Träume?

Das Wissen ist nicht im Gehhirn, sondern das Hirn im Wissen.

Dr. Hans Hein

 

Traumatelier: Was sagen uns Intuition, innere Bilder und Träume?

Die klassische Traumdeutung geht zurück auf C. G. Jung, der Träume als ein Phänomen des „vorbewussten Wissens“ beschreibt, das dem kollektiven Unbewussten entspringt. Das kollektive Unbewusste sei eine Zusammenfassung aller Erfahrungen unserer Vorfahren, zu denen wir von Geburt an Zugang haben. Die Idee eines erweiterten, kollektiven Bewusstseins prägt heute auch den holografischen Ansatz, der sich in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen durchsetzt.

Das holografische Weltbild überschreitet die Grenzen der dreidimensionalen Realität, der Materie, in den virtuellen universellen Raum. Jedes System ist danach ein Holon, Teil eines größeren Ganzen, das gleichzeitig das Ganze repräsentiert. Auch der Mensch ist als ein Bestandteil und Spiegel des gesamten Universums, eines Mikrokosmos im Makrokosmos, zu verstehen. Mit der Annahme einer holografischen Sichtweise einher geht die Idee, dass die Verarbeitung und Speicherung von Erfahrungen im Gehirn des Menschen nach Prinzipien der Holografie erfolgt, so wie auch bei einem Hologramm Bilder als Frequenzmuster gespeichert werden. Der deutsche Astrophysiker von Ludwiger konstatiert, dass das Gehirn weder das Bewusstsein vorbringe, noch sich das Bewusstsein auf die somatische Struktur des Hirns setze.[1] Bewusstsein und damit auch Wissen liegen außerhalb des Gehirns, wie auch der Biologe Krall[2] feststellt. Der Physiker und Heisenberg-Schüler Heim definiert in seiner einheitlichen zwölf-dimensionalen Quantenfeldtheorie Bewusstsein sogar als eine Dimension des Universums.[3] Er beschreibt einen universellen Hyperraum, mit dem der Mensch über seine DNS verbunden ist. Im Hyperraum sei das Langzeitgedächtnis abgespeichert. Auch das Gehirn sei mit dem universalen Umfeld verbunden. Dabei gelten im Hyperraum andere Ordnungskriterien als in der langsamer schwingenden vierdimensionalen (Einstein’schen) Raumzeit. Hein beschreibt die Verbindung zwischen Mensch und intelligenten Feldern auf der Grundlage des neuronalen Nervensystems.[4] Ebenso Weichmann[5] geht in Annäherung an die Theorie des Physikers Bohm davon aus, dass es eine höherdimensionale Realität gibt, die unserer Wirklichkeit zugrunde liegt. Und nicht zuletzt Böckle stellt Bewusstsein als eine Existenz einer immateriellen Sphäre dar.[6]  Laszlo konstatiert, dass „der menschliche Geist kein isoliertes Etwas ist“.[7] Das von ihm beschriebene universelle In-Formationsfeld, das er „A-Feld“ nennt, nimmt „seinen Platz unter den fundamentalen Feldern des Universums, neben dem G-Feld (Gravitation) und den vereinigten elektromagnetischen und nuklearen Feldern und den Quantenfeldern“ ein.[8] In-Formation ist nach Laszlo eine „feine, quasi augenblickliche, nicht flüchtige und energielose Verbindung zwischen Dingen an verschiedenen Orten im Raum zu verschiedenen Zeitpunkten.“[9] Warnke nennt es eine „übergeordnete Hyper-Intelligenz“, die alles Leben durchdringt.[10] Der Biologe Sheldrake[11] beschreibt die Existenz von so genannten morphogenetischen Feldern, die wie eine Art Gedächtnis der Natur zu verstehen sind. Der Begriff des morphogenetischen Feldes geht auf den Botaniker Reinke[12] zurück, der eine formgebende Kraft in der Natur konstatiert. Goethe, der heute im Alltagswissen mehr wegen seiner Künste als seiner naturwissenschaftlichen Forschungen bekannt ist, berief sich auch auf ein kontinuierlich tätiges, unsichtbares Bildungsprinzip im Lebendigen,[13]  das an die Annahmen des hundert Jahre später lebenden Sheldrake erinnert. Ziemke knüpft heute wieder an Goethes Idee der  Metamorphose an.[14] Nach dem Zellbiologen Lipton[15] kontrollieren nicht unsere Gene unsere Körper, sondern unsere Wahrnehmung kontrolliert unsere Biologie. Lipton stellt die herkömmliche Annahme auf den Kopf, dass unsere DNS unser physisches Dasein bestimme. Vielmehr werde sowohl unser individuelles Leben als auch unser kollektives Dasein durch die Verbindung von innen und außen, zwischen Geist und Materie gesteuert. Davon geht auch der Mediziner Dossey aus, der die heilende Wirkung von Gebeten als nicht lokale medizinische Ereignisse erforscht hat.[16] Die Idee eines universellen Heilungsfeldes findet auch in der Medizin Gehör.[17] Die Theologen Küstenmacher und Haberer[18] beschreiben „oben wie unten, im Mikro- wie im Makrobereich gigantische Einheiten, die sich darum bemühen, eine kollektive Intelligenz zu erzeugen“.

Diese wissenschaftlichen Ansätze nähern sich damit auch uralten spirituellen Ideen an, die in allen Religionen wiederzufinden sind. Der Philosoph Wilber hat mit seiner integralen Theorie die Grenzen der herkömmlichen Wissenschaften überschritten und konkurrierende Denkschulen und Wissenschaftsdisziplinen sowie auch spirituelle Ansätze zu einem allumfassenden Modell verbunden.[19] Der Physiker Dürr beschreibt unsere Realität so: „Was wir Diesseits nennen, ist im Grunde die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere.“[20] Der Historiker Bähr weist darauf hin, dass erst seit dem Zeitalter der Aufklärung und der damit verbundenen Hinwendung zur Vernunft Emotionen dem Individuum zugeschrieben wurden.[21] In der davor liegenden Menschheitsgeschichte hatten Gefühle ihren Ursprung in Gott. Der handelnde Mensch verstand sich nicht als abgeschlossenes Individuum, sondern als Ausgrabungsort von Ereignissen im göttlichen Kosmos. Die alten vedischen Lehren gingen davon aus, dass das Universum ein schwingendes Feld ist.[22] Dieses Energiefeld nannten sie Akasha. Das mythologische Bild aus dem Mahayana Buddhismus – Indras Netz – ist eine weitere Metapher zur Beschreibung einer noch viel älteren vedischen Lehre, die ebenfalls verdeutlicht wie die Struktur des Universums in einem Netz verflochten ist. Dieses Energiefeld, das aus spiritueller Sicht Gott genannt wird, ist die gemeinsame Wurzel aller Religionen. Diese Entwicklung geht einher mit einem Erstarken von Spiritualität in den westlichen Gesellschaften. Auch zahlreiche Kunsttherapeuten weisen auf das Potential der Spiritualität, wie etwa exemplarisch Baer und Schuster oder auch Decker-Voigt in Bezug auf die Musiktherapie.[23]

Die Idee von kollektiven Bewusstseinsfeldern verbreitet sich auch in der Gesellschaft. Es gibt bereits virtuelle Verbindungen von einer Vielzahl von Menschen, die ortsunabhängig sowie Länder und Kontinente übergreifend gemeinsam zur Heilung von kollektiven Traumata[24] wie etwa der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit[25], der Fukushima[26] Katastrophe oder jüngst im Februar 2016 für den Frieden in Syrien[27] meditieren. Das von der Universität Princeton initiierte Global Consciousness Project (Globale Bewusstseinsprojekt) geht in einem mit weltweit ca. hundert Forschern und Ingenieuren langfristig angelegten Experiment wissenschaftlich der Frage der Existenz eines globalen Bewusstseins nach.[28] Die Annahme universeller Wissensfelder, mit denen das Lebendige in Interaktion steht, birgt eine völlig neue Herangehensweise auch für die Betrachtung und Heilung psychischer Beeinträchtigungen in der Therapie.

Mit diesem paradigmatischen Perspektivwechsel von einem materialistisch-mechanistisch hin zu einem holografischen Weltbild erklären sich viele Ebenden der Realität ganz neu. Wissen und Erfahrungen sind in universellen Feldern gespeichert, mit denen der Mensch in Resonanz steht. Psychische Beeinträchtigungen und seelischen Nöte wechselwirken ebenso mit diesen Feldern wie kollektive Verletzungen und Traumata. Neben inneren Bildern, intuitiven Impulsen, „Bauchgefühlen“,  Eingebungen und den Hellsinnen sind auch Träume Sprachrohr dieser Wissensfelder. Traumbotschaften sind sehr komplex und ihre Deutung durch festgeschriebene Zuweisungen schwierig.  Das Geträumte lässt sich aber oft symbolisch erfassen. Am besten eignet sich das wertfreie Assoziieren, um diese metaphorischen Botschaften zu entschlüsseln. Eine hilfreiche Unterstützung bietet dabei die Kunsttherapie, die innere Bilder sichtbar machen kann. Das Kunstwerk kann einen Kanal für eine bildhafte Kommunikation bieten, es wird zum Sprachrohr der Intuition werden.

© Ulrike Hinrichs (2017)

Literatur

[1] von Ludwiger, I. (2013, S. 153 f.). Unsterblich in der 6-Dimensionlaen Welt: Das neue Weltbild des Physikers Burkhard Heim. München: Komplet-Media.

[2] Krall, S.  (2017). ). Zwischen Biologie, Philosophie und Parapsychologie. Hans Diesch, der Vitalist. Tattva Viveka, Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur. Ausgabe  65, 2015, S. 18 ff

[3] von Ludwiger, I. 2010), Wilber (2007), so auch Laszlo (2007); so auch Schwartz, Beauregard, Miller (2016) in ihrem Manifest für eine post-materialistische Wissenschaft.

[4] http://www.forumsynergie.de

[5] Weichmann, J. (2015). Annäherung an Gott. Sein, 2015, Nr. 233, S. 9 ff.

[6] Böckle, R. 2014, S. 25 ff. Ist das Bewusstsein eine Funktion des Gehirns? TattvaViveka,Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur. Ausgabe  61, 2014, S. 25 ff.

[7] Laszlo (2007, S. 116). Zu Hause im Universum. Die neue Vision der Wirklichkeit.  Berlin: Allegria.

[8] Laszlo (2007, S. 73). ebenda

[9] Laszlo (2007, S. 57). ebenda

[10] Warnke (2017, S. 19). ebenda

[11] Sheldrake, R.  (2002). Das Gedächtnis der Natur: Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur. Bern, München, Wien: Scherz.; auch Krall (2015, S. 18) ebenda

[12] Reinke, J. (1922, S. 82, 89). Grundlagen einer Biodynamik.Abhandlungen zur theoretischen Biologie, Band 16. Berlin: Borntraeger.

[13] Merker, W. (2015, S. 52 ff.; 2015b, S. 18). Vom mechanistischen zum organischen Denken. Wege zur Erkenntnis des Lebendigen. Münster: Monsenstein&Vannerdat.

[14] Ziemke, A. (2016). Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Die Wiedergeburt von Goethes Metamorphoseidee in der Evolutionären Entwicklungsbiologie. Frankfurt a.M.: Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG.

[15] Lipton, H. B. (2009). Intelligente Zellen: Wie Erfahrungen unsere Gene steuern. Burgrain: Koha Verlag.

[16] Dossey, L.  (2013). Heilende Worte. Die Kraft der Gebete als Schlüssel zur Heilung.

[17] Michel, K. u.a. (2016). Das universelle Heilungsfeld. Die neue Dimension des Heilens. Grafing: Aquamarin Verlag.

[18] Küstenmacher & Haberer (2015, S. 199). Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

[19] Wilber (2001), Ganzheitlich handeln: Eine integrale Vision für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Spiritualität. Freimat: Arbor.

[20] Dürr, H. (Hrsg.)  (2008). Physik und Transzendenz. Die großen Physiker unserer Zeit über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren. Tschechische Republik: Driediger.

[21] Bähr (2013). Furcht und Furchtlosigkeit: Göttliche Gewalt und Selbstkonstitution im 17. Jahrhundert. Göttingen: V&R Unipress.

[22] Siehe etwa Laszlo (2007), ebenda.

[23] Baer, U. (2014) Gefühlssterne, Angsfresser, Verwandlungsbilder. Kunst- und gestaltungstherapeutische Methoden und Modelle. Neukichen- Vluyn: Semnos; Schuster, M. ((2008) Rituale, Kunst und Kunsttherapie. Berlin: MWV Medizinische Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. ; Decker Voigt, H. (2016), ). „…das berührt mich tief“ – Musiktherapie und Basale Stimulation/Basale Bildung. Wiesbaden: Reichert Verlag.

[24] Global Mediation via facebook für Globale Heilung mit knapp 80.000 Followern.

[25] Siehe etwa Thomas Hübel, 24.4.2010, Healing Event.

[26] Global Meditation für Fukushima mit über 32.000 Followern.

[27] Global Meditation für Syrien, Initiator James Twyman

[28] TatvaViveka (2016), aktuelle Meldungen.