Sich lösen statt loslassen

Unser neues Buch erscheint in Kürze (mit Andrea Wandel)

Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, schwere Krankheit oder Todeserlebnisse in der Familie, traumatische Kindheitserfahrungen haben viele Gesichter. Durch unverarbeitete Traumata sind unsere Angstzentren übersensibel, springen also auch dann an, wenn gar keine wirkliche Gefahr vorhanden ist. Gerade in Situationen, die an ein ursprüngliches Trauma erinnern, reagiert unser System hochsensibel.

Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Trotz Psychotherapie kannst du die schrecklichen Erinnerungen nicht loslassen.  „Irgendwann ist auch die Hebamme nicht mehr schuld“, hat eine Klientin zu hören bekommen, als sie ihre belastende Erinnerung mit einer Freundin teilen wollte. Vielleicht hast du solche Sprüche auch schon gehört. Sicher kennst du auch die mahnende innere Stimme: „nun musst du deine alten Geschichten endlich loslassen“. Vielleicht hat sogar eine Fachberaterin, ein  Coach, eine Therapeutin, ein Arzt dir den Ratschlag erteilt, nun aber endlich mal loszulassen. Ich höre solche Geschichten jedenfalls immer wieder von meinen Klient*innen.

Loslassen ist für viele Betroffene eine schwer belastende Forderung. Sie bestätigt das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Denn loslassen können wir erst, wenn der Horror, den wir durcherlebt haben, wirklich gesehen und bezeugt wurde. Das bedeutet, dass dir eine Person mit Liebe und Mitgefühl aktiv zuhört und sich auch traut deinen Schmerz mitzufühlen. Trauma braucht Großzügigkeit, dem anderen zuhören, da sein. Einer meiner Lieblingssätze des Trauma-Experten Peter Levine lautet sinngemäß: Trauma ist nicht das, was uns passiert, sondern dass, was wir in der Abwesenheit eines einfühlsamen Zeugen in uns tragen.

Dieses Bedürfnis nach Wahrheit und Sichtbarkeit erlebe ich immer wieder bei meinen Klientinnen, die tiefe seelische Wunden davongetragen haben. Es geht um das Bezeugen dessen, was geschehen ist.

Die Botschaften muss lauten: „Ich höre dich, ich fühle deinen Schmerz und du hast Recht, das war großes Unrecht“. Erst wenn der Schmerz an die Oberfläche kommen darf, kann Heilung langsam beginnen. Trauma Transformation verflüssigt die eingefrorene Realität. Dieser Prozess darf nicht vorzeitig unterbrochen werden. Nicht der Therapeut bestimmt, wann es mal reicht, sondern die Klientin kann fühlen, wenn sich etwas löst. Du kannst und darfst dich in deinem Tempo von der Situation, dem Menschen lösen. Das kann vielleicht auch ein langer Prozess sein oder sogar eine Lebensaufgabe. Und das ist gut so.

Lösen bedeutet: „bewirken, dass etwas lose wird“

Loslassen dagegen: „nicht mehr festhalten“

Spürst du den Unterschied? Etwas wird erst dann lose, wenn es gelockert wurde.  Das kann nur funktionieren, wenn das Erlebte gesehen, integriert und transformiert wurde. Loslassen hingegen ist nur ein Springen in den Abgrund ohne Netz.

Ulrike Hinrichs, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Kunsttherapeutin (M. A.), Traumazentrierte Fachberaterin

Literatur

Levine, Peter (1998): Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers. Unsere Fähigkeit, traumatische Erfahrungen zu transformieren: Essen: Synthesis.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824