News

Ausstellung & Dialog „Gemalte Freiheit“

23.9.2018, ab 15 Uhr
Gemalte Freiheit – unser Grundgesetz in Farbe
3falt Kunst, Kultur, Kreativität, Neue Straße 44, 21073 Hamburg
Um 16 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit Dialog

***

Unser Grundgesetz repräsentiert unsere gesellschaftlichen Grundwerte. Sie sind ein großer Schatz, den es gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Spannungen mit polarisierenden Wertekonflikten zu hüten gilt. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört und sind demokratieverdrossen. Wir halten dagegen und haben unsere Grundrechte künstlerisch gestaltet. Aufgerufen waren alle Harburger und Harburgerinnen, insbesondere solche in schwierigen Lebenswirklichkeiten, sich am Projekt zu beteiligen. Jetzt möchten wir allen Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung unser künstlerisch gestaltetes Grundgesetz präsentieren und mit Ihnen diskutieren. Weitere Infos www.grundrechtekreativ.de

Projektleitung Ulrike Hinrichs

Hier ein paar erste Eindrücke…

Art. 5 Abs. 3 GG – Natascha Artworx, Logo – Kerstin Nagel-Stein, Justitia – Yvonne Lautenschläger, Überwachung – Sonja Adolpho, Justitia – Bettina Behrend, Demo – Rita Peters, Ich sag was ich – will Rita Peters, Wandteppich 2×3 Meter der Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“ (Projektleitung Rike Reichert), Stürmische Zeiten – Bettina Behrend, Unantastbar – Kerstin Nagel-Stein, Assoziationen – Antje Gerdts .

Fotoprojekt „Ich steh (dr)auf“ von Andrea Hinrichs-Specht und Lena Hinrichs

Das Projekt wird unterstützt von

 

 

Außen Scham. Innen Liebe.

Selbstliebe und Selbstachtung ist für viele Frauen ein schwieriges Thema. Oft wirken negativ prägende Glaubenssätze aus der Kindheit im Hintergrund, die toxische Schamgefühle auslösen. Toxische Scham als Maskierung von Schmerz beschreibt die tiefe innere Überzeugung falsch, wertlos, mit einem Makel behaftet zu sein. Diese tiefliegende Verletzung des Wesenskerns, wohnt in vielen Menschen, die in ihrer Kindheit nicht willkommen waren, die keine sichere Bindung erfahren haben, die vernachlässigt, gedemütigt oder misshandelt wurden. Wenn uns das Gefühl vermittelt wurde „falsch zu sein“, nichts richtig machen zu können, keine Fehler machen zu dürfen, be- und entwertet wurden, dann entwickelt sich ein ungesundes Gefühl von Scham, das unser Leben einschränkt.

Wir begegnen in unserer Gruppe dem Thema mit künstlerischen Mitteln, wecken Ressourcen, entlarven behindernde Glaubenssätzen. Wir arbeiten mit unterschiedlichen künstlerischen Materialien, Farben, Collage, Poesie, Musik.

Leitung Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin (M.A.)

Ort: Frauenberatungsstelle Biff Harburg, Neue Straße 59, 21073 Hamburg www.biff-frauenberatung.de

Termine: 6 x Mittwoch 14.11., 21.11., 28.11., 5.12., 12.12., 19.12.2018 von 17.00 bis 19.00 Uhr

 

Siehe zum Thema meine Beitrag toxische Scham

 

Göttliche Schreibwerkstatt

„Aus Buchstabensuppe machen wir wortgewaltige Götterspeise für die Ohren“

.

Götter.online, ein Kunstprojekt der Künstlergruppe für Flüchtlinge und Künstlerinnen aus dem Hamburger Süden, erweckt die Götter der griechischen, keltischen und ägyptischen Mythologie sowie andere Götter und Symbole mit Farbe und Pinsel zum Leben. Die Götter sind als universelle Kräfte zu verstehen. Dieser Idee wollen wir uns auch in unserem Schreibworkshop widmen und die Götter-Kunstwerke zum Sprechen bringen. Experimentelle Texte sind ebenso erwünscht wie Geschichten und Poesie. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Texte werden gemeinsam mit den Göttern auf dem Harburger Kulturtag am 4.11.2018 ausgestellt und gern auch gelesen.

Infos zum Projekt www.götter.online

Termin: Sonntag, den 14.10.2018 von 13.00 bis 16.00 Uhr

Ort: Dreifalt – Kunst, Kultur, Kreativität (ehemalige Dreifaltigkeitskirche=, Neue Straße 44, 21073 Hamburg.

Die Teilnahme ist kostenfrei

Um Anmeldung wird gebeten

ulrike.hinrichs @ web. de

040 81977616

Gemalte Freiheit – Workshop und Ausstellung

Workshop  – Gemalte Freiheit

Unser Grundgesetz, das in Kürze 70 Jahre alt wird, repräsentiert unsere gesellschaftlichen Grundwerte. Sie sind ein großer Schatz, den es gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Spannungen mit polarisierenden Wertekonflikten zu hüten gilt. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört und sind demokratieverdrossen. Wir halten dagegen, wollen unsere Grundrechte künstlerisch gestalten und damit deine individuelle Sicht zeigen. Was beispielsweise verstehst du unter Menschenwürde oder Religionsfreiheit, Gleichberechtigung oder Handlungsfreiheit?  Die Kunst schafft und respektiert Vielfalt und verbindet Widersprüchliches. Wir begegnen uns und kommen in einen kreativen Dialog. Künstlerische Vorkenntnisse oder Vorkenntnisse zum Grundgesetz sind nicht erforderlich. Am 23.09.2018 werden die Werke in der Dreifaltigkeitskriche in Harburg ausgestellt, wir kommen mit den Besuchern in einen Dialog.

Wer kann mitmachen?

Alle Harburger*innen, die Lust haben… und gern Menschen in besonderen persönlichen Situationen, wie Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, erwerbslose, wohnungslose etc.“

 

Justizia Bettina Behrendt

Ausstellung  Sonntag,  23.09.2018 ab 15 Uhr

Ab 16 Uhr künstlerische Führung mit Dialog

„3falt“ (ehemalige Dreifaltigkeitskirche), Neue Straße 44, 21073 Hamburg

Kontakt

Ulrike Hinrichs, E-Mail ulrike.hinrichs at web.de, Telefon 81977616 (gern Nachricht auf AB hinterlassen)

Weitere Infos www.grundrechtekreativ.de

 

Das Projekt wird unterstützt von

Bezirksamt Harburg, Bundesprogramm „Demokratie leben!“

und der Landeszentrale für politische Bildung

Toxische Scham

Werke anlässlich der Gemeinschaftsausstellung „Frauenbilder“ auf dem interantionalen Frauentag in der Biff Harburg am 8.3.2018, Reihe: Me Too (Ulrike Hinrichs)

 

Nur wenn wir mutig genug sind, die Dunkelheit zu untersuchen, werden wir die unendliche Macht unseres Lichts entdecken. Brené Brown [1] 

 

Scham ist vom Grundprinzip ein natürliches und notwendiges Gefühl. Es regelt die Interaktion in der Gemeinschaft (soziale Anpassung) und den Schutz des Selbst (wie viel gebe ich von mir preis). Toxische Scham (der Begriff stammt von John Bradshaw) als Maskierung von Schmerz beschreibt dagegen die tiefe innere Überzeugung falsch, wertlos, mit einem Makel behaftet  zu sein. Diese tiefliegende Verletzung des Wesenskerns, die sich in toxischer Scham zeigt, wohnt in vielen Menschen, die in ihrer Kindheit nicht willkommen waren, die keine sichere Bindung erfahren haben, die gedemütigt oder gar misshandelt wurden. Wenn Kindern durch nonverbales Verhalten oder mit Worten das Gefühl vermittelt wird „falsch zu sein“, nichts richtig machen zu können, keine Fehler machen zu dürfen, be- und entwertet werden, dann entwickelt sich ein ungesundes Gefühl von Scham.

Die Botschaft lautet dann nicht: „du hast etwas falsch gemacht und das ist ok so, ich/wir haben dich bedingungslos lieb“, sondern „Du bist falsch“. Solche oder ähnliche Sätze und Verhaltensweisen kennen viele Menschen: „Mit dir hält es doch sowieso niemand aus“, „Stell dich nicht so an“, „du bist zu dick“, „das kannst du sowieso nicht“, keine körperlichen Berührungen, Umarmungen, Liebes- und Kontaktentzug bei nicht angepasstem Verhalten, keinen Trost in schmerzhaften Situationen.

Typische Abwehrmechanismen nach Bradshaw[2] gegen den Schmerz der toxischen Scham können sein:

  • Perfektionismus, Kontrollzwang,
  • Streben nach Macht und Höchstleistungen,
  • Zorn und Wut,
  • „Denksucht“, Intellektualisieren,
  • Kritik und Tadel, Bestrafung, Bewertung und Verurteilung anderer (Vergleichen mit anderen), Neid, Arroganz,
  • Moralisieren, Verachten, Idealisieren, Beeinflussbarkeit,
  • gönnerhaftes Verhalten, Sichkümmern und Helfen, Nettigkeit und Gefälligkeit.

Solche Verhaltensweisen lenken von einem selbst ab, der eigene Wert wird im Außen gesucht. Kontrolle ist eine der Hauptstrategien, um die toxische Scham zu verbergen. Entweder der Betroffene versucht alle Lebensumstände völlig unter Kontrolle zu bringen oder er/sie verliert jegliche Kontrolle (Suchtverhalten). Die Folgen sind Selbstentfremdung und innere Leere. Die eigenen Grenzen können nicht erkannt bzw. nicht richtig geschützt werden. Betroffene Klammern in Beziehungen, begeben sich in Abhängigkeiten oder können keine Nähe zulassen. Sie reagieren auf Kritik mit heftiger Wut und Aggressionen oder sogar Gewalt.

Körperreaktionen der Scham

  • Beschleunigung der Atmung,
  • Herzrasen,
  • Erröten,
  • Zittern (auch in der Stimme),
  • Sprachlosigkeit (Trockenheit im Mund),
  • Stottern,
  • Schweißausbrüche,
  • Emotionale Beklommenheit (innerer Druck, Innere Enge),
  • seelische Betäubung, innere Leere und auch körperliche Taubheitsgefühle,
  • Schwindel,
  • Muskelverspannung,
  • Ohnmacht, Flucht.

 

 

© Ulrike Hinrichs (Text und Bilder)

 

[1] Brené Brown (2017). Verletzlichkeit macht Stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden. München: Goldmann, S. 89

[2] John Bradshaw (Wenn Scham krank macht: Verstehen und überwinden von Schamgefühlen)

Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain-Barré Syndrom

MEDUSA: Ulrike Hinrichs 1981 (16 Jahre). Das Bild entstand nach meiner Erkrankung „Guillain-Barré Syndrom“

 

Medusa ist eine der drei Gorgonen – Gespenster mit Schlangenhaaren –  aus der griechischen Mythologie. Nach der Sage heißt es, dass jeder der in ihre Augen blickt, augenblicklich in Stein verwandelt wird. 37 Jahre später beeindruckt und erschreckt mich das Bild noch immer. Ich bin fasziniert von der intuitiven Sprache des künstlerischen Ausdrucks.

Im Jahre 1979, mit 14 Jahren, erkrankte ich an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (Akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom), deren genaue Ursache bis heute ungeklärt ist. Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden können. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur. Es begann wie aus dem Nichts völlig plötzlich und unerwartet  mit einem Kribbeln in den Füßen. Nachdem ich zusammengebrochen war, weil meine Beine mich nicht mehr tragen konnten, ging alles ziemlich schnell. Die Lähmungen breiteten sich über die Beine, den Rumpf und die Arme bis zum Kopf aus. Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich konnte mich meiner Umwelt nicht mehr mitteilen und war mit meinen Gedanken und der Lebensbedrohung völlig auf mich gestellt. Ich war emotional komplett isoliert. Durch die vollständige Taubheit konnte ich auch Berührungen nicht mehr wahrnehmen. Zudem drohten die inneren Organe zu versagen. Ich konnte nur durch intensivmedizinische Behandlung am Leben erhalten werden. Heute weiß ich, dass ich dem Tod schon in die Augen geschaut hatte. Die akute Erkrankung dauerte über sechs Wochen an. Die anschließende Rekonvaleszenzphase war sehr langwierig und von heftigen Schmerzen begleitet. Durch die zerstörte Muskulatur musste ich wieder „gehen lernen“, saß lange im Rollstuhl. Es war zunächst völlig unklar, ob ich überhaupt wieder vollständig genesen würde.

Diese physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen zu einem Deprivationszustand mit extremem Leidensdruck, der ausgeprägte Unsicherheit und große Angst erzeugen könne. Im Rahmen dieser emotionalen Extremsituation könne es zu Halluzinationen, sowie paranoiden und oneiroiden (traumähnlichen) Psychosen kommen, so der Mediziner Prof. Dr. Weiß.[1]

Eine psychologische Betreuung gab es damals nicht, stattdessen hatte man mich mit hoch dosiertem Valium versorgt. Allerdings waren die Krankenhäuser seinerzeit noch in staatlicher Hand, so dass jenseits des heute vorherrschenden wirtschaftlichen Drucks ausreichend  Personal vorhanden war, das sich intensiv um mich kümmerte.  In der Hochphase der Erkrankung saß 24 Stunden eine Betreuung neben meinem Bett. Die Fürsorge im Krankenhaus, die in meinem Elternhaus gefehlt hatte,  habe ich damals sehr genossen, nachdem die lebensbedrohliche Phase überwunden war. Ich wollte das Krankenhaus gar nicht wieder verlassen. Über die Kunst, der ich schon in jungen Jahren sehr zugeneigt war, habe ich nach meiner Genesung intuitiv versucht, das erlebte Grauen zu verarbeiten. Hier ist ein Selbstportrait aus dieser Zeit, das für sich spricht.

 

Die Zusammenhänge zwischen Neuropsychologie, Nervensystem und Immunsystem bei entsprechenden Krankheitsbildern sind in den letzten Jahrzehnten Gegenstand der Forschung geworden. Dennoch gibt es wenige Untersuchungen zu diesem relativ seltenen Krankheitsbild. Das Nervensystem ist ein hoch komplexes System, das unseren gesamten Körper umfasst. Es reagiert sensibel auf die Interaktion mit unserem sozialen Umfeld.[1] Das Nervensystem lässt sich auf verschiedene Weise unterteilen: zum einen nach seiner Verortung im Körper in das zentrale Nervensystem  (Gehirn, Rückenmark, (ZNS)) und das periphere Nervensystem ((PNS) Hirn- und Spiralnerven), zum anderen nach seiner Funktion in das somatische Nervensystem (bewusster, willentlicher Zugriff) und das autonome (vegetative) Nervensystem (unbewusst agierend).

Das autonome Nervensystem (ANS) kontrolliert die lebenswichtigen Grundfunktionen im Inneren des Körpers. Es reguliert alle autark ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Atmung. Sämtliche Informationen werden vom Gehirn über das Rückenmark zu den Organen und vice versa weitergegeben. Das ANS besteht aus dem sympathischen (SNS) und parasympathischen Nervensystem (PNS).

Das periphere Nervensystem (PNS) regelt den Zugang zur Peripherie unseres Körpers und damit den Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Schädel und dem Rückenmark treten Hirnnerven und Spinalnerven aus, die wie ein Netz durch den gesamten Körper zu den Sinnesorganen, Extremitäten und auch unter der Haut verlaufen.  Das periphere Nervensystem besteht aus einem somatischen Teil, der die „Schaltzentrale“ Gehirn mit sensorischen Informationen versorgt, und einem autonomen Teil (ANS).

Das gesamte Nervensystem überprüft permanent die Gefahren der Umgebung, schätzt diese ohne unser bewusstes Zutun als sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich ein und verhält sich dazu mit entsprechenden neurobiologischen Reaktionen. Der Vagus, der größte Nerv des autonomen und der wichtigste des peripheren Nervensystems, übermittelt Informationen über den Zustand der peripheren Organe. Nach der polyvagalen Theorie von Porges  findet dabei nicht nur eine wechselwirkende Kommunikation zwischen Gehirn und Körper statt, sondern auch zwischen den Nervensystemen verschiedener Menschen im sozialen Umfeld.[2] Porges unterscheidet drei hierarchisch organisierte Subsysteme des autonomen Nervensystems. Der parasympathische Teil des Vagusnervs regelt das System des sozialen Engagements. Er bietet ein schnelles Eingehen auf unsere Umgebung und Beziehungen.  In sicheren Kontexten hilft dieser Teil des Nervensystems uns, dass wir uns auf die Umgebung einlassen und Bindungen und soziale Beziehungen eingehen. Bei hoher Stressbelastung schaltet das ANS je nach Situation und Individuum auf die archaischen Grundmechanismen: Flucht oder Angriff (Sympathikus); der parasympathische Zweig des Vagus, unser ältestes System, reagiert auf Lebensgefahr und führt zur Erstarrung (Immobilisierung, „Totstellen“).  Porges konstatiert, dass durch „Neurozeption“ (adaptiver Mechanismus der Anpassung auf die Umgebung) die Defensivsysteme (Flucht, Angriff, Erstarrung) in sicher erlebter Umgebung abgeschaltet oder in (lebens-)bedrohlichen Situationen eingeschaltet werden.[3] Gerade in der frühkindlichen Entwicklung ist dieser Mechanismus von großer Bedeutung. Ein Kind ist zunächst als Neugeborenes in völliger dann mit zunehmendem Alter in langsam abnehmender Abhängigkeit zu seinen engen Bezugspersonen. Findet ein Kind keine Zeichen von Sicherheit (z.B. wegen Vernachlässigung oder Gewalt) kann bei ihm ein Gefühl permanenter Gefahr mit entsprechender Aktivierung der Defensivsysteme entstehen.

Ohne vertiefend auf meine damalige Situation eingehen zu wollen, war ich vor der Erkrankung tatsächlich über einen sehr langen Zeitraum in einer psychischen Ausnahmesituation gewesen, die von meiner Umgebung nicht gesehen oder ignoriert wurde. Die einzige Überlebensstrategie meines weisen Körpers bestand darin, das gesamte System herunterzufahren. Das periphere Nervensystem mit seinen „Fühlern“  zur Außenwelt, um es metaphorisch auszudrücken, hat sich als Reaktion auf die bedrohliche Situation langsam und von den Extremitäten beginnen, über den Rumpf, die Sinnesorgane und nach innen zu den Organen verlaufend abgeschaltet und auf seinen wesentlichen Kern zurückgezogen.

Wenn ich heute auf meine Kunstwerke schaue, dann ziehen mich bei beiden Köpfen die Augen magisch an, hinter denen sich jenseits der maskenhaft wirkenden Gesichter eine sehr viel tiefere Ebene zu verbergen scheint. Das ist für mich auch deshalb beeindruckend, da ich (anders als heute) seinerzeit weder zur Mythologie noch zu spirituellen Themen einen Zugang hatte. Die Symbolik der Bilder spricht für sich, zum einen Medusa, die jeden in Stein verwandelt, der ihr in die Augen schaut. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt.[4]

Ebenso hat das Selbstportrait eine tiefe Deutungsebene. Es symbolisiert für mich persönlich zum einen das „Auftauen“ aus dem versteinerten Zustand. Gleichzeitig zeigt es in seinem künstlerischen Ausdruck und Aufbau archaische, archetypische Elemente, wie etwa die Fibonacci-Spirale, die sich in der Natur in unzähligen Ausformungen spiegelt (vom Universum über das menschliche Innenohr bis zum Schneckenhaus). Auch das „Ying und Yang“ Zeichen der chinesischen Philosophie verbirgt sich im Werk. Das Symbol steht für einander polar entgegengesetzte aber aufeinander bezogene Kräfte. Yang beschreibt das aktive, Impulse gebende, männliche Prinzip. Yin verkörpert die passive, nach innen gerichtete weibliche Energie. Die männlichen und weiblichen Urkräfte können auch als symbolische Platzhalter für das sympathische und parasympathische Nervensystem stehen. Das sympathische Nervensystem  spiegelt das aktive männliche Prinzip, während der Parasympathikus das passive weibliche Prinzip wiedergibt.

Der krankheitsbedingte Zustand erinnert auch an den eines Samadhi (Buddhismus, Hinduismus). „Samadhi – das ist, wenn mein Körper unbeweglich ist, wie Stein, wie etwas Totes, doch ich lebe. Ein versteinert-unbeweglicher Körper, der trotzdem lebt“, so der Gelehrte Svamin Daram Radje Bharti. Gleichzeitig lebe der Geist außerkörperlich weiter. [5] 

Ich bewundere zudem den uns allen immanenten „inneren Heiler“, jener Instanz, die auch in sehr schwierigen Situationen unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren kann, wenn wir ihr genug Aufmerksamkeit schenken.

 „Der innere Heiler, oder oft benannt als Medicus internus (der innere Arzt) scheint, physikalisch gesehen, so etwas zu sein wie ein eingebauter Resonanzdetektor, der sensibel auf die Wahrnehmung von körperlichen, emotionalen und seelischen Unstimmigkeiten ausgerichtet ist. Seine Fähigkeit innere Differenzen und Dissonanzen zu balancieren und in harmonisierende und korrigierende Impulse zu verwandeln nutzt eine geniale Hyperintelligenz. Der physiologische Hintergrund dieser Fähigkeit speist sich aus all den Anteilen in unserem Nervensystem, die mit dem evolutionären und archaischen Urwissen unserer Körperinformation verbunden sind. Die Kunst ist es genau das wahrnehmbar und zugänglich zu machen. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition und die Übersetzung der inneren Wahrnehmungen in Bilder von Gestalten, die sehr oft mythischen Charakter haben, also eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten herstellen“, so der Mediziner Hein.[6]

Durch den künstlerischen Ausdruck und der darin enthaltenen intuitiven (universellen) Symbolsprache nehmen wir intuitiv Kontakt zu unserem inneren Heiler auf. Die Sprache der Kunst ist vielschichtig und komplex. Sie zeigt der fühlenden intuitiven Seite in uns einen Weg auf, den wir vertrauensvoll gehen können. Mir hat der künstlerische Ausdruck bei der Verarbeitung geholfen und heute nutze ich ihn in meiner Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

 

Ulrike Hinrichs 2018

siehe auch zum Thema meine Beiträge: 

 

Literatur

Eisendraht S.J., Matthay M.A., Dunkel J.A., Zimmermann J.K., Layzer R.B.: Guillain-Barré syndrome: Psychosocial aspects of management. Psychosomatic 1983, 24: 465-475

[1] Weiß H., Rastan V., Müllges W., Wagner R.F., Toyka K.V.: Psychotic Symptoms and Emotional Distress in Patients with Guillain-Barré Syndrome. Eur Neurol 2002, 47: 74-78, Eva Forster, Promotionsarbeit, https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/1751/file/Dissertation-Forster.pdf (1.5.2018)

[2] Porges, Stephen W. (2018). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Lichtenau: G.P. Porbst Verlag

[3] Porges (2018).

[4] Porges (2018).

[5] Muldashv, Ernst (2017, S. 96). Das Dritte Auge und der Ursprung der Menschheit. Amra.

[4] Croissier, Getrude R. (2006, S. 28), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung. Schalksmühle: fabricalibri

[6] Beitrag zu meinem Fachbuch Kunst als Sprache der Intuition. Dr. Hans Hein http://www.forumsynergie.de

Autonomes Nervensystem, Trauma und Kunsttherapie

Das autonome (vegetative) Nervensystem (ANS) kontrolliert die lebenswichtigen Grundfunktionen des Körpers. Das ANS reguliert alle autark ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Atmung. Sämtliche Informationen werden über das Rückenmark zu den Organen weitergegeben. Das ANS besteht aus dem sympathischen (SNS) und parasympathischen Nervensystem (PNS), die antagonistisch auf die Organe einwirken. Bei hoher Stressbelastung und in (lebens-)bedrohlichen Situationen (die regelmäßig zu Trauma führen) schaltet das ANS je nach Situation und Individuum auf die drei Grundmechanismen: Flucht – Angriff – Erstarrung.

 

Das sympathische Nervensystem

Das sympathische Nervensystem (SNS) übernimmt den aktiven Part im autonomen Nervensystem. Es stimuliert in Stresssituationen Herzschlag, Atmung und Hormone. Körperliche Anzeichen:

  • Anspannung der Skelettmuskulatur (Vorbereitung auf körperliche Aktivität),
  • Steigerung des Herzschlags
  • Erweiterung der Pupillen
  • Hemmung des Tränen- und Speichelfluss
  • Erweiterung der Luftwege
  • Hemmung der Ausscheidungsorgane (keine Darm- und Blasenentleerung),
  • Adrenalin und Noradrenalin wird freigesetzt
  • Verengung der Blutgefäße
  • Stimulierung des Orgasmus

In lebensbedrohlichen Gefahrensituationen bereitet es auf Flucht oder Angriff vor. Eine hohe Aktivierung des SNS führt zu Reaktionen wie Wut, Aggressionen und impulsiven Gefühlsausbrüchen. Bei einer dauerhaften, chronischer  Über-Aktivierung des Sympathikus durch Stress, Angst und Aufregung besteht eine große Anspannung und innere Unruhe, Reizbarkeit und Aggressivität bei dem Betroffenen. Dies drückt sich auch in hektischen Bewegungen und einer überschnellen Kampf- und Leistungsbereitschaft aus. Ein deutliches Anzeichen der Überaktivierung des PSN zeigt sich auch in einer hohen Nervosität. Der Körper ist permanent auf körperliche und geistige Leistung vorbereitet.

 

 

Das parasympathische Nervensystem

Das parasympathische Nervensystem (PNS) wirkt beruhigend auf die Körperfunktionen. Als Gegenpol zum Sympathikus bewirkt der parasympathische Teil, der auch „Ruhenerv“ genannt wird,  eine Normalisierung der Organ- und Drüsenfunktion und sorgt für Entspannung. Das PSN tendiert zur Speicherung und dem Aufbau von Energie während einer Ruhe- oder Erholungsphase.

Körperliche Anzeichen:

  • Erschlaffung der Skelettmuskulatur
  • Förderung des Tränen- und Speichelfluss
  • Verengung der Pupillen und Luftwege
  • Verlangsamung des Herzschlags
  • Reduzierung des Stoffwechsels
  • Erweiterung der Blutgefäße im Darm,
  • Förderung der Verdauungsfunktionen
  • Stimulierung der sexuellen Erregung

In lebensbedrohlichen Gefahrensituationen, in denen Flucht und Angriff sinnlos sind, bereitet das PNS die Erstarrung (Totstellen) vor. Dies führt zu Reaktionen wie körperlichem und emotionalem Einfrieren, Depression, Müdigkeit, Erschöpfung, Schockstarre. Bei einer Überaktivierung des PSN in Angst- und Stresssituationen zeigt sich die Person äußerlich wie gelähmt.

 

Kunsttherapie und autonomes Nervensystem

 

Die männliche und weibliche Urkraft können als symbolische Platzhalter für das sympathische und parasympathische Nervensystem stehen. Das sympathische Nervensystem  spiegelt das aktive männliche Prinzip, während der Parasympathikus das passive weibliche Prinzip wiedergibt. Wir alle leben zwischen den Polen dieser Kräfte. Die Begrifflichkeiten haben nichts mit der Geschlechterzuordnung  zu tun. Beide Pole leben in jedem Menschen, schon C.G. Jung hat die Archetypen der Anima, als Urbild der Frau im Mann und des Animus als Urbild des Mannes in der Frau beschrieben. Diese Grundprinzipien sind universell und lassen sich in vielen Kulturen als Symbole finden, wie etwa im Symbol Ying und Yang aus der chinesischen Philosophie oder im  Hinduismus, das Prinzip  Linguan, als das aktive und kreative Prinzip, und Yoni als das weibliche, aufnehmende Prinzip. Das weibliche Prinzip steht für Hingabe und Empfänglichkeit. Die Energie ist eher diffus, fließend und formlos. Gleichzeitig ist sie schöpferisch-gestaltend, gebärend, verwandelnd und heilend. Das männliche Prinzip beschreibt das Denken, Handeln und die Aktivität. Die männliche Energie gibt Inspiration. Sie ist fokussiert und zielgerichtet, kämpferisch, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert. Die männliche Energie schützt und hält die weibliche Energie.

Es gibt verschiedene Ansatzpunkte diese Prinzipien künstlerisch umzusetzen. Von der Heilpraktikerin und Trauma-Expertin Andrea Wandel habe ich für das autonome Nervensystem das Symbol „Das wilde Tier in dir“ dankend übernommen. Dieses ungezähmte wilde Wesen hält sich nicht an Normen und Konventionen. Es lebt instinkthaft und tut genau das, was in diesem Moment richtig ist. Die polarisierenden Urkräfte können spielerisch auch in anderen Symbolen umgesetzt werden. Für das weibliche Prinzip kann beispielsweise die Königin als archetypischer Fingerabdruck stehen, für das männliche Prinzip der König. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, auch die Götter der griechischen Mythologie eigenen sich für eine symbolische Umsetzung dieser Prinzipien, Demeter die Muttergöttin der Natur etwa und als Gegenspieler Zeus, der Gott des Himmels und des Donners.

Die künstlerische Arbeit mit Symbolen defokussiert von der traumatischen Erfahrung. Es lenkt die Aufmerksamkeit nach außen auf das Kunstwerk und erleichtert den Zugang zu den sehr belastenden, mit Worten oft kaum zugänglichen Erfahrungen und Gefühlen.

siehe auch zum Thema: 

© Ulrike Hinrichs 2018, die Bilder stammen aus der Künstlergruppe für Flüchtlinge