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„Der Mann im Mond“ ist eigentlich eine Frau

Frau im Mond – Ulrike Hinrichs

„Jeden Abend knipst der Mann im Mond sein Licht an, damit man auf der Erde auch was sieht“, beginnt ein Songtext von den Prinzen. Es gibt viele Mythen, Märchen und  Geschichte vom „Mann im Mond“. Aber wieso soll es eigentlich ein Mann sein, dessen Gesichtszüge sich auf der leuchtenden Mondoberfläche abzeichnen?

In vielen alten Mythologien steht der Mond für eine Göttin, wie etwa die babylonische Mondgöttin Ischtar oder die ägyptische Göttin Isis. Im Tarot symbolisiert der Mond das Unbewusste, die Schattenseite, die unbekannte Tiefe in uns. Auch hier ist der Bezug zur weiblichen Urkraft herzustellen. Wir alle leben zwischen den Polen der weiblichen und männlichen Urkraft. Diese polaren Kräfte werden in allen Kulturen beschrieben und existieren  jenseits aller Bewertungen von Anbeginn der Zeit, beispielsweise in Nacht und Tag, Mond und Sonne, Dunkel und Licht, Erde und Himmel. Männliche und weibliche Qualitäten sind keine stereotypischen Eigenschaften, sondern Seinszustände.

Ich glaube an die Kraft von Symbolen. Symbole sind Metaphern, kleine Kunstwerke, die Bilder im Kopf schaffen. Symbole schließen ein, nicht aus. Symbole haben stets eine individuelle und eine kollektive Bedeutung. Symbole stellen einen Bezug zur Intuition her.

Und der Mond steht in der Symbolik für die weibliche Urkraft, die Sonne für die männliche Energie. Die Sonne, das männliche Prinzip, lässt den Mond erstrahlen. Wie Yin und Yang gehören Sonne und Mond zusammen. Sie können sich nur im Zusammenspiel voll entfalten. Das männlich dominierte Weltbild bzw. die Werte unserer Zeit sind im Wandel. Sinnsuche, Respekt vor der Natur und ihren Geschöpfen sowie eine nährende Gemeinschaft treten mehr und mehr in den Vordergrund. Das bewusste Zurückkehren zur weiblichen Energie wird durch eine Veränderung des Fokus erreicht, indem wir die Aufmerksamkeit nach Innen richten. „Empfangen, Weiten, Austragen und Hergeben – dies ist das Mysterium des Großen Weiblichen, das Grundmuster der weiblichen Schöpfungskraft“, beschreibt es Croissier. Auch Nähren und Schützen sind Stärken der weiblichen Urkraft. In ihrer übertriebenen Ausprägung gehören zum Weiblichen das Kontrollieren, Einengen, Festhalten, Abhängigmachen, Verschlingen, Fressen oder sogar Töten.

Also, denken Sie dran, wenn Sie das nächste Mal in der Nacht in den Himmel schauen, es ist die Mondfrau, die in der Nacht über dich wacht. Und vielleicht ist es eine Botschaft, sich der weiblichen Energie noch mehr bewusst zu werden.

 

Literatur

Getrude R Crossier. (2006, S. 28), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung. Fabricalibri

Mehr zum Thema männliche und weibliche Urkraft in meinem Buch

Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824

 

 

Kindheitsfotos malen, um zu heilen

 

 

 

Wenn wir die belastenden Gefühle in uns wirklich fühlen, werden sie zu Reiseführern der Seele.

Kunst hilft heilen. Oft sitzen unsere Probelme in einer verletzten Kinderseele. Verletzlichkeit ist die Schnittstelle zwischen Mut und Angst. Es braucht Mut, seine Verletzlichkeit zu zeigen. Die Wunden der Verletzlichkeit gehen oft zurück in die frühe Kindheit. Gleichzeitig ist die Erinnerung nicht immer ganz klar. Stephen King schreibt das anschaulich in seiner Autobiografie: „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.“[1] Wir haben Erinnerungsfetzen im Kopf, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Geschichten aus der Familie oder von Freunden. Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so erklärt es die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Unser Erinnern ist einerseits kein Abbild der Realität, andererseits sind die Erinnerungen, vor allem Gefühle und Themen dennoch wahr. Sich dieser Vergangenheit zu nähern, gelingt uns, indem wir uns unserer Kindheit künstlerisch nähern. In die Kindheit einzutauchen, kann emotional herausfordernd sein. Sich auf einem Foto aus der Kindheit zu betrachten, das einen Moment eingefangen hat, der uns berührt, reaktiviert oft die problembelastete Situation.

Für die Aufgabe sucht man intuitiv Kinderbilder aus alten Fotoalben heraus. Wen man selbst keine hat, so schaut man bei den Eltern oder Großeltern. Welches Foto zieht mich magisch an, wenn ich die Alben durchgehe? Lassen Sie sich intuitiv führen. Fragen Sie nicht „warum dieses Foto?“, nehmen Sie es einfach, es wird das richtige sein. Bei der anschließenden künstlerischen Umsetzung geht es nicht um ein reales Abbild. Vielmehr versuchen wir in Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst, das auf dem Foto durchschimmert.

Oft sind alte Fotos noch schwarz-weiß abgelichtet. Bei der künstlerischen Gestaltung, kann man mit den Farben spielen oder auch im schwarz-weiß bleiben. Für die Umsetzung ist im Prinzip jedes Material geeignet. Die „perfekte“ Fotovorgabe schränkt unseren Blick häufig ein, wie soll ich die Hand malen, den Mund formen, wie schaffe ich eine Ähnlichkeit herzustellen? Diesen Perfektionismus können wir mit einigen Tricks überwinden. Es geht nicht um eine Kopie des Fotos, es geht um die Kontaktaufnahme zu einem Gefühl, wie man an den oben abgebildeten Beispielbildern erkennt. Fotos zeigen einen  eingefrorenen Moment des Lebendigen. Dieses Festhalten ist aber mehr ein Stillstellen. Erst der Kontakt über den (unperfekten, ganz individuellen) künstlerischen Ausdruck erweckt das Bild mit Gefühlen wieder zum Leben.

Aquarellfarben etwa schaffen dafür eine gute Möglichkeit. Denn die Wasserfarben verlaufen leicht ineinander, so dass wir uns auf Überraschendes und Ungewolltes einlassen müssen. Man kann sogar bewusst Flecken und Fehler in das Werk einbauen, indem man mit dem in Farbe getränkten Pinsel auf das Papier spritzt. Die „künstliche Würdigung“ gerade dieser Flecken hat oft eine faszinierende Wirkung. Denn es ist auch eine Würdigung unserer Unvollkommenheit als Mensch.

Das hier abgebildete Kunstwerk zeigt ein von mir gemaltes Kindheitsbild. Ich habe die Flecken mit farbigen Markern, mit Gold und Silber, umrandet, gestaltet und damit hervorgehoben und geehrt. Für mich war das eine Befreiung, bin ich doch mit dem Anspruch von Perfektion groß geworden. „Du kannst das sowieso nicht“, „stell dich nicht so an“, „reiß dich mal zusammen“, „mit dir hält es keiner aus“ waren nur einige Botschaften, die ich als Kind zu hören bekommen habe. Das Bild berührt mich auch deshalb, weil es einen Moment des Innehaltens ausdrückt. Das Kind auf dem Bild schält eine Mandarine, ist dabei über die Flecken und Fraktale verbunden mit dem Raum. Das Bild drückt etwas Meditatives, Verbundenes aus. Solche Momente waren in meiner Kindheit aber gerade nicht erlaubt, es ging um Machen und Leistung, nicht um Sein und Ruhen.

Um die Restbestände des eigenen Perfektionismus zu überwinden, kann man sich das Zeichnen etwas erschweren. Eine Möglichkeit besteht im „Blind Zeichnen“. Dabei schaut man beim Zeichnen nur auf das Kinderfoto und gestaltet „blind“ auf dem Papier. Man kann zusätzlich auch ein Blatt oder Tuch auf die Zeichenhand legen, um das Blickfeld zu verdecken. Auch kann seine Schreibhand wechseln, der Rechtshänder zeichnet mit links, der Linkshänder mit rechts. Oder man dreht die Fotovorlage über Kopf, auch das hilft den Blick zu weitern. Zudem besteht die Möglichkeit mit dicken Pinseln zu arbeiten, die uns daran hindern zu genau zu sein. Akzente kann man später mit einem schwarzen Feinliner setzen. Dadurch können bestimmte Bereiche betont und herausgestellt werden. Weiße oder farbige Fineliner unterstützen diesen Prozess.

Und dann lassen Sie sich überraschen, was ist entstanden? Welche Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen kommen Ihnen, wenn Sie ihr Kunstwerk betrachten? Das bin ich. Was verbindet mich mit dieser jüngeren Version von mir? Was kommt mir in den Sinn? Was ist überraschend, interessant?

 

Siehe dazu auch: „Narzissmus – Big mother ist watching you“


Zur Biografiearbeit siehe auch mein Kursangebot unter http://www.lebenswegschreiben.de

 

[1] King, (2000, S. 19/20 )

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 16.05.2019

Der Fisch als Symbol

Die Fisch-Motive stammen aus unterschiedlichen Kreativgruppen von Ulrike Hinrichs, Seniorenresidenz Harburg, Künstlergruppe für Flüchtlinge, Kinderatelier der Ev. – Luth. St. Trinitatis Kirchengemeinde in Harburg

Oft habe ich schon darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn alle Meeresbewohner gleichzeitig aus dem Wasser sprängen und sich das gesamte Unterwasserleben für einen Moment über dem Meer zeigte. Wir bekämen unzählige Fische und andere Meerestiere und Pflanzen zu sehen. Das Leben unter Wasser bleibt uns von Land aus verborgen und es gibt Regionen in der Tiefsee, die bis heute noch kein Mensch gesehen hat. In der Symbolik stehen das Meer und vor allem auch der Fisch daher für die unbewusste und fühlende Seite in uns. Der Fisch als Symbol hat je nach Tradition und Kultur ganz unterschiedliche Bedeutungen, er ist etwa Schutzzeichen und Fruchtbarkeitssymbol. Als Sternzeichen steht er am Himmel, taucht in Märchen und Mythen auf und symbolisiert im christlichen Glauben Jesus. Der Fisch in seiner Symbolik lässt uns eintauchen in alle Ebenen unseres Seins.

Kunstprojekt „Kleine Weltküche“ stellt in Istanbul aus

Infos: https://heimatharburg.wordpress.com/kochbuch/

Kleine Weltküche – herausgegeben von Günther Spiegel und Ulrike Hinrichs

Kochrezepte von Geflüchteten und Freunden erschienen im VSA: Verlag. Der künstlerisch-kulinarische Leckerbissen liefert eine breite Auswahl an Rezepten aus Afghanistan, Albanien, Bosnien, Deutschland, Ghana, Griechenland, Kolumbien, Irak, Mali, Peru, Senegal, Serbien, Syrien und der Türkei. Das Kochbuch ist aus einem ehrenamtlichen Flüchtlingsprojekt entstanden. Das Buch wurde von den Beteiligten, insbesondere von der Künstlergruppe für Flüchtlinge in Harburg, auch selbst illustriert. Künstlerisch mitgewirkt haben Profis wie Emad Hashem, der an der Universität in Damaskus (Syrien) eine Kunstprofessur inne hatte oder auch kleine Künstlerinnen wie die elfjährige Yona Sabbah, ebenfalls aus Syrien, die Spaß am malen hat. Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht.

 

 

Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain-Barré Syndrom

MEDUSA: Ulrike Hinrichs 1981 (16 Jahre). Das Bild entstand nach meiner Erkrankung „Guillain-Barré Syndrom“

 

Medusa ist eine der drei Gorgonen – Gespenster mit Schlangenhaaren –  aus der griechischen Mythologie. Nach der Sage heißt es, dass jeder der in ihre Augen blickt, augenblicklich in Stein verwandelt wird. Das mit seinen weißen Augenhöhlen maskenhaft wirkende Gesicht der Medusa zieht mich in seinen Bann. Ein Schlangenkörper mit gespaltener Zunge auf der Stirn des Ungeheuers, lenkt die Aufmerksamkeit noch mehr auf die nicht vorhandenen Augen. Die Zungenspitzen des Reptils zeichnen auf den leeren Augenhöhlen die Pupillen nach. Der  Blick des Ungeheuers wirkt daher fokussiert, fast laserhaft, als könne er einen mit einem feinen Lichtstrahl durchbohren, töten.  Noch heute, Jahrzehnte später, beeindruckt und erschreckt mich das Bild, das ich 1981 zeichnete. Gleichzeitig bin ich fasziniert von der intuitiven Sprache des künstlerischen Ausdrucks.

Im Jahre 1979, mit 14 Jahren, erkrankte ich an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (Akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom), deren genaue Ursache bis heute ungeklärt ist. Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden können. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur. Es begann wie aus dem Nichts völlig plötzlich und unerwartet  mit einem Kribbeln in den Füßen. Nachdem ich zusammengebrochen war, weil meine Beine mich nicht mehr tragen konnten, ging alles ziemlich schnell. Die Lähmungen breiteten sich über die Beine, den Rumpf und die Arme bis zum Kopf aus. Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich konnte mich meiner Umwelt nicht mehr mitteilen und war mit meinen Gedanken und der Lebensbedrohung völlig auf mich gestellt. Ich war emotional komplett isoliert. Durch die vollständige Taubheit konnte ich auch Berührungen nicht mehr wahrnehmen. Zudem drohten die inneren Organe zu versagen. Ich konnte nur durch intensivmedizinische Behandlung am Leben erhalten werden. Heute weiß ich, dass ich dem Tod schon in die Augen geschaut hatte. Die akute Erkrankung dauerte über sechs Wochen an. Die anschließende Rekonvaleszenzphase war sehr langwierig und von heftigen Schmerzen begleitet. Durch die zerstörte Muskulatur musste ich wieder „gehen lernen“, saß lange im Rollstuhl. Es war zunächst völlig unklar, ob ich überhaupt wieder vollständig genesen würde.

Diese physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen zu einem Deprivationszustand mit extremem Leidensdruck, der ausgeprägte Unsicherheit und große Angst erzeugen könne. Im Rahmen dieser emotionalen Extremsituation könne es zu Halluzinationen, sowie paranoiden und oneiroiden (traumähnlichen) Psychosen kommen, so der Mediziner Prof. Dr. Weiß.[1]

Eine psychologische Betreuung gab es damals nicht, stattdessen hatte man mich mit hoch dosiertem Valium versorgt. Allerdings waren die Krankenhäuser seinerzeit noch in staatlicher Hand, so dass jenseits des heute vorherrschenden wirtschaftlichen Drucks ausreichend  Personal vorhanden war, das sich intensiv um mich kümmerte.  In der Hochphase der Erkrankung saß 24 Stunden eine Betreuung neben meinem Bett. Die Fürsorge im Krankenhaus, die in meinem Elternhaus gefehlt hatte,  habe ich damals sehr genossen, nachdem die lebensbedrohliche Phase überwunden war. Ich wollte das Krankenhaus gar nicht wieder verlassen. Über die Kunst, der ich schon in jungen Jahren sehr zugeneigt war, habe ich nach meiner Genesung intuitiv versucht, das erlebte Grauen zu verarbeiten. Hier ist ein Selbstportrait aus dieser Zeit, das für sich spricht.

 

Die Zusammenhänge zwischen Neuropsychologie, Nervensystem und Immunsystem bei entsprechenden Krankheitsbildern sind in den letzten Jahrzehnten Gegenstand der Forschung geworden. Dennoch gibt es wenige Untersuchungen zu diesem relativ seltenen Krankheitsbild. Das Nervensystem ist ein hoch komplexes System, das unseren gesamten Körper umfasst. Es reagiert sensibel auf die Interaktion mit unserem sozialen Umfeld.[1] Das Nervensystem lässt sich auf verschiedene Weise unterteilen: zum einen nach seiner Verortung im Körper in das zentrale Nervensystem  (Gehirn, Rückenmark, (ZNS)) und das periphere Nervensystem ((PNS) Hirn- und Spiralnerven), zum anderen nach seiner Funktion in das somatische Nervensystem (bewusster, willentlicher Zugriff) und das autonome (vegetative) Nervensystem (unbewusst agierend).

Das autonome Nervensystem (ANS) kontrolliert die lebenswichtigen Grundfunktionen im Inneren des Körpers. Es reguliert alle autark ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Atmung. Sämtliche Informationen werden vom Gehirn über das Rückenmark zu den Organen und vice versa weitergegeben. Das ANS besteht aus dem sympathischen (SNS) und parasympathischen Nervensystem (PNS).

Das periphere Nervensystem (PNS) regelt den Zugang zur Peripherie unseres Körpers und damit den Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Schädel und dem Rückenmark treten Hirnnerven und Spinalnerven aus, die wie ein Netz durch den gesamten Körper zu den Sinnesorganen, Extremitäten und auch unter der Haut verlaufen.  Das periphere Nervensystem besteht aus einem somatischen Teil, der die „Schaltzentrale“ Gehirn mit sensorischen Informationen versorgt, und einem autonomen Teil (ANS).

Das gesamte Nervensystem überprüft permanent die Gefahren der Umgebung, schätzt diese ohne unser bewusstes Zutun als sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich ein und verhält sich dazu mit entsprechenden neurobiologischen Reaktionen. Der Vagus, der größte Nerv des autonomen und der wichtigste des peripheren Nervensystems, übermittelt Informationen über den Zustand der peripheren Organe. Nach der polyvagalen Theorie von Porges  findet dabei nicht nur eine wechselwirkende Kommunikation zwischen Gehirn und Körper statt, sondern auch zwischen den Nervensystemen verschiedener Menschen im sozialen Umfeld.[2] Porges unterscheidet drei hierarchisch organisierte Subsysteme des autonomen Nervensystems. Der parasympathische Teil des Vagusnervs regelt das System des sozialen Engagements. Er bietet ein schnelles Eingehen auf unsere Umgebung und Beziehungen.  In sicheren Kontexten hilft dieser Teil des Nervensystems uns, dass wir uns auf die Umgebung einlassen und Bindungen und soziale Beziehungen eingehen. Bei hoher Stressbelastung schaltet das ANS je nach Situation und Individuum auf die archaischen Grundmechanismen: Flucht oder Angriff (Sympathikus); der parasympathische Zweig des Vagus, unser ältestes System, reagiert auf Lebensgefahr und führt zur Erstarrung (Immobilisierung, „Totstellen“).  Porges konstatiert, dass durch „Neurozeption“ (adaptiver Mechanismus der Anpassung auf die Umgebung) die Defensivsysteme (Flucht, Angriff, Erstarrung) in sicher erlebter Umgebung abgeschaltet oder in (lebens-)bedrohlichen Situationen eingeschaltet werden.[3] Gerade in der frühkindlichen Entwicklung ist dieser Mechanismus von großer Bedeutung. Ein Kind ist zunächst als Neugeborenes in völliger dann mit zunehmendem Alter in langsam abnehmender Abhängigkeit zu seinen engen Bezugspersonen. Findet ein Kind keine Zeichen von Sicherheit (z.B. wegen Vernachlässigung oder Gewalt) kann bei ihm ein Gefühl permanenter Gefahr mit entsprechender Aktivierung der Defensivsysteme entstehen.

Ohne vertiefend auf meine damalige Situation eingehen zu wollen, war ich vor der Erkrankung tatsächlich über einen sehr langen Zeitraum in einer psychischen Ausnahmesituation gewesen, die von meiner Umgebung nicht gesehen oder ignoriert wurde. Die einzige Überlebensstrategie meines weisen Körpers bestand darin, das gesamte System herunterzufahren. Das periphere Nervensystem mit seinen „Fühlern“  zur Außenwelt, um es metaphorisch auszudrücken, hat sich als Reaktion auf die bedrohliche Situation langsam und von den Extremitäten beginnen, über den Rumpf, die Sinnesorgane und nach innen zu den Organen verlaufend abgeschaltet und auf seinen wesentlichen Kern zurückgezogen.

Wenn ich heute auf meine Kunstwerke schaue, dann ziehen mich bei beiden Köpfen die Augen magisch an, hinter denen sich jenseits der maskenhaft wirkenden Gesichter eine sehr viel tiefere Ebene zu verbergen scheint. Das ist für mich auch deshalb beeindruckend, da ich (anders als heute) seinerzeit weder zur Mythologie noch zu spirituellen Themen einen Zugang hatte. Die Symbolik der Bilder spricht für sich, zum einen Medusa, die jeden in Stein verwandelt, der ihr in die Augen schaut. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt.[4] Medusa ist ein archetypisches Bild von  Wut, Verrat und Scham, beschreibt es auch Ursula Wirtz in ihrem Buch: Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. Das Symbol der Versteinerung, das Medusa repräsentiert, steht im Traumakontext auch für emotionale Betäubung. Der Mythos von Medusa  wird auch als Aspekt der Dissoziation gesehen, das Abtrennen des Kopfes vom Körper. Und genau das ist auch in der Symbolik der Krankheit geschehen.

Ebenso hat das Selbstportrait eine tiefe Deutungsebene. Es symbolisiert für mich persönlich zum einen das „Auftauen“ aus dem versteinerten Zustand. Gleichzeitig zeigt es in seinem künstlerischen Ausdruck und Aufbau archaische, archetypische Elemente, wie etwa die Fibonacci-Spirale, die sich in der Natur in unzähligen Ausformungen spiegelt (vom Universum über das menschliche Innenohr bis zum Schneckenhaus). Auch das „Ying und Yang“ Zeichen der chinesischen Philosophie verbirgt sich im Werk. Das Symbol steht für einander polar entgegengesetzte aber aufeinander bezogene Kräfte. Yang beschreibt das aktive, Impulse gebende, männliche Prinzip. Yin verkörpert die passive, nach innen gerichtete weibliche Energie. Die männlichen und weiblichen Urkräfte können auch als symbolische Platzhalter für das sympathische und parasympathische Nervensystem stehen. Das sympathische Nervensystem  spiegelt das aktive männliche Prinzip, während der Parasympathikus das passive weibliche Prinzip wiedergibt.

Der krankheitsbedingte Zustand erinnert auch an den eines Samadhi (Buddhismus, Hinduismus). „Samadhi – das ist, wenn mein Körper unbeweglich ist, wie Stein, wie etwas Totes, doch ich lebe. Ein versteinert-unbeweglicher Körper, der trotzdem lebt“, so der Gelehrte Svamin Daram Radje Bharti. Gleichzeitig lebe der Geist außerkörperlich weiter. [5] 

Ich bewundere zudem den uns allen immanenten „inneren Heiler“, jener Instanz, die auch in sehr schwierigen Situationen unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren kann, wenn wir ihr genug Aufmerksamkeit schenken.

 „Der innere Heiler, oder oft benannt als Medicus internus (der innere Arzt) scheint, physikalisch gesehen, so etwas zu sein wie ein eingebauter Resonanzdetektor, der sensibel auf die Wahrnehmung von körperlichen, emotionalen und seelischen Unstimmigkeiten ausgerichtet ist. Seine Fähigkeit innere Differenzen und Dissonanzen zu balancieren und in harmonisierende und korrigierende Impulse zu verwandeln nutzt eine geniale Hyperintelligenz. Der physiologische Hintergrund dieser Fähigkeit speist sich aus all den Anteilen in unserem Nervensystem, die mit dem evolutionären und archaischen Urwissen unserer Körperinformation verbunden sind. Die Kunst ist es genau das wahrnehmbar und zugänglich zu machen. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition und die Übersetzung der inneren Wahrnehmungen in Bilder von Gestalten, die sehr oft mythischen Charakter haben, also eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten herstellen“, so der Mediziner Hein.[6]

Durch den künstlerischen Ausdruck und der darin enthaltenen intuitiven (universellen) Symbolsprache nehmen wir intuitiv Kontakt zu unserem inneren Heiler auf. Die Sprache der Kunst ist vielschichtig und komplex. Sie zeigt der fühlenden intuitiven Seite in uns einen Weg auf, den wir vertrauensvoll gehen können. Mir hat der künstlerische Ausdruck bei der Verarbeitung geholfen und heute nutze ich ihn in meiner Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

Ulrike Hinrichs 2018

Medusa 2018 – Ulrike Hinrichs

Siehe auch zum Thema meine Beiträge: 

 

 

 

 

 

 

Literatur

Ulrike Hinrichs, Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824

Eisendraht S.J., Matthay M.A., Dunkel J.A., Zimmermann J.K., Layzer R.B.: Guillain-Barré syndrome: Psychosocial aspects of management. Psychosomatic 1983, 24: 465-475

[1] Weiß H., Rastan V., Müllges W., Wagner R.F., Toyka K.V.: Psychotic Symptoms and Emotional Distress in Patients with Guillain-Barré Syndrome. Eur Neurol 2002, 47: 74-78, Eva Forster, Promotionsarbeit, https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/1751/file/Dissertation-Forster.pdf (1.5.2018)

[2] Porges, Stephen W. (2018). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Lichtenau: G.P. Porbst Verlag

[3] Porges (2018).

[4] Porges (2018).

[5] Muldashv, Ernst (2017, S. 96). Das Dritte Auge und der Ursprung der Menschheit. Amra.

[4] Croissier, Getrude R. (2006, S. 28), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung. Schalksmühle: fabricalibri

[6] Beitrag zu meinem Fachbuch Kunst als Sprache der Intuition. Dr. Hans Hein http://www.forumsynergie.de

Interview zum neuen Buch „Kunst als Sprache der Intuition“

„Auge“, Bild einer demenzerkrankten Klientin

 

Kunst als Sehhilfe zur Übersetzung intelligenter Felder

Ein Interview des Synergia Verlags mit Ulrike Hinrichs zum neuen Buch: Kunst als Sprache der Intuition

Der künstlerische Ausdruck sei eine dem Mensch ureigene Form der Sprache, eine Sprache der fühlenden intuitiven Seite im Menschen, beschreibt Ulrike Hinrichs es in ihrem neuen Fachbuch „Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen“.

Hinrichs ist u.a. intermediale Kunsttherapeutin und arbeitet mit unterschiedlichen Gruppen, etwa mit schwer traumatisieren Flüchtlingen, Frauen in Krisensituationen und Menschen im letzten Lebensabschnitt. Zudem initiiert sie immer wieder künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte. Mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“, bei dem die Grundrechte künstlerisch umgesetzt wurden, hat sie teilgenommen am vom Bundespräsidenten ausgeschriebenen bundesweiten Projekt „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“. Hinrichs versteht auch im gesellschaftspolitischen Kontext die Kunst als eine Sprachform, die jenseits von „Schwarz-Weiß“ Parolen neue Sichtweisen aufzeigen kann. Sie hat aktuell mit dem Projekt „Wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße“  dem sozialen Brennpunktthema „Wohnen“ eine künstlerische-kulturelle Raum geöffnet.

Kunst als universelle Sprache verträgt sich nicht mit gesellschaftlichen Bewertungskriterien. „Die tief sitzende leistungsorientierte Bewertung vom künstlerischen Schaffen muss man sich unter dieser Perspektive abtrainieren“, sagt Hinrichs. Denn es geht bei ihrem Verständnis vom künstlerischen Schaffen mehr um den schöpferischen Ausdruck, den heilerisch-magischen Akt und weniger um den ästhetischen Eindruck, den das Werk auf andere macht. „Wir wollen mit der Kunst die Intuition einfangen“, ergänzt sie. „Es geht um Resonanz zu Themen, die im Raum stehen.“

In ihrem neuen Buch erläutert sie mittels einer ausführlichen Wissenschaftsrecherche  in einem Theorieteil das holgrafische (holistische) Weltbild und die bedeutende Rolle der Kunst in diesem Kontext. Mit der Annahme einer holografischen Sichtweise einher geht die Idee, dass die Verarbeitung und Speicherung von Erfahrungen nicht im Gehirn des Menschen erfolgt, sondern in intelligenten Informationsfeldern. Eine wesentliche Rolle kommt der Intuition als präkognitive Wahrnehmungsquelle für Feldinformationen zu, so dass zu fragen wäre, wie sich mittels intuitiver Erkenntnisse diese Informationen in der dreidimensionalen Wirklichkeit abbilden lassen. Hinrichs postuliert, dass die Kunst dabei als eine Art Übersetzungs- bzw. Sehhilfe für intelligente Felder dient. „Viele neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wie sehr viel schneller unsere automatische Soforterfassung unserer Welt ist. Denken und Rationalität sind eher Bummelbahnen die auf den Schienen schon angebahnter Intuitionen fahren. Die Automatik der körperintelligenten Intuition ist gigantisch. Bewusstheit darüber zu erlangen ist erweiterte Intuition und deren Umsetzung in Ausdruck und Gestaltung, ist Kunst“,  konstatiert auch Dr. Hans Hein, Mediziner und Gründer des Forum Synergie, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat.

Zahlreiche Praxisbeispiele im Buch zeigen, wie man sich diese Sprache, die eher metaphorisch symbolisch daherkommt, nutzbar machen kann. Man kann den künstlerischen Ausdruck in der Psychotherapie und Beratung einbeziehen, wie es in der Kunsttherapie üblich ist. Hinrichs konstatiert, dass das kreative Schaffen aber auch ohne psychotherapeutische Reflexion den inneren Heiler auf den Plan ruft. Der innere Heiler sei  so etwas wie ein Resonanzkörper, der auf die Wahrnehmung von körperlichen und psychischen  Unstimmigkeiten ausgerichtet ist. Seine Fähigkeit innere Dissonanzen zu balancieren und in  korrigierende Impulse zu verwandeln, nutze eine geniale Hyperintelligenz. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition.

Hinrichs berichtet aus ihrer aktuellen Flüchtlingsarbeit von einem Herzchirurgen aus Syrien. Er war im Gefängnis und wurde systematisch gefoltert. Die kreisrunden Narben auf der Haut, die von glühenden Zigaretten stammen, sind nur ein Zeichen dafür. Die seelischen Wunden sind von außen aber nicht sichtbar. „Das Bild zeigt ein Selbstportrait von ihm. Ich bringe jede Woche eine künstlerische Inspiration mit, diesmal war es die Idee ein Portrait zu malen. Selbstbildnisse bringen besondere Herausforderungen mit sich. Denn Portraitieren hat immer auch etwas mit dem Erforschen des eigenen Ichs zu tun. Für den Auftrag zu einem Portait wird der Druck zur optimalen Selbstdarstellung oder auch die Scham sich zu zeigen dadurch gemildert, dass kein perfektes Abbild der Person zu erschaffen ist, sondern ein Gefühlsausdruck, eine Stitation  oder Stimmung wiedergeben werden soll. Das Portrait besteht bei diesen Werken eher aus einer Art Inneschau, ein Portrait des Innenlebens, als könne der Betrachter in den Kopf des Künstlers blicken. Mich hat das Werk sehr beeindruckt. Die  Kunst kann Unsagbares zeigen. Sie baut auch eine Gesprächsbrücke und hilft bei der Verarbeitung des Grauens. Ich nutze die heilende Kraft der Kunst, die sich automatisch durch das kreative Schaffen einstellt. Raed, der nach seiner Aussage zuletzt als Kind gemalt hatte, sagte bei einem Gruppentreffen „art gives me freedom“. Anders als viele andere spricht er über seine Erlebnisse im Gefängnis. Das habe ich in dieser Offenheit in meiner jahrelangen Flüchtlingsarbeit bisher selten erlebt. Auch werden die Wunden der Geflüchteten nicht immer so sichtbar, wie in seinem Bild. Meine Erfahrung aber ist, dass die Kunst dabei hilft, Unaussprechliches sichtbar zu machen. Innere Bilder und fehlende Worte finden im kreativen Schaffen ihren Ausdruck. Die Kunst wirkt auf einer fühlenden, unbewussten Ebene und hilft heilen. Unsere Intuition kennt den Weg der Verarbeitung von Erlebtem. Sie ist wie ein inneres Leitsystem und gibt dir die Richtung vor, bevor dein Verstand überhaupt etwas kapiert hat“, sagt Hinrichs.

Beispiel aus der Seniorengruppe, Klientin ist 91 Jahre

Die Kunsttherapeutin ergänzt, dass das spielerische und bewertungsfreie künstlerische Schaffen vor allem auch Freude und Lebensenergie freisetze. Freude und Humor seien vielleicht die am meisten unterschätzen Themen im Bereich moderner Therapieformen, wie der Mediziner Dahlke feststellt. Das bestätigt der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther, der ein Plädoyer für das Spielen verfasst hat. Es ist eine wichtige Quelle für Entspannung und Öffnung der Intuition. „Das Spielerische finden wir etwa auch beim Malen, im absichtslosen Tun, ohne Leistungsorientierung und Ziel. In meinen Gruppen kommen wir zusammen, lachen, haben Spaß, das ist erstmal mein Hauptziel. Denn Loslassen öffnet Resonanzräume und macht Platz für die Intuition.“

Die Herausforderung beim künstlerischen Ausdruck sei die Sprache der Kunst zu verstehen, so Hinrichs. Der Ausdruck ist symbolisch-metaphorisch, eher wie die Sprache der Träume. Es sei immer wieder faszinierend mitzuerleben, wie das Kunstwerk als eine Art Bote, eine Manifestation der Intuition, ganz  neue Perspektiven aufzeige.

Hinrichs berichtet im Epilog des Buches auch von ihrem eigenen Trauma und der Hilfe durch den künstlerischen Ausdruck.

Als Teenager erkrankte sie an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré Syndrom)).  Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur.

„Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich hatte dem Tod schon in die Augen geschaut.“

Medusa von Ulrike Hinrichs, 1981

Nach einer langen Rekonvaleszenzzeit verarbeite Hinrichs intuitiv das Erlebte künstlerisch. Denn eine psychologische Betreuung hatte sie damals nicht.

„Wenn ich heute auf mein Kunstwerk schaue, dann zieht mich Medusas Blick einerseits magisch an und andererseits kann ich ihn kaum ertragen. Das Symbol Medusa ist für mich auch deshalb so beeindruckend, da ich damals noch überhaupt gar keinen Bezug zur Mythologie oder  zu spirituellen Themen hatte. Und das ist daher ein sehr gutes Beispiel für die Symbolsprache, die der künstlerische Ausdruck hervorbringt. Die Symbolik spricht für sich, egal ob du sie verstehst oder nicht. Medusa, die jeden in Stein verwandelt, der ihr in die Augen schaut. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis.“ Medusa ist ein archetypisches Bild von  Wut, Verrat und Scham, beschreibt es auch Wirtz in ihrem Buch: Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. „Das Symbol der Versteinerung, das Medusa repräsentiert, steht im Traumakontext auch für emotionale Betäubung“, ergänzt Hinrichs. Der Mythos von Medusa  wird auch als Aspekt der Dissoziation gesehen, das Abtrennen des Kopfes vom Körper. Und genau das sei auch in der Symbolik der Krankheit geschehen.

Beim „Lesen“ der Kunstwerke bestehe auch die Gefahr des Interpretierens und Manipulierens. Denn was immer eine andere Person assoziativ zu einem Werk auf einer Deutungsebene äußert, bleibt nicht ohne Wirkung für den Empfänger, so Hinrichs. Allerdings ist  jede Kommunikation unter Menschen „manipulativ“, da sie zwangsläufig Auswirkungen auf den anderen habe. Denn Worte wirken! Im positiven Sinne sei dies für eine Psychotherapie gerade auch gewünscht, denn durch therapeutische Impulse soll der Raum des Klienten geöffnet werden, um Veränderungsprozesse zu bewirken. Daher geht es bei der hier vorgestellten Art der Arbeit um eine klare Haltung. Der Therapeut oder Coach ist kein Experte, sondern Begleiter. Die Kommunikation erfolgt dialogisch. Assoziative Angebote werden als Vorschläge unterbreitet. „Beim freien Assoziieren gehen wir in Resonanz mit Feldern, bringen die Intuition hervor. Der Kunst als „Sehhilfe“ für intuitive Prozesse bzw. als Übersetzungshilfe für intelligente Felder, kommt für solche Veränderungsprozesse eine große Bedeutung zu “, so Hinrichs.

Artikel als pdf auf der Webseite des Synergia Verlages

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Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen
Hinrichs, Ulrike, Synergia Verlag, 2019, 224 Seiten mit 40 farb. Abbildungen. ISBN: 9783906873824, 22,90 €

 

 

 

 

 

Ulrike Hinrichs begleitet Menschen in Konflikten, Veränderungsprozessen und schwierigen Lebenssituationen. Sie ist u.a. intermediale Kunsttherapeutin (Master of Expressive Arts), Künstlerin, Mediatorin, systemischer Coach, NLP Master, Dozentin, Ausbilderin für Mediation, Autorin und ehemals Rechtsanwältin. Sie versteht und nutzt in ihrer unterstützenden Arbeit mit Menschen den künstlerischen Ausdruck als eine integrative und allverständliche Sprache der Intuition.

http://www.lösungskunst.com

 

 

 

 

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Literatur:

Dahlke, Ruediger (2010). Das Schatten-Prinzip. Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite,

Hinrichs, Ulrike (2019) Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen,

Hüther, Gerald; Quarch, Christoph (2016). Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist.

Wirtz, Ursula. Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen.