Abwesender Vater im narzisstischen Familiensystem

Mit diesem Beitrag widme ich mich der Rolle des Vaters im narzisstischen Familiensystem. Zum Hintergrund toxisch-narzisstischer Beziehung  in Familien weise ich auf meine Beiträge:

Der abwesende Vater

Die Funktion des Vaters im narzisstischen Familiensystem ist für die Tochter ambivalent. Zum einen ist der Vater der begehrte Gegenpol zur narzisstischen Mutter. Die Tochter lernt allerdings schnell, dass sie auf seine Hilfe und Unterstützung nicht zählen kann.

Ein solches Vaterdefizit kann sich unterschiedlich zeigen. Entweder ist der Vater nach einer Trennung physisch abwesend. Lebt der Vater in der Familie, ist er häufig emotional nicht ansprechbar. Denn nazistische Frauen suchen sich oft einen schwachen oder emotional unbeteiligten Partner, der die narzisstische Besetzung der Familie ohne Gegenwehr duldet. Im narzisstischen System hält sich der Vater im Zweifel an die Erwartungen seiner Partnerin. Der Vater stiehlt sich aus seiner Verantwortung gegenüber seinem Kind, indem er schweigt, nicht eingreift, Hilfe unterlässt. Bei Angriffen seitens der Mutter duckt er sich weg. Die Tochter muss erleben, dass der Vater ihr nicht zur Seite springt, wenn sie instrumentalisiert, manipuliert, abgewertet oder bewertet wird. Die Tochter erlebt das als massive Zurückweisung.

Für Kinder ist das schwer auszuhalten. Die Erfahrungen führen oft zur Idealisierung des Vaters (siehe narzisstische Abwehrmechanismen). Die positiven Eigenschaften der Vaterfigur werden überbetont. Das Gefühl im Stich gelassen zu werden wird ausgeblendet. Das Kind sieht einen Idealvater vor sich, der eher ein Fantasiewesen ist. Das Kind im narzisstischen System erlebt daher im doppelten Sinne, vom Vater und der Mutter, verlassen zu sein.

Die erfahrene Abwesenheit bzw. Schwäche des Vaters überträgt sich auch auf das spätere Bild von Männern. Am Anfang einer Therapie steht der Vater oft als der gute, liebende Papa, bis die Idealisierung langsam weichen muss. Das ist ein schmerzhafter, von Trauer begleiteter Prozess.

Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie

Literaturtipp

  • Bärbel Wardetzki (2020). Weiblicher Narzissmus  – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel)
  • Frederike von Aderkas (2021). Wutkraft. (Beltz)

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824