Unterm Eis

Ein Beispieltext zum biografischen Schreiben

Aufgabe – Erfinden Sie eine Biografie!

 

 

In Gedenken an meine Ur-Ur-Großmutter Katharina Hinrichs, geboren 14.04.1837, verschollen ca. 1865, 100 Jahre, bevor ich geboren wurde. Ulrike Hinrichs

Unterm Eis

Rechte und Pflichten über die Dienstleistung der Gesinde regelte die Gesindeordnung von 1847, die die „Rohheit und Selbsthülfe“ zu Gunsten des Hausherrn betonte. Die Gesinde waren verpflichtet, ihre Arbeitskraft uneingeschränkt an den Dienstherren zu vermieten. Die Herrschaft verpflichtete sich dagegen für das leibliche und sittliche Wohl der Gesinde zu sorgen. Für Knecht und Magd musste der Dienstherr die Pflege übernehmen, wenn sie erkrankten. Sofortige Kündigung drohte bei Untreue, Trunkenheit, ausgelassenem Wandel, fortgesetztem Unfleiß, Ungehorsam oder heimlichem Entlaufen. Im Gesindebuch trug die Hausherrin die Zeiten der Beschäftigung ein und verfasste monatlich ein kurzes Zeugnis. Ein lückenloses Gesindebuch war für die Zukunft einer Dienstmagd unabdingbar, da sie nur mit einem guten Zeugnis Arbeitschancen für die Zukunft hatte.

Katharina Hinrichs trat im Jahre 1858 im Alter von 21 Jahren als Magd ihren Dienst im großbäuerlichen Gehöft der Familie Jäger in Bergedorf an. Sie erhielt für ihre Arbeit 8 Taler im Jahr. Das war ein guter Lohn, auch wenn es nur ein 10tel dessen war, was die Herrschaften für den Kauf einer Kuh auszugeben hatten, und davon hatten sie ein Dutzend auf dem Hof. Zum Grundlohn gab es zwei Paar Schuhe und 30 Ellen Leinen. Katharina war, nachdem vor drei Jahren die Mutter und jüngst auch der Vater gestorben waren, nun auf sich gestellt. Ihr Vater, der Grünhöker und Köthner gewesen war, hatte die Anstellung noch vor seinem Tode in die Wege geleitet. Katharina  war froh, dass sie Arbeit und ein Dach über dem Kopf hatte. In ihrem fensterlosen Verschlag im Souterrain direkt neben der Küche hatte sie ein Bett aus Stroh. Die Kerze auf dem kleinen Betttisch war schon fast abgebrannt. Es war Zeit zu schlafen, der erste Arbeitstag war hart gewesen und sie hatte vor lauter Aufregung kaum etwas gegessen. Katharina griff unter das Kopfkissen.

Psalm 119, 105: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.

Die Zeilen verschwammen. Ihre Augen wurden feucht. Sie pustete die  Kerze aus und dachte an ihren Vater, der ihr den Konfirmationsspruch ausgesucht hatte. Ihr langes blondes Haar fiel ihr ins Gesicht. Sie rieb mit dem Ärmel des Nachthemds über ihre Augen. Nicht weinen, ermahnte sie sich. Alles war so fremd, die Herrschaften kühl und vor allem die Herrin sehr streng mit dem Gesinde. Wenn es Schläge gäbe, dann von ihr, hatte ihr die Küchenmagd Magarete gleich am ersten Arbeitstag zugeflüstert. „Und geh nicht zu dicht am Herren vorbei“, hatte sie noch ergänzt, während sie Katharina lachend an den Po gefasst hatte, um damit dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. Allein von diesem Gedanken hatte Katharina schon ein rotes Gesicht bekommen.

Katharina verhielt sich unauffällig und war fleißig. Sie arbeitete sich schnell in ihre Aufgaben ein. Die Jahre vergingen, alles lief seinen Gang, sieben Tage waschen, putzen, kochen, jeden zweiten Sonntag einen halben Tag frei, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, bis sich langsam, aber merklich etwas zu verändern begann und im Juni 1863  in einer Katastrophe mündete. Die Mägde hatten gerade ein Geburtstagsfest mit über zehn dutzend Gästen für die Herrin ausgerichtet. Katharina hatte mittlerweile Erfahrung in der Organisation solcher Großereignisse. Das Fest war erfolgreich abgelaufen, sogar das Wetter hatte mitgespeilt. Und auch die Herrschaften, die neuerdings immer häufiger stritten, zeigten gute Miene.
„Du Säufer, Hurenbock, gehst dem Gesinde unter den Rock“, schrie die Herrin ihren Mann am nächsten Morgen an. „Warum gebärst du, Johanna, mir keinen Sohn“, konterte er spitz, wobei er den Namen Johanna besonders laut betonte. Solche lautstarken Pöbeleien gab es neuerdings öfter. Und eine Frage spukte auch unter den Bediensteten wie ein Geist durch das alte Gehöft am Waldrand. Warum wurde die Hausherrin Johanna Jäger nicht schwanger?

Katharina war besorgt darüber, dass der Herr  nun meistens angetrunken  ihre Nähe suchte. Er war ihr des Öfteren viel zu nah gekommen und hatte sie auch schon angepackt. So wie Magarete sie vor vielen Jahren gewarnt hatte, erinnerte sich Katharina, während sie in den großen goldgerahmten Spiegel im Esszimmer schaute, über ihre weiße Schürze strich und die Haube zurechtrückte. Warum gerade jetzt nach so vielen Jahren? Der lüsterne Blick des Hausherrn jagte Katharina Angst ein. Gleichzeitig wurde die Herrin, mit der Katharina trotz ihrer strengen Art bisher gut zurechtgekommen war, immer unwirscher. Kürzlich erst hatte sie einen völlig unberechtigten Tadel ins Gesindebuch aufgenommen. Danach soll Katharina grob fahrlässig ein Weinglas vom Tisch gestoßen haben, obwohl die Herrin den Schaden selbst verursacht hatte. Katharina vermutete sogar, dass sie mit Absicht das Glas mit ihrem Ellenbogen vom Tisch geschupst hatte.

Irgendetwas lag in der Luft, aber Katharina wusste nicht genau was es war.

Die Antwort erhielt sie wenige Tage später. Katharina war allein in der Küche, es war schon spät am Abend, als der Herr plötzlich hinter ihr stand, sie packte, ihr Kleid hochschob und sie auf dem Küchentisch vergewaltigte. Wenn dir je so etwas passierte, mein Kind, tust du gut daran, ruhig zu bleiben und keine Gegenwehr zu leisten, hatte ihre Mutter, die damals in der Nacht der Februarflut selbst Opfer eines sexuellen Übergriffes  geworden war, sie schon in jungen Jahren gelehrt.

Die Worte kreisten in einer Denkschleife. Je mehr du dich wehrst, desto schlimmer wird es. Katharina ließ es geschehen. Alles fühlte sich ganz taub an, wie eingefroren, wie unter dem Eis, bis es endlich vorbei war.

Katharina musste sich übergeben. Sie wusch sich. Immer wieder ging sie mit einem nassen Lappen zwischen ihre Beine. Tagelang blutete es, dann blutete gar nichts mehr. Katharina war schwanger. Das Kind kam am 2. Februar 1864 zur Welt, es war ein Junge und er sollte auf den Namen Wilhelm hören. Er war ihr fremd, sie fühlte sich nicht verbunden, hatte keine Gefühle für dieses Wesen, das ihr mit Gewalt in den Mutterleib gepflanzt worden war. Nach einer paar Wochen aber verschwand die Kindbettdepression. Die Muttergefühle waren stärker als die seelischen Verletzungen durch den Gewaltakt.

Die Gerüchte über das Tatgeschehen und die Vaterschaft  hingen wie üble Toilettengerüche in der Luft. Es musste etwas geschehen, eine Lösung gefunden werden, ermahnte sich die betrogene Hausherrin Johanna Jäger. „Ein guter Vater beweist sich auf lange Sicht“, dachte sich Johanna, die zwar Mitleid mit dem Kind nicht aber mit der Dienstmagd gehabt hatte. Der Bastard sollte dem Stallknecht Herrmann Bunk untergeschoben werden. Dieser hatte tatsächlich mit Katharina pussiert, das wussten alle im Haus. Aber ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Für die Falschaussage und die ausstehende Heirat zahlte die Herrin dem Knecht höchst persönlich 6 Taler. Damit waren zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, das Kind hatte einen Vater und der Verdacht gegen den Hofherren war aus der Welt. Der Plan aber ging nicht auf. Statt den Kleinen als seinen Sohn anzunehmen und die entehrte Magd zu heiraten, ward der Knecht nie wieder gesehen.

Johanna entwickelte einen neuen, perfiden Plan. Denn ihr Mann, der die Geburt eines Kindes unter dem Gesinde zunächst nur am Rande mitbekommen hatte, fing an sich für den Nachwuchs zu interessieren. Offensichtlich hatte nun auch er etwas von den Gerüchten zu seiner Vaterschaft mitbekommen. Johanna kannte ihren Mann. Das Kind war zwar ein Bastard, aber sein Sohn, sein sehnlichst herbeigewünschter Erbfolger. Sie ahnte schon auf welche absurden Ideen ihr Gatte kommen könnte. Wohl möglich musste sie das Kind als ihres ausgeben. Für Johanna war daher klar: Kind und Magd mussten unverzüglich verschwinden. Sie ließ ihre Kontakte zur Kirche spielen und inszeniere eine Mitternachtsentführung des kleinen Wilhelm. In einer eiskalten Nacht kurz vor Weihnachten wurde die Magd von einer verhüllten Person unsanft geweckt, wie eine Katze am Genick gepackt und vom Hof gejagt. Ihr schreiendes Kind, das neben ihr im Bett gelegen hatte, wurde von einer Nonne mitgenommen. In der Kirche hatte man für den kleinen Wilhelm bereits eine Pflegefamilie organisiert.

Im Jägerhof hörten in dieser Nacht alle den verzweifelten Schrei einer Mutter, der man das Kind genommen hatte.

Katharina wurde nie wieder gesehen.

 

 

 

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Erläuterungen

Als Grünhöker wurde ein Gemüsehändler bezeichnet, ein Köthner ist ein Kleinbauer mit vorwiegend Kleinvieh und etwas Land

 

Literatur

Mittermaier (1847, S. 20). Grundsätze des gemeinen deutschen Privatrechts, Verlag von G. Joseph Manz, Regensburg.

 

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Katharina Hinrichs Sohn, mein Urgroßvater, Wilhelm Hinrichs, 3.2.1864 –  27.03.1939