Krankheit als Geschichte

Biografisches Schreiben: Thema Krankheit

Insbesondere schwere Krankheiten sind häufig Grundlage für die biografische Arbeit. Viktor von Weizsäcker kontatierte: „Das Wesen der Krankheit ist biographisch; darum kann die Erkenntnis der Krankheit nur eine biographische sein.“ Sollten Sie auch unter einer schweren, eventuell sogar lebensbedrohlichen Krankheit leiden oder gelitten haben, schreiben Sie diese auf. Und reden Sie nicht um den heißen Brei herum..

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Rendezvous mit Medusa

Das mit seinen weißen Augenhöhlen maskenhaft wirkende Gesicht, zieht mich in seinen Bann. Ein Schlangenkörper mit gespaltener Zunge auf der Stirn des Ungeheuers lenkt die Aufmerksamkeit auf die nicht vorhandenen Augen. Die Zungenspitzen des Reptils zeichnen auf den leeren Augenhöhlen die Pupillen nach. Der Blick der Fratze wirkt daher fokussiert, fast laserhaft, als könne er einen mit einem feinen Lichtstrahl durchbohren, töten. Mein Kunstwerk von Medusa aus Teenagerjahren fand ich kürzlich im Keller meiner Mutter wieder. Nach der Sage heißt es, dass jeder der in Medusas Augen blickt, in Stein verwandelt wird.

Und ich habe ihr in die Augen geblickt.

Ende der 1970er Jahre terrorisierte die RAF das Land. Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt hatte sich für den Salzstock in Gorleben als Endlager für Atommüll stark gemacht und ich ging gegen Atomkraft und Krieg auf die Straße. „Atomkraft-Nein-Danke“ Plakette, dauergewelltes Haar und lila Kleider waren nicht nur auf den Demonstrationen, sondern auch auf dem Schulhof Pflicht. In dieser Zeit nahm ich erstmals ein Kribbeln in den Füßen wahr, das nicht wieder verschwand. „Durchblutungsstörungen“, kommentierte meine Mutter die Beschwerden, als sei das jedenfalls kein Grund für eine ärztliche Untersuchung. „Alles was nicht unmittelbar zum Tode führt, härtet ab“, war ihr Lieblingsspruch, wie der vieler Eltern, die mit den in den Nachkriegsjahren noch nachwirkenden Glaubenssätzen der Nazizeit großgeworden waren. Das Kribbeln aber wurde von Tag zu Tag schlimmer. Ich erinnere mich noch an einen Gedanken auf dem Weg zur Bushaltestelle. „Auch egal, wenn ich es nicht schaffe und mich das Auto überfährt. Interessiert ohnehin niemanden“, forderte ich das Leben heraus, während ich beim Überqueren der Straße den herannahenden Wagen ins Visier nahm. Das war mir im Alter von 10 Jahren schon einmal gelungen. Seinerzeit war ich mit einer Gehirnerschütterung und einem Schlüsselbeinbruch davon gekommen. Ich hatte wegen einer Amnesie Erinnerungslücken davongetragen und der Fahrer hatte Fahrerflucht begangen. Der von mir provozierte Unfall konnte nie aufgeklärt werden. Diese neuerlichen Selbsttötungsphantasien kann man vielleicht am besten mit dem Gangster-Glücksspiel „russisch Roulette“ vergleichen, bei dem sich der Spieler eine Waffe an den Kopf hält, die mit nur einer Patrone geladen ist. Vor dem Abdrücken wird die Trommel gedreht, so dass das Leben entscheidet, ob der Schießende stirbt oder eben nicht. Die Entscheidung für mich lautete: das Kind kommt unversehrt über die Straße. Was ich damals aber noch nicht wusste war, dass das Schicksal einen anderen, viel perfideren Plan hatte. Denn im Hintergrund wirkte bereits eine Krankheit subtil selbstzerstörerisch auf meinen Körper ein. Nachdem ich an der Bushaltestelle zusammengebrochen war, weil meine Beine mich nicht mehr tragen konnten, wurde ich vom Neurologen sofort ins Krankenhaus überwiesen.

Diagnose: aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung,
akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom).

Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur, erklärte man meinem nun doch auf mich aufmerksam gewordenem Umfeld. Was dann passierte, kann ich nur von außen beschreiben, so wie ich auch die Anleitung für eine Maschine beschreiben würde; sachlich, emotionslos. Mein Körper zerstörte sich selbst. Aus Kribbeln wurden Lähmungen, die sich über die Beine, den Rumpf und die Arme bis zum Kopf ausbreiteten. Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich konnte mich meiner Umwelt nicht mehr mitteilen und war mit meinen Gedanken und der Lebensbedrohung völlig auf mich gestellt. Ich war emotional komplett isoliert. Durch die vollständige Taubheit konnte ich auch Berührungen nicht mehr wahrnehmen. Zudem drohten die inneren Organe zu versagen. Nur durch intensivmedizinische Behandlung wurde ich am Leben erhalten. Eine psychologische Betreuung gab es damals nicht, stattdessen hatte man mich mit hoch dosiertem Valium versorgt. Allerdings waren die Krankenhäuser seinerzeit noch in staatlicher Hand, so dass jenseits des heute vorherrschenden wirtschaftlichen Drucks ausreichend Personal vorhanden war, das sich intensiv um mich kümmerte. In der Hochphase der Erkrankung saß 24 Stunden eine Betreuung neben meinem Bett. Die Fürsorge im Krankenhaus, die in meinem Elternhaus gefehlt hatte, habe ich damals sehr genossen, nachdem die lebensbedrohliche Phase überwunden war. Ich wollte das Krankenhaus gar nicht wieder verlassen. Die akute Erkrankung, deren Ursache bis heute ungeklärt ist, dauerte über sechs Wochen an. Die anschließende Rekonvaleszenzphase war sehr langwierig und von heftigen Schmerzen begleitet. Durch die zerstörte Muskulatur musste ich wieder „laufen lernen“, saß lange im Rollstuhl. Es war zunächst völlig unklar, ob ich überhaupt wieder vollständig genesen würde.
Heute weiß ich, dass ich dem Tod schon in die Augen geschaut habe. Immer wieder einmal im Alltag überfällt mich eine Ahnung von der Todesangst, die ich damals gehabt haben muss. Dann etwa, wenn ich in einem Raum bin, in dem alle Fenster verschlossen sind und mein Herz anfängt zu rasen, weil ich Angst habe zu ersticken. Oder wenn ich mich ausnahmsweise doch in einem Fahrstuhl widerfinde, weil die Faulheit und Verdrängung gesiegt haben, und mich dann aber unverzüglich nach Schließen der Türen die Angst überflutet, im Fahrstuhl steckenzubleiben. Dann schwöre ich, bete ich, lieber Gott, wenn ich hier heil wieder herauskomme, werde ich nie wieder einen Aufzug besteigen. Oder wenn ich im Stau stehe und nicht weiß wann es weiter geht, auch dann steigt die innere Unruhe in mir auf. Mein Blick wird fokussiert, wie der Laserblick der Medusa auf dem Kunstwerk, mit einer Frage im Kopf. Wie komm ich hier raus?
Das Leben regiert in Dualität. Tag und Nacht, Licht und Schatten, Leben und Tod. Auch Medusa hat nicht nur eine zerstörerische Seite. In der lybischen Mythologie gilt sie als schützende Schlangengöttin und verkörpert weibliches intuitives Wissen. Mit der Zauberkraft ihres Blutes ist sie Herrscherin über Leben und Tod. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt. Wenn ich der Schockstarre in Jugendjahren etwas Positives abgewinnen kann, dann dass mich die taktil-kinästhetische und kommunikative Isoliertheit extrem in meiner Feinwahrnehmung geschult haben. Der Zugang zur Außenwelt war damals noch über die Augen möglich gewesen, auch wenn ich wegen der Augenmuskellähmungen alles doppelt gesehen habe. Zudem konnte ich noch hören. Geruch, Geschmack und Gefühl waren dagegen nicht mehr vorhanden. In meiner Innenwelt war ich an der Schwelle zum Totenreich. Mein Leben hing tatsächlich am seidenen Faden. Heute kann ich mit meinen feinjustierten Sinnen Stimmungen oft körperlich spüren und ich habe eine stark ausgeprägte Intuition, ein inneres Wissen.

Ulrike Hinrichs

 

Siehe auch zum Thema: Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain Barré Syndrom