Interview zum neuen Buch „Kunst als Sprache der Intuition“

„Auge“, Bild einer demenzerkrankten Klientin

 

Kunst als Sehhilfe zur Übersetzung intelligenter Felder

Ein Interview des Synergia Verlags mit Ulrike Hinrichs zum neuen Buch: Kunst als Sprache der Intuition

Der künstlerische Ausdruck sei eine dem Mensch ureigene Form der Sprache, eine Sprache der fühlenden intuitiven Seite im Menschen, beschreibt Ulrike Hinrichs es in ihrem neuen Fachbuch „Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen“.

Hinrichs ist u.a. intermediale Kunsttherapeutin und arbeitet mit unterschiedlichen Gruppen, etwa mit schwer traumatisieren Flüchtlingen, Frauen in Krisensituationen und Menschen im letzten Lebensabschnitt. Zudem initiiert sie immer wieder künstlerisch-kulturelle Integrationsprojekte. Mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“, bei dem die Grundrechte künstlerisch umgesetzt wurden, hat sie teilgenommen am vom Bundespräsidenten ausgeschriebenen bundesweiten Projekt „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“. Hinrichs versteht auch im gesellschaftspolitischen Kontext die Kunst als eine Sprachform, die jenseits von „Schwarz-Weiß“ Parolen neue Sichtweisen aufzeigen kann. Sie hat aktuell mit dem Projekt „Wohnst du noch oder lebst du schon auf der Straße“  dem sozialen Brennpunktthema „Wohnen“ eine künstlerische-kulturelle Raum geöffnet.

Kunst als universelle Sprache verträgt sich nicht mit gesellschaftlichen Bewertungskriterien. „Die tief sitzende leistungsorientierte Bewertung vom künstlerischen Schaffen muss man sich unter dieser Perspektive abtrainieren“, sagt Hinrichs. Denn es geht bei ihrem Verständnis vom künstlerischen Schaffen mehr um den schöpferischen Ausdruck, den heilerisch-magischen Akt und weniger um den ästhetischen Eindruck, den das Werk auf andere macht. „Wir wollen mit der Kunst die Intuition einfangen“, ergänzt sie. „Es geht um Resonanz zu Themen, die im Raum stehen.“

In ihrem neuen Buch erläutert sie mittels einer ausführlichen Wissenschaftsrecherche  in einem Theorieteil das holgrafische (holistische) Weltbild und die bedeutende Rolle der Kunst in diesem Kontext. Mit der Annahme einer holografischen Sichtweise einher geht die Idee, dass die Verarbeitung und Speicherung von Erfahrungen nicht im Gehirn des Menschen erfolgt, sondern in intelligenten Informationsfeldern. Eine wesentliche Rolle kommt der Intuition als präkognitive Wahrnehmungsquelle für Feldinformationen zu, so dass zu fragen wäre, wie sich mittels intuitiver Erkenntnisse diese Informationen in der dreidimensionalen Wirklichkeit abbilden lassen. Hinrichs postuliert, dass die Kunst dabei als eine Art Übersetzungs- bzw. Sehhilfe für intelligente Felder dient. „Viele neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wie sehr viel schneller unsere automatische Soforterfassung unserer Welt ist. Denken und Rationalität sind eher Bummelbahnen die auf den Schienen schon angebahnter Intuitionen fahren. Die Automatik der körperintelligenten Intuition ist gigantisch. Bewusstheit darüber zu erlangen ist erweiterte Intuition und deren Umsetzung in Ausdruck und Gestaltung, ist Kunst“,  konstatiert auch Dr. Hans Hein, Mediziner und Gründer des Forum Synergie, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat.

Zahlreiche Praxisbeispiele im Buch zeigen, wie man sich diese Sprache, die eher metaphorisch symbolisch daherkommt, nutzbar machen kann. Man kann den künstlerischen Ausdruck in der Psychotherapie und Beratung einbeziehen, wie es in der Kunsttherapie üblich ist. Hinrichs konstatiert, dass das kreative Schaffen aber auch ohne psychotherapeutische Reflexion den inneren Heiler auf den Plan ruft. Der innere Heiler sei  so etwas wie ein Resonanzkörper, der auf die Wahrnehmung von körperlichen und psychischen  Unstimmigkeiten ausgerichtet ist. Seine Fähigkeit innere Dissonanzen zu balancieren und in  korrigierende Impulse zu verwandeln, nutze eine geniale Hyperintelligenz. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition.

Hinrichs berichtet aus ihrer aktuellen Flüchtlingsarbeit von einem Herzchirurgen aus Syrien. Er war im Gefängnis und wurde systematisch gefoltert. Die kreisrunden Narben auf der Haut, die von glühenden Zigaretten stammen, sind nur ein Zeichen dafür. Die seelischen Wunden sind von außen aber nicht sichtbar. „Das Bild zeigt ein Selbstportrait von ihm. Ich bringe jede Woche eine künstlerische Inspiration mit, diesmal war es die Idee ein Portrait zu malen. Selbstbildnisse bringen besondere Herausforderungen mit sich. Denn Portraitieren hat immer auch etwas mit dem Erforschen des eigenen Ichs zu tun. Für den Auftrag zu einem Portait wird der Druck zur optimalen Selbstdarstellung oder auch die Scham sich zu zeigen dadurch gemildert, dass kein perfektes Abbild der Person zu erschaffen ist, sondern ein Gefühlsausdruck, eine Stitation  oder Stimmung wiedergeben werden soll. Das Portrait besteht bei diesen Werken eher aus einer Art Inneschau, ein Portrait des Innenlebens, als könne der Betrachter in den Kopf des Künstlers blicken. Mich hat das Werk sehr beeindruckt. Die  Kunst kann Unsagbares zeigen. Sie baut auch eine Gesprächsbrücke und hilft bei der Verarbeitung des Grauens. Ich nutze die heilende Kraft der Kunst, die sich automatisch durch das kreative Schaffen einstellt. Raed, der nach seiner Aussage zuletzt als Kind gemalt hatte, sagte bei einem Gruppentreffen „art gives me freedom“. Anders als viele andere spricht er über seine Erlebnisse im Gefängnis. Das habe ich in dieser Offenheit in meiner jahrelangen Flüchtlingsarbeit bisher selten erlebt. Auch werden die Wunden der Geflüchteten nicht immer so sichtbar, wie in seinem Bild. Meine Erfahrung aber ist, dass die Kunst dabei hilft, Unaussprechliches sichtbar zu machen. Innere Bilder und fehlende Worte finden im kreativen Schaffen ihren Ausdruck. Die Kunst wirkt auf einer fühlenden, unbewussten Ebene und hilft heilen. Unsere Intuition kennt den Weg der Verarbeitung von Erlebtem. Sie ist wie ein inneres Leitsystem und gibt dir die Richtung vor, bevor dein Verstand überhaupt etwas kapiert hat“, sagt Hinrichs.

Beispiel aus der Seniorengruppe, Klientin ist 91 Jahre

Die Kunsttherapeutin ergänzt, dass das spielerische und bewertungsfreie künstlerische Schaffen vor allem auch Freude und Lebensenergie freisetze. Freude und Humor seien vielleicht die am meisten unterschätzen Themen im Bereich moderner Therapieformen, wie der Mediziner Dahlke feststellt. Das bestätigt der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther, der ein Plädoyer für das Spielen verfasst hat. Es ist eine wichtige Quelle für Entspannung und Öffnung der Intuition. „Das Spielerische finden wir etwa auch beim Malen, im absichtslosen Tun, ohne Leistungsorientierung und Ziel. In meinen Gruppen kommen wir zusammen, lachen, haben Spaß, das ist erstmal mein Hauptziel. Denn Loslassen öffnet Resonanzräume und macht Platz für die Intuition.“

Die Herausforderung beim künstlerischen Ausdruck sei die Sprache der Kunst zu verstehen, so Hinrichs. Der Ausdruck ist symbolisch-metaphorisch, eher wie die Sprache der Träume. Es sei immer wieder faszinierend mitzuerleben, wie das Kunstwerk als eine Art Bote, eine Manifestation der Intuition, ganz  neue Perspektiven aufzeige.

Hinrichs berichtet im Epilog des Buches auch von ihrem eigenen Trauma und der Hilfe durch den künstlerischen Ausdruck.

Als Teenager erkrankte sie an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré Syndrom)).  Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur.

„Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich hatte dem Tod schon in die Augen geschaut.“

Medusa von Ulrike Hinrichs, 1981

Nach einer langen Rekonvaleszenzzeit verarbeite Hinrichs intuitiv das Erlebte künstlerisch. Denn eine psychologische Betreuung hatte sie damals nicht.

„Wenn ich heute auf mein Kunstwerk schaue, dann zieht mich Medusas Blick einerseits magisch an und andererseits kann ich ihn kaum ertragen. Das Symbol Medusa ist für mich auch deshalb so beeindruckend, da ich damals noch überhaupt gar keinen Bezug zur Mythologie oder  zu spirituellen Themen hatte. Und das ist daher ein sehr gutes Beispiel für die Symbolsprache, die der künstlerische Ausdruck hervorbringt. Die Symbolik spricht für sich, egal ob du sie verstehst oder nicht. Medusa, die jeden in Stein verwandelt, der ihr in die Augen schaut. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis.“ Medusa ist ein archetypisches Bild von  Wut, Verrat und Scham, beschreibt es auch Wirtz in ihrem Buch: Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. „Das Symbol der Versteinerung, das Medusa repräsentiert, steht im Traumakontext auch für emotionale Betäubung“, ergänzt Hinrichs. Der Mythos von Medusa  wird auch als Aspekt der Dissoziation gesehen, das Abtrennen des Kopfes vom Körper. Und genau das sei auch in der Symbolik der Krankheit geschehen.

Beim „Lesen“ der Kunstwerke bestehe auch die Gefahr des Interpretierens und Manipulierens. Denn was immer eine andere Person assoziativ zu einem Werk auf einer Deutungsebene äußert, bleibt nicht ohne Wirkung für den Empfänger, so Hinrichs. Allerdings ist  jede Kommunikation unter Menschen „manipulativ“, da sie zwangsläufig Auswirkungen auf den anderen habe. Denn Worte wirken! Im positiven Sinne sei dies für eine Psychotherapie gerade auch gewünscht, denn durch therapeutische Impulse soll der Raum des Klienten geöffnet werden, um Veränderungsprozesse zu bewirken. Daher geht es bei der hier vorgestellten Art der Arbeit um eine klare Haltung. Der Therapeut oder Coach ist kein Experte, sondern Begleiter. Die Kommunikation erfolgt dialogisch. Assoziative Angebote werden als Vorschläge unterbreitet. „Beim freien Assoziieren gehen wir in Resonanz mit Feldern, bringen die Intuition hervor. Der Kunst als „Sehhilfe“ für intuitive Prozesse bzw. als Übersetzungshilfe für intelligente Felder, kommt für solche Veränderungsprozesse eine große Bedeutung zu “, so Hinrichs.

Artikel als pdf auf der Webseite des Synergia Verlages

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Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen
Hinrichs, Ulrike, Synergia Verlag, 2019, 224 Seiten mit 40 farb. Abbildungen. ISBN: 9783906873824, 22,90 €

 

 

 

 

 

Ulrike Hinrichs begleitet Menschen in Konflikten, Veränderungsprozessen und schwierigen Lebenssituationen. Sie ist u.a. intermediale Kunsttherapeutin (Master of Expressive Arts), Künstlerin, Mediatorin, systemischer Coach, NLP Master, Dozentin, Ausbilderin für Mediation, Autorin und ehemals Rechtsanwältin. Sie versteht und nutzt in ihrer unterstützenden Arbeit mit Menschen den künstlerischen Ausdruck als eine integrative und allverständliche Sprache der Intuition.

http://www.lösungskunst.com

 

 

 

 

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Literatur:

Dahlke, Ruediger (2010). Das Schatten-Prinzip. Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite,

Hinrichs, Ulrike (2019) Kunst als Sprache der Intuition. Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen,

Hüther, Gerald; Quarch, Christoph (2016). Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist.

Wirtz, Ursula. Stirb und werde, die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen.

 

 

Kunstprojekt „Kleine Weltküche“ stellt in Istanbul aus

Infos: https://heimatharburg.wordpress.com/kochbuch/

Kleine Weltküche – herausgegeben von Günther Spiegel und Ulrike Hinrichs

Kochrezepte von Geflüchteten und Freunden erschienen im VSA: Verlag. Der künstlerisch-kulinarische Leckerbissen liefert eine breite Auswahl an Rezepten aus Afghanistan, Albanien, Bosnien, Deutschland, Ghana, Griechenland, Kolumbien, Irak, Mali, Peru, Senegal, Serbien, Syrien und der Türkei. Das Kochbuch ist aus einem ehrenamtlichen Flüchtlingsprojekt entstanden. Das Buch wurde von den Beteiligten, insbesondere von der Künstlergruppe für Flüchtlinge in Harburg, auch selbst illustriert. Künstlerisch mitgewirkt haben Profis wie Emad Hashem, der an der Universität in Damaskus (Syrien) eine Kunstprofessur inne hatte oder auch kleine Künstlerinnen wie die elfjährige Yona Sabbah, ebenfalls aus Syrien, die Spaß am malen hat. Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht.

 

 

Kindheitsfotos malen, um zu heilen

 

Wenn wir die belastenden Gefühle in uns wirklich fühlen, werden sie zu Reiseführern der Seele.

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Kunst hilft heilen. Oft sitzen unsere Probelme in einer verletzten Kinderseele. Verletzlichkeit ist die Schnittstelle zwischen Mut und Angst. Es braucht Mut, seine Verletzlichkeit zu zeigen. Die Wunden der Verletzlichkeit gehen oft zurück in die frühe Kindheit. Gleichzeitig ist die Erinnerung nicht immer ganz klar. Stephen King schreibt das anschaulich in seiner Autobiografie: „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.“[1] Wir haben Erinnerungsfetzen im Kopf, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Geschichten aus der Familie oder von Freunden. Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so erklärt es die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Unser Erinnern ist einerseits kein Abbild der Realität, andererseits sind die Erinnerungen, vor allem Gefühle und Themen dennoch wahr. Sich dieser Vergangenheit zu nähern, gelingt uns, indem wir uns unserer Kindheit künstlerisch nähern. In die Kindheit einzutauchen, kann emotional herausfordernd sein. Sich auf einem Foto aus der Kindheit zu betrachten, das einen Moment eingefangen hat, der uns berührt, reaktiviert oft die problembelastete Situation.

Für die Aufgabe sucht man intuitiv Kinderbilder aus alten Fotoalben heraus. Wen man selbst keine hat, so schaut man bei den Eltern oder Großeltern. Welches Foto zieht mich magisch an, wenn ich die Alben durchgehe? Lassen Sie sich intuitiv führen. Fragen Sie nicht „warum dieses Foto?“, nehmen Sie es einfach, es wird das richtige sein. Bei der anschließenden künstlerischen Umsetzung geht es nicht um ein reales Abbild. Vielmehr versuchen wir in Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst, das auf dem Foto durchschimmert.

Oft sind alte Fotos noch schwarz-weiß abgelichtet. Bei der künstlerischen Gestaltung, kann man mit den Farben spielen oder auch im schwarz-weiß bleiben. Für die Umsetzung ist im Prinzip jedes Material geeignet. Die „perfekte“ Fotovorgabe schränkt unseren Blick häufig ein, wie soll ich die Hand malen, den Mund formen, wie schaffe ich eine Ähnlichkeit herzustellen? Diesen Perfektionismus können wir mit einigen Tricks überwinden, denn es geht nicht um eine Kopie des Fotos, es geht um die Kontaktaufnahme zu einem Gefühl. Fotos zeigen einen  eingefrorenen Moment des Lebendigen. Dieses Festhalten ist aber mehr ein Stillstellen. Erst der Kontakt über den (unperfekten, ganz individuellen) künstlerischen Ausdruck erweckt das Bild mit Gefühlen wieder zum Leben.

Aquarellfarben etwa schaffen dafür eine gute Möglichkeit. Denn die Wasserfarben verlaufen leicht ineinander, so dass wir uns auf Überraschendes und Ungewolltes einlassen müssen. Man kann sogar bewusst Flecken und Fehler in das Werk einbauen, indem man mit dem in Farbe getränkten Pinsel auf das Papier spritzt. Die „künstliche Würdigung“ gerade dieser Flecken hat oft eine faszinierende Wirkung. Denn es ist auch eine Würdigung unserer Unvollkommenheit als Mensch.

Das oben abgebildete Kunstwerk zeigt ein solches Kindheitsbild von mir. Ich habe die Flecken mit farbigen Markern, mit Gold und Silber, umrandet, gestaltet und damit hervorgehoben und geehrt. Für mich war das eine Befreiung, bin ich doch mit dem Anspruch von Perfektion groß geworden. „Du kannst das sowieso nicht“, „stell dich nicht so an“, „reiß dich mal zusammen“, „mit dir hält es keiner aus“ waren nur einige Botschaften, die ich als Kind zu hören bekommen habe. Das Bild berührt mich auch deshalb, weil es einen Moment des Innehaltens ausdrückt. Das Kind auf dem Bild schält eine Mandarine, ist dabei über die Flecken und Fraktale verbunden mit dem Raum. Das Bild drückt etwas Meditatives, Verbundenes aus. Solche Momente waren in meiner Kindheit aber gerade nicht erlaubt, es ging um Machen und Leistung, nicht um Sein und Ruhen.

Um die Restbestände des eigenen Perfektionismus zu überwinden, kann man sich das Zeichnen etwas erschweren. Eine Möglichkeit besteht im „Blind Zeichnen“. Dabei schaut man beim Zeichnen nur auf das Kinderfoto und gestaltet „blind“ auf dem Papier. Man kann zusätzlich auch ein Blatt oder Tuch auf die Zeichenhand legen, um das Blickfeld zu verdecken. Auch kann seine Schreibhand wechseln, der Rechtshänder zeichnet mit links, der Linkshänder mit rechts. Oder man dreht die Fotovorlage über Kopf, auch das hilft den Blick zu weitern. Zudem besteht die Möglichkeit mit dicken Pinseln zu arbeiten, die uns daran hindern zu genau zu sein. Akzente kann man später mit einem schwarzen Feinliner setzen. Dadurch können bestimmte Bereiche betont und herausgestellt werden. Weiße oder farbige Fineliner unterstützen diesen Prozess.

Und dann lassen Sie sich überraschen, was ist entstanden? Welche Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen kommen Ihnen, wenn Sie ihr Kunstwerk betrachten? Das bin ich. Was verbindet mich mit dieser jüngeren Version von mir? Was kommt mir in den Sinn? Was ist überraschend, interessant?

 

Siehe dazu auch: „Narzissmus – Big mother ist watching you“


Zur Biografiearbeit siehe auch mein Kursangebot unter http://www.lebenswegschreiben.de

 

[1] King, (2000, S. 19/20 )

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 16.05.2019

Ausstellung & Dialog „Gemalte Freiheit“

23.9.2018, ab 15 Uhr – Gemalte Freiheit – unser Grundgesetz in Farbe
3falt Kunst, Kultur, Kreativität, Neue Straße 44, 21073 Hamburg
Um 16 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit Dialog

Unser Grundgesetz repräsentiert unsere gesellschaftlichen Grundwerte. Sie sind ein großer Schatz, den es gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Spannungen mit polarisierenden Wertekonflikten zu hüten gilt. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört und sind demokratieverdrossen. Wir halten dagegen und haben unsere Grundrechte künstlerisch gestaltet. Aufgerufen waren alle Harburger und Harburgerinnen, insbesondere solche in schwierigen Lebenswirklichkeiten, sich am Projekt zu beteiligen. Jetzt möchten wir allen Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung unser künstlerisch gestaltetes Grundgesetz präsentieren und mit Ihnen diskutieren. Weitere Infos www.grundrechtekreativ.de

Projektleitung Ulrike Hinrichs

Hier ein paar erste Eindrücke…

„Art. 5 Abs. 3 GG“  Natascha Artworx, „Logo“ Kerstin Nagel-Stein, „Justitia“  Yvonne Lautenschläger, „Überwachung“  Sonja Adolpho, „Justitia“  Bettina Behrend, „Demo“  Rita Peters, „Ich sag was ich will“ Rita Peters, „Wandteppich 2×3 Meter der Flüchtlingsgruppe: Komm wir nähen“ (Projektleitung Rike Reichert), „Stürmische Zeiten“ Bettina Behrend, „Unantastbar“Kerstin Nagel-Stein, „Assoziationen“ Antje Gerdts, „Asyl“ und „Performance: Die wahre Lüge oder die verlogene Wahrheit?“ Karen Kandzia & Yahya Hmimes .

Fotoprojekt „Ich steh (dr)auf“ von Andrea Hinrichs-Specht und Lena Hinrichs

Künstler*innen Kunstwerke Webseite
Andrea Hinrichs-Specht & Lena Hinrichs Steh (dr)auf!
Andrea Hörner Vielfalt
Angelika Czaplinski 70
Antje Gerdts Erinnern für die Zukunft

Synagoge in Harburg 1863-1938/41, Eißendorfer Straße 15, St. Johannis 1892/94 – 1944, Bremer Straße, Dreifaltigkeit 1650/52 – 1944, Neue Straße

Assoziationen

www.antjegerdts.de
Bettina Behrend Justizia, Mann und Frau vom Gesetz beschirmt, Stürmische Zeiten www.behrend.info
Karen Kandzia & Yahya Hmimes Live Performance, Die wahre Lüge oder die verlogene Wahrheit?
Kerstin Nagel-Stein Unantastbar www.nagel-stein.de
Khadija Alipour Stopp
Mehdi Hassan Reihe Flucht
Natascha Artworx Grundstein, Artikel 5 Abs. 3 http://www.natascha-artworx.webs.com
Olaf Schröder Würde – Freiheit
Raif Khalifa Heilige Familie
Rike Reichert

 

Musik, Artikel 1, Unity, Agni Partene, Thron www.rike-reichert.com
Rike Reichert (Projektleitung), Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“ mit Tarfa Khalaf, Zafura, Anna Maria Steinbach, Abigail Kantorek, Ali Ahmed, Rosl Alsarhan, Andrea Richter, Maren Schulze

 

Genähte Freiheit

 

www.m.facebook.com/kommwirnaehen
Rita Peters Demo!, Ich sag was ich will www.ritapeters.de
Samera Al Khafage Deutschlandherz
Sly Ich auch! www.habibiatelier.de
Sonja Alphonso Überwachung, Presse unter Druck www.see-me.online
Tom ElHadra KIND. SEIN. DÜRFEN!
Ulrike Hinrichs Die goldene Kiste, Wer bist du, dass ? www.lösungskunst.com
Yvonne Lautenschläger Justizia, Gespiegelter Wahnsinn, Insagnity nuggets www.medeas.space
Zeinab Alipour Human Rights, Herz

Das Projekt wird unterstützt von