Mein neues Buch „Kunst als Sprache der Intuition“ erscheint in Kürze

Kunst als Sprache der Intuition

Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen, von Ulrike Hinrichs mit Vorwort von Dr. Hans Hein

 Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824

Wenn die Intuition die Führung übernimmt

Das Universum schafft künstlerisch.
Um mit ihm zu kommunizieren, müssen wir kreativ sein.

Die Welt als Maschine ist Geschichte, das Narrativ unserer Zeit beschreibt die Welt als lebenden holografischen Organismus. Jedes System, auch der Mensch, ist danach ein Holon. Daraus folgt eine vielstufige, geschichtete Hierarchie von Sub-Ganzheiten. Auch die Psyche ist Bestandteil eines holografischen Bewusstseinsfeldes. Wissen und Erfahrungen sind in universellen Feldern gespeichert, mit denen der Mensch mittels seiner Intuition in Resonanz steht. Psychische Beeinträchtigungen und seelischen Nöte wechselwirken ebenso mit diesen Feldern wie kollektive Verletzungen und Traumata. Intuitive Erkenntnisse, die sich etwa in inneren Bildern, Gefühlen und Visionen ausdrücken, dienen als Sprachrohr intelligenter Felder. Die Künste sind eine wahrnehmende Ausdrucksform der Intuition. Künstlerische Prozesse wirken für die holografische Wahrnehmung wie eine „Sehhilfe“, die Inneres visuell nach außen bringt. Der Kunsttherapie kommt aus holografischer Perspektive eine besondere Bedeutung zu. In der Kunst wird die diffuse Intuition im Werk sichtbar gemacht. Das Kunstwerk manifestiert einen erweiterten Selbstausdruck der wechselwirkenden Felder, der im therapeutischen Bezug einbezogen werden kann.

Ulrike Hinrichs

 

Vorwort von Dr.Hans Hein
 
Viele neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, wie sehr viel schneller unsere automatische Soforterfassung unserer Welt ist. Denken und Rationalität sind eher Bummelbahnen die auf den Schienen schon angebahnter Intuitionen fahren. Die Automatik der körperintelligenten Intuition ist gigantisch. Bewusstheit darüber zu erlangen ist erweiterte Intuition und deren Umsetzung in Ausdruck und Gestaltung, ist Kunst. 
 
Ulrike Hinrichs hat sich auf Ihrem Lebensweg zur künstlerischen Tätigkeit und zur Kunst früh entdeckt, verloren und begeistert wiedergefunden. Ihre Neugierde erstreckt sich auf viele Facetten, Ansätze und Zugänge zum Übersetzen und Ausdrücken von intuitiver Erfassung der „Welt“. Sie exploriert viele Wege der Entwicklung ihrer intuitiven Fähigkeiten. In gemeinsamen Projekten (Globalbrain, Synergie kreativ) hat sie sich von ihrer intuitiven Begabung, die sich auch auf Fernwahrnehmung bezieht, überraschen lassen.
 
Künstlerische Tätigkeiten sind Intuitionstraining und kopfloses Sein im Jetzt. Angenommen es gibt so etwas wie eine Bewusstseinsentwicklung der Menschheit, dann deutet diese in Richtung einer erweiterten Wahrnehmungsfähigkeit, die sich in die virtuellen Welten, dem Nicht-Fassbaren, zuwendet. Intuition und ihr Ausdruck in Kunst ist dabei so etwas wie der WLAN-Zugang in diese Bereiche. Kunst und Intuition ermöglichen sensible Ahnungen für das Kommende. Kunst ist primär eine Übersetzung intuitiver Wahrnehmung. Kunst als Produktion von Werken, fußend auf erlernten Techniken, verliert häufig die Authentizität. Diese ist die eigentliche Wirkung von ursprünglicher Kunst. Reproduktion ist schal. Genau das spürt auch der Betrachter dank seiner eigenen intuitiven Wahrnehmung. Kunst ist die Fähigkeit das Meer des nicht bewussten Wissens zu übersetzen und über einfühlendes Betrachten Zugänge zu Wissen zu schaffen und damit den Bereich des Nichtwissens zu verkleinern. Kunst ist das Abenteuer der Entdeckung des unbekannten Terrains. Wenn wir Kunst als die Fähigkeit betrachten den umfangreichen Prozess der Wahrnehmung der nicht bewussten Feldern, also die virtuellen Welten, über Intuition in Formen vertrauter Sinneswahrnehmungen zu übersetzen und auszudrücken, haben wir einen ganz spannenden Ansatz.
 
Intuition ist sowas von alltäglich und selbstverständlich, dass es uns wenig bewusst ist. Deswegen ist die bewusst wahrgenommene Intuition als erweiterte Intuition zu verstehen. Sie eröffnet ein gigantisches Meer von Möglichkeiten. Kunst kann diese Fülle der Eindrücke fokussieren, kanalisieren, lesen und übersetzen. Die Metapher und die Idee, dass unser Körper in ein Lesegerät für virtuelle, nicht sichtbare Felder ist, kann Kunst deutlicher in alltägliches Sein bringen. Selbst wenn Kunst konstruiert wird, ist ihre Quelle immer die Intuition. Jeder Mensch ist Künstler. Jeder hat die Fähigkeit kollektive Felder wahrzunehmen, Stimmungen aufzugreifen und umzusetzen. Kunst führt das Individuum aus der Entfremdung zur Kohärenz, Authentizität und Kongruenz.  Jeder ist Kunst und ein Sensor für innere und äußere Informationsfelder (MEME) Im künstlerisch Geschaffenen ist der Künstler als spezieller Filter und Übersetzer immer enthalten und wahrnehmbar. 
 
Ein wesentliches Element des künstlerischen Schaffens ist die Fähigkeit zur absichtslosen Gestaltung der künstlerischen Prozesse, die sich selbst überraschend keine Pläne und Konstrukte benutzt. Die „Arbeit“, manchmal auch Qual des Künstlers ist es, diese Wahrnehmungen aus der Gesamtheit des Inputs in Erscheinungsformen zu gebären und über die fünf Sinne zu gestalten und übersetzen. Technik ist nützlich doch rein technische Produktion und Werke haben keinen Biss, weil die Einladung zur Verschränkung des Betrachters mit dem Feld des Künstlers und der „Aura des Werkes“ nicht geschieht.
 
Die Grundlage der Intuition ist das permanente Scannen und die Verschränkung mit der Nicht-Sichtbaren Welt, die über unsere Körperintelligenz wahrnehmbar wird. 
 
 
Dr. Hans Hein 

Hände

News: In kürze erscheint im Synergia Verlag mein Buch KUNST ALS SPRACHE DER INTUITION, dort finden sie mehr zum Thema.

 

Mit den Händen berühren wir die Welt, Dinge, Tiere, Menschen. Wir begrüßen andere mit einem Handschlag. Wir beten mit den Händen. Die Hände setzen wir für unsere Arbeit ein, für Handgriffe im Alltag.

Sie können schlagen oder streicheln, anpacken oder ruhen.Unsere Hände unterstützen uns auch in der Kommunikation.

Wir haben Redewendungen um die Hand, etwa „jemandem die Hand reichen“ als Geste der Versöhnung oder „da bist du in guten Händen“ als Synonym dafür, geschützt, in Sicherheit, gut aufgehoben, wohl behütet bei jemanden zu sein.

Mit der Hand bzw. den Händen können wir auch künstlerisch arbeiten. Dazu zeichnet man mit einem Bleistift den eigenen Handumriss einer oder beider Hände auf ein Din A 3 Papier. Anschließend wird die Hand künstlerisch gestaltet. Dabei kann man entweder frei arbeiten oder auch einen Gestaltungsauftrag geben wie

zum Beispiel:

  • ein farbiges Muster gestalten,
  • den Empfindungen in der Hand bestimmte Farben zuordnen („wo fühlt es sich warm, kalt, taub, gefühlsintensiv an und welche Farbe steht dafür?“)
  • inhaltlich zu arbeiten („wen oder was möchten deine Hände halten oder berühren?)

Reflexion

  • Was zeigt sich dir auf der Bildebene (Material, Farben, Farbintensität, Hintergrundfarben, Strichführung, Formgebung, Handform im Bild etc.; wurde der gesamte Gestaltungsrahmen auf dem Blatt ausgeschöpft)
  • Wenn die Hand sprechen könnte, was sagt sie dir?
  • Wollen die Hände etwas tun oder gerade nicht tun?

Über das Erinnern

Jeder von uns trägt ein Puzzle-Werk der Lebenserinnerungen in sich. Einige Episoden erscheinen bunt und lebendig, andere grau und dunkel. Manche Lebensabschnitte sind wie ausgelöscht, in ein schwarzes Loch gefallen, von einem dunklen Nebel umhüllt. „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen. […]. Es gibt nichts Durchgängiges, nur Schnappschüsse, viele davon unscharf“[1], beschreibt Stephen King in seiner Autobiografie seine Jugenderinnerungen.

Wer seinen eigenen Erinnerungen traut, könnte von seinem Gedächtnis reingelegt worden sein. Die Erinnerung ist raffiniert und trügerisch. Oft haben wir nur Erinnerungsfetzen, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Anekdoten und Geschichten etwa aus der Familie. Unser Erinnern von Erlebtem ist kein getreues Abbild der Vergangenheit, es gleicht vielmehr einer Geschichte, die wir immer wieder neu erzählen. Denn Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Wir erinnern also nicht das Ereignis selbst, sondern das letzte Mal, da wir es erinnert haben. Es erfolge eine permanenten Aktualisierung der Perspektive, so auch der Literaturwissenschaftler Walter Hinck[3], „mit einer Überformung der ursprünglichen Perspektive durch all die weiteren Erfahrungen, die der Beobachter seit der Ersterfahrung des Erinnerns gemacht hat.“

Günther Grass beschreibt in seinem Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ die Tücken der Erinnerung sehr anschaulich[4]:

„Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet wird, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buschstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonst wie verästelt. Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schnörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschlüsseln wollen.“

Die Erkenntnisse der Hirnforschung können wir uns im Workshop Lebenswegschreiben zu Eigen machen. Wir beleben unsere Erinnerungen, modellieren und gestalten sie bewusst zu unseren Gunsten.  Dabei nutzen wir nicht nur die Kraft des Schreibens, sondern unterstützend auch den intuitiv-künstlerischen Ausdruck. Denn unser Gehirn denkt in inneren Bildern. Es merkt sich Dinge leichter, zu denen es einen emotionalen und visuellen Bezug hat. [5] Wir können belastende Erinnerungen erwecken und verarbeiten. Sie sollen nicht gelöscht, gern aber in eine neue Perspektive transzendiert werden.

Mehr Infos www.lebenswegschreiben.de

Ulrike Hinrichs, intermediale Kunsttherapeutin (Master of Arts), Autorin, Seminarleiterin biografisches Schreiben

 

Literatur

[1] Stephen King (2000, S. 19/20). Das Leben und das Schreiben, Heyne

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 18.1.2019

[3] Walter Hinck, Selbstannäherungen. Autobiographien im 20. Jahrhundert von Elias Canetti bis Marcel Reich-Ranicki. Artemis & Winkler.

[4] Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, Seite 7 ff., Leseprobe

[5] Siehe zum Beispiel Gerald Hüther in seinem sehr zu empfehlenden Buch: „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht

Der Fluch der Medusa

Ulrike Hinrichs, Medusa (1981)

Medusa, ein Kunstwerk aus Teenagerjahren, das ich im Keller meiner Mutter wiedergefunden habe, nehme ich zum Anlass, die Kraft der Symbolik von Kunstwerken zu beschreiben. Medusa ist bekannt als eine der drei Gorgonen mit Schlangenhaaren aus der griechischen Mythologie, die mit ihrem Blick, jeden in Stein verwandelt, der sie anschaut. Niemand überlebt es daher, Medusa zu begegnen. Siehe dazu auch: „Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain-Barré Syndrom

Aber warum wurde dieses Monster verdammt? Sie habe eine Affäre mit dem Meeresgott Poseidon gehabt, heißt es. Das habe die eifersüchtige Athene dazu veranlasst, die Nebenbuhlerin zu verhexen. Es gibt aber auch mythische Interpretationen, die von Vergewaltigung sprechen. So oder so, Athene habe die Schönheit von Medusa zerstören, sie am besten ganz vernichten wollen. Dies überließ die Göttin aber Perseus, Sohn des Göttervaters Zeus, der Medusa durch eine List den Kopf abschlug. Aus ihrem offenen Hals gebar die Getötete das geflügelte Pferd Pegasus. In der lybischen Mythologie, was weniger bekannt ist, hat Medusa aber auch eine helle, schützende Seite. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Mit der Zauberkraft ihres Blutes ist sie Herrscherin über Leben und Tod. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt.

Was verbirgt sich psychologisch hinter der mythischen Geschichte? Medusa steht zum einen für die weibliche Urkraft, die Leben geben oder nehmen kann. Die eher düster gefärbte griechische Erzählung der Gorngone, stellt dagegen auf das Thema Neid und Eifersucht ab. Die Trauma-Expertin Kastner[1] geht in ihrem Forschungsbericht zur frauenspezifisch psychodramatischen Trauma-Therapie »Das verletzte Selbst« und das Leid der Medusa bei dem Medusa Mythos noch viel weiter. Denn in der Mythologie werde auch von einer Vergewaltigung durch den Gott Poseidon gesprochen. Hier deute sich eher die Thematik des sexuellen Missbrauchs an, so Kastner, der durch die Mutter, symbolisiert von Athene, gedeckt wird. Aber Vorsicht, so einfach lässt sich eine individuelle Antwort aus einem Kunstwerk nicht herauslesen. Der künstlerische Ausdruck ist eher diffus-symbolisch, vergleichbar mit Träumen. Ein Werk kann daher als Grundlage für eine Auseinandersetzung genommen werden, es birgt aber oft auch die Gefahr einer vorschnellen Interpretation. Wichtig ist daher, stets offen zu bleiben, bewertungsfrei zu assoziieren statt zu viel zu interpretieren.  Am Beispiel meines Jugend-Kunstwerks kann ich offenlegen, dass ich die Erfahrung eines Missbrauchs nicht gemacht habe.  Dennoch ist das Bild zu einer Zeit in meiner Kindheit entstanden, da ich starke Vernachlässigung gepaart mit übertriebener Kontrolle durch mein Elternhaus erfahren habe. In dieser Zeit erkrankte ich an einer aufsteigenden Polyneuropathie (Guillain-Barré-Syndrom), die mich in einen lebenden Stein verwandelte.

So berühren mich als Person und auch als Kunsttherapeutin die mythologischen Deutungsideen. Ich möchte mit diesem Beitrag mich und andere dazu ermutigen, den im Forschungsbericht von Kastner gestellten Fragen näher auf den Grund gehen, nämlich:

  • „Was hilft früh und komplex traumatisierten Frauen dabei, die zum Selbstschutz entwickelte dissoziative Erstarrung und Fragmentierung zu überwinden und in konstruktive Kräfte »umzuwandeln«?
  • Was hilft früh und komplex traumatisierten Frauen dabei, dem Grauenhaften der Kindheit begegnen zu können, ohne dabei neuerlich vor Schreck zu Stein zu erstarren?
  • Was hilft den PsychodramatherapeutInnen dabei, den zutage tretenden Bildern des Grauens standzuhalten und bei der Konfrontation damit nicht selbst zu erstarren oder auszubrennen?“[2]

Der künstlerische Ausdruck ist dabei ein hilfreicher Weg. Die Kunst kommt ohne Worte aus, kann Sprachloses sichtbar und erfahrbar machen und Widersprüche vereinen. Das Kunstwerk schafft gleichzeitig eine Distanz zum Erlebten und ein Sichtbarwerden qualvoller Erlebnisse, ohne Worte benutzen zu müssen. Der Ausdruck kann im Kunstwerk eher symbolisch erfasst werden, als Worte zu bemühen, die oft gar nicht das wiedergeben können, was gesagt werden will. Zudem wirkt der künstlerische Prozess und Ausdruck stabilisierend und ressourcenstärkend. Die  Selbstfürsorge und Resilienz wird dadurch gefördert.

 

Ulrike Hinrichs, Medusa (2018)

Literatur

[1] Kastner, Gabriele. Journal für Psychologie. Jahrgang 19 (2011). Ausgabe 3: Psychologische und therapeutische Arbeit mit Menschen zwischen Krise und Trauma

[2] Kastner, Gabriele (2011, S. 3)

Wenn nicht nur der Pulli kratzt – was es bedeutet, hochsensibel zu sein

 

„Du bist eine Prinzessin auf der Erbse“ habe ich als Kind oft gehört, wobei der Tonfall meiner Mutter nichts Gutes ahnen ließ, auch wenn mir das Märchen[1] , bei dem die sensible Königstochter durch viele Matratzen hindurch eine kleine Erbse fühlt, eigentlich sehr gefiel. Die Prinzessin steht in unserem Sprachgebrauch daher auch für eine besonders empfindliche Person.

Mit mir stimmt irgendetwas nicht, war die nicht überhörbare Botschaft im Subtext. Und tatsächlich, ich bin anders. Mir ist viel schneller alles zu viel, als anderen Menschen. Ich halte mir die Ohren zu, wenn ein schrilles Martinshorn im Straßenverkehr ertönt und ich muss alle Nebengeräusche wie Radio oder Fernseher ausschalten, wenn ich mich unterhalten will. Zu viele Menschen an der Supermarktkasse beengen mich, zu viele Informationen auf einmal überfordern mich. Der Wollpullover kratzt auf meiner Haut, das Schild im T-Shirt nervt im Nacken, das Gummi von den Socken ist zu eng. Der Autofahrer rückt mir zu dicht auf die Pelle, das Oberlicht im Büro ist zu grell, ich kriege zu wenig Luft bei geschlossenem Fenster oder das Parfüm der Kollegin ätzt in meiner Nase. Ich fühle auch zu viel mit. Ich sorge mich um den jaulenden Nachbarshund (muss ich den Tierschutz rufen?) oder kriege ein flaues Gefühl im Bauch, wenn ich versehentlich in eine Dokumentation über Massentierhaltung seppe (Fernseher ausschalten, sonst kann ich nicht schlafen). Ich erinnere noch unseren Familienurlaub nach Bulgarien, ich muss so um die 10 Jahre alt gewesen sein, während andere Kinder am Meer im Sand spielten, rettete ich unzählige Marienkäfer vor dem Ertrinken. Ich spüre Stimmungen im Raum. Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich Energien körperlich greifen kann. Ich nehme oft das wahr, was nicht gesagt werden soll oder kann. Und mein Gehirn besticht durch ein dauerhaft aktives Gedankenkarussell.

Ich bin hochsensibel.

Hochsensibilität ist keine Krankheit und auch nicht „heilbar“, es ist eine Eigenschaft, von der ca. 15 – 20 % der Menschen und auch der Tiere betroffen sind. Kennzeichnend für hochsensible Menschen sind kurz zusammengefasst (nach Aron)[2] insbesondere eine

  • gründliche Informationsverarbeitung

Eine gründliche Informationsverarbeitung zeichnet sich nach Aron dadurch aus, dass sich hochsensible Menschen auffällig mehr Gedanken machen, und zwar in allen Lebensbereichen, über die Beziehung, die Arbeit oder auchdie Gesellschaft oder den Sinn des Lebens. Eine hohe Reflexion über das eigene Handeln und seine Auswirkungen sind ebenfalls Indikator für eine vertiefende Verarbeitungsebene von Informationen. Dies zeigt sich ganz auffällig auch im Mitfühlen und mitleiden mit dem Schmerz anderer Lebewesen, Mensch wie Tier. Dadurch haben Hochsensible oft auch einen hohen Anspruch an Gerechtigkeit. Diese gründliche Verarbeitung von Eindrücken dürfte auch der Grund dafür sein, dass Hochsensible anfälliger für Traumata sind.

  • Übererregbarkeit

Ein hohes Erregungsniveau von Hochsensiblen zeigt sich durch ein hoch aktiviertes Nervensystem (siehe dazu auch Autnomes Nervensystem, Trauma und Kunsttherapie). Eine chronische Übererregung ist  sehr häufig eines der Hochsensible am meisten belastenden Probleme im Alltag. Denn diese führt zu Überforderung, Schlafstörungen und körperlichen Symptomen. Nicht nur negative, auch positive Veränderungen im Lebensrhythmus, etwa ein größer Urlaub oder Umzug, wirken auf Hochsensible oft stark beunruhigend und lösen hohen Stress aus.

  • emotionale Intensität

Eine emotionale Intensität, die von außen  unschwer zu erkennen ist, ist ein weiteres Merkmal für  Hochsensibilität. Sie lässt sich aber nicht immer trennscharf etwa auch von einer vergleichbaren traumabedingten Emotionsdichte unterscheiden. Für Hochsensibilität in Abgrenzung zu Traumata kennzeichnend ist eine solche emotionale Tiefe in allen Lebensbereichen.

  • eine sensorische Empfindlichkeit

Die sensorische Empfindlichkeit spiegelt die Hochsensibilität auf der Körperebene bzw. der Sinneswahrnehmung. Hochsensible reagieren etwa empfindlich auf Hautreize durch Cremes, Wolle oder auch Berührungen. Auch die Wahrnehmung von Geräuschen, Gerüchen und visuellen Eindrücken (z.B. grelles Licht), die für Normalsensible noch unauffällig sind, belastet hochsensible Menschen.

 

Mehr Infos unter >> High Sensitiv Person

Auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen, insbesondere bei Traumata, zeigen sich solche Symptome. Gerade ein übererregtes Nervensystem ist typisch für ein Trauma

Siehe auch meine Beiträge

Wenn man allerdings Hochsensible befragt, dann erzählen sie ähnliche Geschichten aus ihrer Kindheit wie ich. Botschaft: es war schon immer so!  Gerade dieses Gesamtbild der Eigenschaften, die die Person schon in der Kindheit kennzeichnen, zeigt die Abgrenzung zu oft ähnlichen Trauma-Symptomen, die in der Regel nur bestimmte Verhaltensweisen betreffen.[3] Dennoch ist eine Trennlinie nicht immer leicht zu ziehen. Oft bedingt Hochsensibilität auch ein Trauma.[4]

Hochsensibilität ist eine Begabung und eine Last. Die Begabung liegt zum Beispiel in der intensiven und vernetzten Wahrnehmung. Hochsensible Menschen haben oft einen guten Zugang zu ihrer Intuition, nicht selten auch Vorahnungen und ausgeprägte Hellsinne. Gleichzeitig führt eine Hochsensibilität oft zu einer Reizüberflutung und Überforderung, wenn Rückzugsmöglichkeiten und Entspannungsphasen nicht genug gelebt werden. Dadurch bedingte Symptome wie Müdigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen, Infektanfälligkeit, Allergien, Kopf- und Bauchschmerzen, Unruhe, Magen-Darm-Erkrankungen, Muskelverspannungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, sowie Angstzuständen bis hin zur Depression sind typisch. Hochsensible brauchen daher einen äußerst guten Zugang zu ihren Ressourcen, sie müssen gut auf sich Acht geben (beispielsweise mehr Rückzug) und den Mut haben, mit ihrer Sensibilität offen umzugehen.

Ein guter Zugang zu Ressourcen findet sich über den künstlerischen Ausdruck. Unser Gehirn denkt in Bildern. Es liebt Metaphern, Geschichten und Märchen. Sprachbilder öffnen neue Perspektiven und Welten im Kopf. Der künstlerische Ausdruck weitet den Blick. Brown vergleicht die Kunst unter all den Kategorien, die sich der Mensch schafft, als diejenige, die dem Menschsein am meisten ähnelt.

„Es entspricht unserem Wesen, unvollkommen zu sein. Nicht kategorisierbare Gefühle und Emotionen zu haben. Dinge herzustellen oder zu tun, die manchmal nicht unbedingt einen Sinn ergeben. Kunst ist einfach etwas vollkommen Unvollkommenes“, so Brown.[5]

Ich verstehe den künstlerischen Ausdruck als eine Form einer universellen Sprache. Die herkömmlichen gesellschaftlichen Bewertungskriterien von Kunst sind dafür unbedeutend. Das Kunstwerk ist vielmehr eine Art Bote, der Inneres nach außen bringt. Mit dem künstlerischen Ausdruck finden wir Zugang zu einer Ebene im sprachlosen Raum. Die Kunst kann Unsichtbares sichtbar machen und Widersprüche vereinen. Über die Kunstwerke entstehen für den Künstler neue Weg, die mit der Ratio nicht gedacht werden können. Mit der Kunst haben wir Zugang zu einem universellen kreativen Feld und können über intuitive künstlerische Prozesse einen Impuls aus der Zukunft bekommen.[6] Oft zeigen sich Themen und Lösungen ganz von selbst.

Ulrike Hinrichs 2018

 

Termine 2019

Workshop Kunst als Sehhilfe – Intuitiver Kunstworkshop für Hochsensible

 

 

 

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Literatur

[1] Märchen von Hans-Christian Andersen

[2] Aron, Elaine N. (2014). Hochsensible Menschen in der Psychotherapie. Paderborn: Junfermann Verlag.

[3] Aron (2014).

[4] Chödrön, Pema (2001). Wenn alles zusammenbricht: Hilfestellung für schwierige Zeiten. Goldmann Verlag.

[5]  Brown, Brené (2017). Verletzlichkeit macht Stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden. München: Goldmann.

Brown (S. 164).

[6] Scharmer Otto C. (2009). Theorie U: Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik. Heidelberg: Carl-Auer.

 

Ausstellung & Dialog „Gemalte Freiheit“

23.9.2018, ab 15 Uhr – Gemalte Freiheit – unser Grundgesetz in Farbe
3falt Kunst, Kultur, Kreativität, Neue Straße 44, 21073 Hamburg
Um 16 Uhr gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit Dialog

Unser Grundgesetz repräsentiert unsere gesellschaftlichen Grundwerte. Sie sind ein großer Schatz, den es gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Spannungen mit polarisierenden Wertekonflikten zu hüten gilt. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört und sind demokratieverdrossen. Wir halten dagegen und haben unsere Grundrechte künstlerisch gestaltet. Aufgerufen waren alle Harburger und Harburgerinnen, insbesondere solche in schwierigen Lebenswirklichkeiten, sich am Projekt zu beteiligen. Jetzt möchten wir allen Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung unser künstlerisch gestaltetes Grundgesetz präsentieren und mit Ihnen diskutieren. Weitere Infos www.grundrechtekreativ.de

Projektleitung Ulrike Hinrichs

Hier ein paar erste Eindrücke…

„Art. 5 Abs. 3 GG“  Natascha Artworx, „Logo“ Kerstin Nagel-Stein, „Justitia“  Yvonne Lautenschläger, „Überwachung“  Sonja Adolpho, „Justitia“  Bettina Behrend, „Demo“  Rita Peters, „Ich sag was ich will“ Rita Peters, „Wandteppich 2×3 Meter der Flüchtlingsgruppe: Komm wir nähen“ (Projektleitung Rike Reichert), „Stürmische Zeiten“ Bettina Behrend, „Unantastbar“Kerstin Nagel-Stein, „Assoziationen“ Antje Gerdts, „Asyl“ und „Performance: Die wahre Lüge oder die verlogene Wahrheit?“ Karen Kandzia & Yahya Hmimes .

Fotoprojekt „Ich steh (dr)auf“ von Andrea Hinrichs-Specht und Lena Hinrichs

Künstler*innen Kunstwerke Webseite
Andrea Hinrichs-Specht & Lena Hinrichs Steh (dr)auf!
Andrea Hörner Vielfalt
Angelika Czaplinski 70
Antje Gerdts Erinnern für die Zukunft

Synagoge in Harburg 1863-1938/41, Eißendorfer Straße 15, St. Johannis 1892/94 – 1944, Bremer Straße, Dreifaltigkeit 1650/52 – 1944, Neue Straße

Assoziationen

www.antjegerdts.de
Bettina Behrend Justizia, Mann und Frau vom Gesetz beschirmt, Stürmische Zeiten www.behrend.info
Karen Kandzia & Yahya Hmimes Live Performance, Die wahre Lüge oder die verlogene Wahrheit?
Kerstin Nagel-Stein Unantastbar www.nagel-stein.de
Khadija Alipour Stopp
Mehdi Hassan Reihe Flucht
Natascha Artworx Grundstein, Artikel 5 Abs. 3 http://www.natascha-artworx.webs.com
Olaf Schröder Würde – Freiheit
Raif Khalifa Heilige Familie
Rike Reichert

 

Musik, Artikel 1, Unity, Agni Partene, Thron www.rike-reichert.com
Rike Reichert (Projektleitung), Flüchtlingsgruppe „Komm wir nähen“ mit Tarfa Khalaf, Zafura, Anna Maria Steinbach, Abigail Kantorek, Ali Ahmed, Rosl Alsarhan, Andrea Richter, Maren Schulze

 

Genähte Freiheit

 

www.m.facebook.com/kommwirnaehen
Rita Peters Demo!, Ich sag was ich will www.ritapeters.de
Samera Al Khafage Deutschlandherz
Sly Ich auch! www.habibiatelier.de
Sonja Alphonso Überwachung, Presse unter Druck www.see-me.online
Tom ElHadra KIND. SEIN. DÜRFEN!
Ulrike Hinrichs Die goldene Kiste, Wer bist du, dass ? www.lösungskunst.com
Yvonne Lautenschläger Justizia, Gespiegelter Wahnsinn, Insagnity nuggets www.medeas.space
Zeinab Alipour Human Rights, Herz

Das Projekt wird unterstützt von

 

 

Außen Scham. Innen Liebe.

Selbstliebe und Selbstachtung ist für viele Frauen ein schwieriges Thema. Oft wirken negativ prägende Glaubenssätze aus der Kindheit im Hintergrund, die toxische Schamgefühle auslösen. Toxische Scham als Maskierung von Schmerz beschreibt die tiefe innere Überzeugung falsch, wertlos, mit einem Makel behaftet zu sein. Diese tiefliegende Verletzung des Wesenskerns, wohnt in vielen Menschen, die in ihrer Kindheit nicht willkommen waren, die keine sichere Bindung erfahren haben, die vernachlässigt, gedemütigt oder misshandelt wurden. Wenn uns das Gefühl vermittelt wurde „falsch zu sein“, nichts richtig machen zu können, keine Fehler machen zu dürfen, be- und entwertet wurden, dann entwickelt sich ein ungesundes Gefühl von Scham, das unser Leben einschränkt.

Wir begegnen in unserer Gruppe dem Thema mit künstlerischen Mitteln, wecken Ressourcen, entlarven behindernde Glaubenssätzen. Wir arbeiten mit unterschiedlichen künstlerischen Materialien, Farben, Collage, Poesie, Musik.

Leitung Ulrike Hinrichs, Kunsttherapeutin (M.A.)

Ort: Frauenberatungsstelle Biff Harburg, Neue Straße 59, 21073 Hamburg www.biff-frauenberatung.de

Termine: Montags 17.00 bis 19.00 Uhr

11.2., 25.2., 11.3., 1.4., 15.5., 6.6., 20.5., 3.6.2019

Siehe zum Thema meine Beitrag toxische Scham