Symptombild – Der Beschützer

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Das Kunstwerk ist Ausdruck einer Bildsprache, die sich in Metaphern und Symbolen zeigt. Kinder haben einen besonders guten Zugang zu dieser Bildersprache. Sie stellen Themen, Ängste und Anliegen ganz von selbst in symbolischer Form dar. Sie haben Zugang zu anderen Wesen, Hexen, Königen, Gespenstern, Monstern. Realität, Traumwelt und Fantasie sind für Kinder noch fließende Zustände.

Je älter wir werden, desto mehr setzen wir auf das rationale Denken. Die Kunst wird in Schulnoten bewertet. Malen, Singen, Tanzen, Märchen erzählen und Geschichten erfinden werden in einer leistungsorientierten Gesellschaft als nicht so wichtig angesehen. Dabei verbirgt sich hinter der vermeintlich kindlichen Beschäftigung unser Zugang zur Welt des Unbewussten.

Während unsere rationale Sprache von unserer linken Hirnhälfte dominiert wird, wechseln wir bei der metaphorischen Sprache der Bilder auf unserer rechte Hemisphäre. Hier treffen wir auf unsere Intuition. Der Ökonom und Manager Otto Scharmer spricht vom „Impuls aus der Zukunft“, den wir erhaschen. Scharmer entwickelte für das intuitive Führen in Unternehmen eine Anleitung für das Auffinden zukunftsgeleiteter Lösung über die Aktivierung der Intuition.[1] Er stellt dar wie vergangenheitsgeleitete Muster aus der Gewohnheitswelt (Ratio) unterbrochen  und Lösungen aus der im Entstehen begriffenen Zukunft gefunden (precencing) werden können (Intuition).[2]

„Was ist im Entstehen? Was will gesagt, gehört, gefühlt, gesehen werden?“

Diese zwei unterschiedlich funktionierenden Systeme, Ratio und Intuition, beschreibt der Professor für Psychologie und Nobelpreisträger für Wirtschaft Daniel Kahnemann als zwei Grundformen des Denkens.[3] Das langsame Denken entspricht dem uns bekannten rationalen Denken, während das schnelle Denken der Intuition entspringt. Die Ethnologin Dr. Kessler bezeichnet das schnelle Denken synonym als das nach innen gerichteten „wilde Denken“, ein Begriff, der mir besonders gefällt.

Nach dieser kurzen theoretischen Einführung schauen wir auf das entstandene Kunstwerk. Der Auftrag in unserer Gruppe Krankheit als Bild lautete, ein Bild vom Symptom zu malen. Das könnte ein Wesen sein, dass die Erkrankung darstellt, oder auch ein Abbild vom eigenen Körper mit Symptom. Die Aufgabe sollte frei interpretiert werden. „Symbole können zum einen die Wirklichkeit versinnbildlichen, zum anderen wohnt ihnen aber auch die Kraft inne, einen Transformationsprozess einzuleiten – also die Wirklichkeit zu verändern.“[4] Die symbolische Darstellung eines Symptoms in einem Bild ist bereits für sich genommen eine Transformation in etwas anderes, neues, unbekanntes.

Die Künstlerin des hier gezeigten Werkes leidet unter anderem unter Arthrose und auch unter wiederkehrenden Depressionen. Zudem berichtet sie von einer erhöhten Geräuschempfindlichkeit bei gleichzeitiger Schwerhörigkeit.

Zu dieser Symptomatik sehen wir auf dem Bild eine Figur mit elefantengroßen Ohren. Blitze dringen von außen in den Kopf der Gestalt. Die grüne Hand mit roter Markierung am Daumengelenk steht für die schmerzhaften Gelenkentzündungen und die Versteifung durch die Arthrose.

In der Gruppe kam u.a. die Assoziation einer Inka Statue auf. Auch ich musste an einen schamanischen Heiler denken. Die großen Ohren, die die Hörbeeinträchtigungen symbolisieren,  erinnern an Buddha, der ebenfalls mit großen Ohren dargestellt wird. Der dunkelgrüne Stab in der Mitte des Bildes sei nicht beabsichtigt gewesen, so die Klientin. Mir erscheint er wie ein Werkzeug, das die Figur mahnend bereithält, falls jemand die Grenze überschreiten sollte. Die grüne Hand zeigt plakativ eine Geste als Stoppzeichen.

Die Assoziationen der Gruppenbeteiligten hatten alle eine ähnliche Botschaft im Bild entdeckt. „Bis hierhin und nicht weiter, Stopp“. Es ist Zeit, … es ist überfällig, Stopp zu sagen. Diese Erkenntnis war auch für die Klientin stimmig. Und sie war auch nicht neu. Es ist aus meiner Sicht sehr hilfreich, wenn sich in einem Bild etwas manifestiert, das zwar nicht immer unbedingt eine neue Erkenntnis, dafür aber eine wichtige Bestärkung darstellt. Die Rückmeldungen der Gruppenteilnehmerinnen unterstreichen damit etwas, was für die Betroffene vielleicht noch mehr Unterstützung braucht. Es ist ein tiefes Bezeugen und Bekräftigen der Gruppe, eine elementare Einsicht auch wirklich umzusetzen.

Fragen könnten lauten:

  • Wie kannst du Stopp sagen? Wie sieht das ganz konkret im Alltag aus?
  • Welche Befürchtungen hast du, wenn du  Stopp sagst?
  • Zu wem oder was musst du sehr dringend Stopp sagen?
  • Wo musst du deine Grenzen erkennen und ziehen?
  • Wer oder was hat deine Grenzen schon überschritten?
  • Wie findest du Gehör?
  • Was soll und muss endlich gehört werden?
  • Wie kannst du das Geplapper im Außen reduzieren und mehr nach Innen kehren?
  • Wie kannst du trotz deiner Einschränkungen in deine Kraft gehen?
  • Wie kannst du die Pfeile und Blitze, die deinen Kopf beschießen, umdrehen, nach außen drehen?
  • Was muss von außen nach innen, was muss von innen nach außen gewendet werden?
  • Wovon brauchst du mehr, wovon weniger?
  • Was muss endgültig beendet, ein Schlussstrich gezogen werden?
  • Wie kannst du deine eigene Heilerin sein?

Ulrike Hinrichs 2021

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824 


[1] Scharmer (2009), in der Organisationsentwicklung auch Roberston(2016).

[2] Scharmer, Otto C. (2009). Theorie U: Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik.

[3] Kahnemann, Daniel (2011). „Schnelles Denken, langsames Denken“,

[4] Vilolodo, Baron-Reid, Lobes (2021, S. 11). Das schamanische Seelenorakel. Begleitbuch Ansata Verlag