Symptombild

„Symptombild“ – Drachenfinger

Krankheit als Bild

In meiner Sammlung von Artikeln zum Thema Krankheit als Bild möchte ich in diesem Beitrag ein „Symptombild“ beleuchten und mit Ihnen teilen.

www.krankheit-als-bild.de

Die Klientin hat Gelenkschmerzen im Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Zudem sind die Fingerkuppen der betroffenen Glieder taub. Vor allem nach einer längeren Ruhephase, besonders nach dem Nachtschlaf. Die Finger fühlen sich dann sehr starr an.

Für die kreative Umsetzung des Symptoms habe ich angeregt Aquarellfarbe zu wählen, um den fließenden Farben Raum zu geben. Die Aufgabe lautete, das Symptom im Sinne eines Körperbildes zu malen. Für die Klientin lang nahe, im ersten Schritt ein Abbild der Hand zu zeichnen. Dazu hat sie die Handumrisse mit Bleistift nachgezogen und anschließend mit Farbe gefüllt.

Die Klientin war überrascht über den ausgefransten Symptombereich, der sich farblich deutlich von den anderen drei Fingern abgrenzt. Die ganze Hand wirke fragmentiert. Daumen und Zeigefinger erschienen wie in einem Auflösungsprozess oder gar Zerfall. Die teils dunkelrote Farbe erinnere sie an Blut.

Faszinierend sind auch die Vögelchen, die sich auf den Fingerspitzen zeigen, wobei sie in verschiedenen Richtungen schauen. Mir kam die Redewendung „Die Spatzen pfeifen es vom Dach“ in den Sinn.  Zwischen Daumen und Zeigefinger sitzt ein roter Drache, sein Schwanz baumelt in der Luft. Durch diesen Drachen erscheint die Hand nun mit sechs Fingern bzw. einem „Finger-Wurmfortsatz“. Der Wurm ist an dieser Stelle interessant, da er auch in einem anderen Werk der Klientin auftauchte, siehe Arthritis – Krankheit als Bild.

Die Kunst als Sprache ist oft rätselhaft, wie bedeutungsvolle Träume, die wir nicht immer gleich verstehen können. Daher ist es wichtig, welche Assoziationen uns und anderen kommen, wenn wir das Bild betrachten. Wir gehen bei der Bildbetrachtung in Resonanz mit unbewussten Themen. Auch die archetypische Bedeutung kann einem beim Verstehen der Bildsprache weiterbringen.

Daumen und Zeigefinger

Die symbolische Bedeutung der betroffenen Symptombereiche gibt uns erste Ansatzpunkte.

Nach dem Arzt Ruediger Dahlke (Buch: Krankheit als Symbol) macht der Daumen durch seine Sonderstellung das Greifen erst möglich. Er ist ein Polaritätssymbol. Er  steht für Durchsetzungskraft, das Leben in den Griff bekommen, zupacken. Der Zeigefinger zeigt uns die Richtung und den Weg. Als erhobener Zeigefinger steht er auch für Ermahnungen und Schuldzuweisung. Im Yoga deutet der Daumen auf Brahman, das Absolute, Gott; der Zeigefinger symbolisiert das Ego.

Das sind Fragen, die relevant sein könnten:

  • Wie kann ich Älterwerden und trotzdem noch beherzt zupacken?
  • Wie kann ich die belastende Vergangenheit und Schuldzuweisungen loslassen?
  • Wie bekomme ich das Ego (mit der großen Angst vor dem Tod) und die spirituelle Weisheit in Einklang?
  • Wie kann ich die Taubheitsgefühle aus alten Zeiten überwinden?

Drachenfinger

Der Drache als mystisches Wesen steht für Ganzheit und uraltes Wissen. Auch hier geht es um das Zusammenbringen und Vereinigen von Polaritäten. Zum „Drachenfinger“ fällt mir der „sechste Sinn“ ein. Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken, die fünf Sinne sind uns allen bekannt. Sie eröffnen uns den Zugang zur Welt. Doch es gibt einen sechsten oft vernachlässigt Sinn, der die Tiefensensibilität beschreibt. Er überliefert etwa die Haltung unseres Körpers im Raum. Durch ihn wissen wir, ob wir stehen, sitzen, liegen oder welche Haltung wir haben. Nach dem sechsten Sinn folgt in meinen Gedanken noch der siebte Sinn als unsere Intuition. Ich berichtete der Klientin von meinen Gedanken und frage, ob sie damit etwas anfangen könne.

Die Frage „wo stehe ich?“ macht für mich in einer übertragenen Bedeutung Sinn. Ich fühle mich in einer großen Umbruchphase, die auch mit meinem fortgeschrittenen Alter zu tun hat. Tod, Zerfall, Auflösung, Transformation sind oft präsent in meinen Gedanken. Es ist eine innere Ausrichtung und Neuorientierung nötig. Ein Zusammenführen von Polaritäten, Leben und Tod.

Die Spatzen pfeifen es vom Dach

Der Vogel ist ein Symbol der körperlosen Seele, der freien Gedanken und der Transzendenz. Vögel sind Geister der Luft. Nach der Bibel stehen Vögel als Symbol des Wandels. Und auch das sprachliche Bild, wonach Vögel die Geheimnisse verbreiten, geht schon auf die Bibel zurück. Die Redewendung „Die Spatzen pfeifen es vom Dach“ besagt, dass es eigentlich doch schon alle wissen. Das Geheimnis wird schon lange ausgeplappert. Also kann doch auch ich es glauben, fragt die Klientin laut. Sie sei in einer rational geprägten Welt aufgewachsen und wende sich immer mehr auch spirituellen Ideen zu, die mit ihren alten Grundüberzeugungen nicht zusammenpassen. Auch wenn schon vieles an meiner Weltsicht neujustiert wurde, komme ich trotzdem immer wieder ins Zweifeln.

Was ist wahr, frage ich sie, geht es darum?

Genau, die Botschaft der Vögel lautet für mich: vertraue dem, was du denkst UND fühlst!

Altes Blut

Blut steht für Lebensenergie und Lebensfluss. Auch an Menstruationsblut und das große Weibliche denke ich dabei. Es kommen mir Verletzungen und blutende Wunden in den Sinn. Die Auflösung, die ich im Bild wahrnehme, könnte für mich daher auch für die Auflösung bzw. Transformation alter Verletzungen stehen… ist es so oder ist es nur eine Hoffnung, frage ich die Klientin.

Das Resümee der Klientin zu ihrem Symptombild: es geht um Umbruch, Richtung, Neuorientierung und Hinwendung zu mehr Vertrauen ins Leben, bei gleichzeitigem Loslassen des irgendwann endenden Lebens.

Die Kunst als Sprache liefert keine Wahrheiten, sondern Impulse, die uns aus alten Denkspiralen rausholen und neue Räume öffnen.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824