Meerzeit

„Es gibt hier wenig zu tun und von einem gewissen Punkt an noch weniger zu denken. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich je in einem solchen Zustand befinden könnte, so erschöpft, dass ich mich fühle wie nach einem Aderlass, bei dem ich kein Blut, sondern meine Gedanken verloren habe. Langeweile – ich dachte eigentlich immer, ich wüsste eine Zeit permanenter Leere zu schätzen und mit Leichtigkeit auszufüllen. Aber ich musste feststellen, dass es uns nicht gegeben ist, Zeit in solch dicken, leeren Brocken zu füllen: Wir sprechen davon, die Zeit zu verwalten, aber eigentlich ist es andersherum – unser Leben ist so sehr mit Geschäftigkeit angefüllt, weil wir nur diese dünnen Zeitspalten wirklich bewältigen können“, schreibt Hanya Yanagihara in ihrem Roman „Das Volk der Bäume“.

Langeweile kann befruchten oder tödlich sein. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist sie verpönt. Selbst die Freizeit muss aktiv gestaltet werden. Pausen und Entspannungsphasen schaffen aber gedeihliche Bedingungen für intuitive Erkenntnisse und Geistesblitze. Während es im Außen ruhig wird, die Zeit stehenzubleiben scheint, sortiert das Gehirn im Inneren das Chaos, verwebt Informationen zu neuen Ideen.

Insbesondere „echte“ Langeweile hilft. Einfach NICHTS tun. Löcher in die Luft starren. Das wird von vielen als sehr unangenehm empfunden. Ist Langeweile gesund oder langweilt man sich eher zu Tode, wie der Volksmund sagt. Studien haben gezeigt, dass es die Langeweile gar nicht gibt, sondern eher unterschiedliche Formen, je nachdem wie die Gelangweilten sie empfinden. Hinzu kommt bei der Beurteilung der erlebten Langeweile der individuelle Erregungszustand, der von sehr entspannt bis apathisch-depressiv reichen kann (Gehirn&Geist (6/2020), Kann uns Langeweile krank machen, unter der Rubrik „Gute Frage“ S. 71).

Die Forscher konstatieren verschiedene Formen der Langeweile. Die so genannte indifferente Langeweile bezeichnet einen positiven und entspannten Zustand der Routine oder auch Unterforderung. Schwerer wiegt die kalibrierende Langeweile, bei der die innere Unzufriedenheit und damit auch der Erregungszustand zunehmen und man nach neuen Anregungen sucht. Bei der sich anschließenden suchenden Langeweile wird der Wunsch nach neuen Impulsen stärker, die Gelangweilte sucht konkret nach neuen Aufgaben.  Bleibt die Veränderungswunsch erfolglos, steigern sich die innere Unzufriedenheit, der Ärger und die Ruhelosigkeit zu einer reaktanten Langeweile. Den inneren Super- Gau bildet allerdings die apathische Langeweile, die einer Depression ähnelt. Die Gelangweilte erlebt sich handlungs- und bewegungsunfähig.

Einfach NICHTS tun

Wir alle haben schon unterschiedliche Garde der Langeweile erlebt. Die Stufenbeschreibung der Langeweile je nach innerem Erregungszustand zeigt aber auch die positive Kraft der Langeweile. Wir alle kennen diese innere angespannte Unruhe und den kribbelnden Wunsch nach Veränderung, der in einer Situation entsteht, in der wir uns langeweilen. Die Zeit dehnt sich aus, fließt extrem zäh und unendlich langsam. Wenn wir aber diese Langeweile annehmen und auch aushalten, explodieren unbemerkt im Gehirn kreative Feuerwerke, die mit einer plötzlichen Idee, einem inneren Impuls in die Realität gespuckt werden.

Das große Nichts ist die Quelle der Kreativität

In der Langeweile, dem Dazwischen, zwischen zu viel Denken, Planen und Kontrollieren, zwischen Alltagsroutine und Freizeitstress kann etwas Unerwartetes passieren. Wir kommen in Kontakt mit dem Nichts. Alte Ideen und Wünsche werden wieder wach, fast vergessene Sehnsüchte steigen auf, verworfene Projekte wollen wiederentdeckt werden.

Also, nutze die Kraft der Langeweile! Es ist die Meerzeit, in der die Zeit fließend stehenbleibt.