Arthritis – Krankheit als Bild

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Der Professor für Psychologie und Nobelpreisträger für Wirtschaft Daniel Kahnemann unterscheidet zwei Grundformen des Denkens. Das langsame Denken entspricht dem bekannten rationalen Denken. Das schnelle Denken, welches sich beispielsweise Bildern, Märchen, Mythen, Geschichten und Träumen bedient, entspringt der Intuition. Die Ethnologin Dr. Kessler bezeichnet es synonym als das nach innen gerichteten „wilde Denken“.

Kunst ist wildes Denken

Während das planmäßige und lineare Denken über Faktenchecks, Analysieren und Zerlegen von Bestandteilen in ihre Einzelteile langsame Schlüsse zieht, agiert das wilde Denken für den aktiven Geist blitzschnell und oft unbewusst in endlosen vernetzten Assoziationsketten. „Wie Kräuselwellen auf der Oberfläche eines Teiches breitet sich die Aktivierung durch einen kleinen Teil des riesigen Netzwerks assoziativer Vorstellungen aus“, schreibt Kahnemann („Schnelles Denken, langsames Denken“, S. 71). Unser Unbewusstes kann mühelos unendliche Assoziationen hervorrufen.

Die Kunst dient uns als Übersetzungshilfe für das wilde Denken. Worum geht es gerade bei einem bestimmten Thema, das uns belastet? Was will uns der Körper mitteilen? Dazu können wir auf individuelle wie kollektive Assoziationen zurückgreifen. Kollektive Deutungen finden wir beispielsweise in der Mythologie und bei Tieren auch in der Krafttiersymbolik. Ebenso die Lebenseise der Tiere kann uns Aufschluss geben.

Arthritis – Regenwurm

Arthritis

Die 60-jährige Klientin berichtet von Gelenkschmerzen im Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Vor allem nachts verschlimmere sich der Zustand. Zudem habe sie an der Spitze des Daumens ein unangenehmes Taubheitsgefühl. Diagnose: Arthritis.

Tiersymbole können Themen verdichten und auf den Punkt bringen. In diesem Fall habe ich auch Wortspiele mit eingearbeitet. Denn auch bei Worten und Sätzen können wir intuitiv arbeiten.

Wenn das Symptom ein Tier wäre, welches wäre es? Die Klientin assoziierte den Regenwurm.

Zudem bat ich die Klientin aus einem alten Türkisch-Wörterbuch eine Seite herauszureißen, und zu schauen, welches Wort sie auf der Seite magisch anzieht. Bei solchen Aufgaben ist es sinnvoll, mit den Augen über die Seite zu fliegen, statt jedes Wort zu lesen. Die Klientin blieb bei „Natur“, „Wesen“ und „Gewohnheit“ (Türkisch: tabiat) hängen.

Aus Tier und Wort fertigte sie eine Collage.

„Der Regenwurm sieht etwas verängstigt aus. Die feurig kraftvolle Umgebung erinnert mich an einen Vulkanausbruch. Gleichzeitig wirkt der Wurm sehr weiblich, mit den rosa Bäckchen und dem grünen Lidschatten. Was soll ich hier jetzt machen?, scheint er zu fragen. Der Hintergrund erscheint chaotisch, gleichzeitig wie in eine natürliche Ordnung eingebunden. Alles ist durchtränkt von farbiger Fülle. Aber der Wurm guckt müde, erschöpft und ratlos.“

Altes will verdaut werden

Regenwürmer sind lichtscheue Wesen, die unter der Erde leben. Sie durchgraben die Erde, fressen Pflanzenreste und Bodenpartikel. Die Abfälle kompostieren sie zu wertvollem Humus. Damit deutet das Würmchen auch auf Vergänglichkeit, Tod, Zerfall und den Kreislauf des Lebens hin. Er steht ebenso für Transformation alter, belastender und verdrängten Lebensthemen.

Buddelt sich der Regenwurm als Krafttier ins Leben, möchte er auf die Kraft der Erlösung, Transformation und  Heilung aufmerksam machen. Er zeigt auf die Schattenanteile, die geheilt werden wollen. Dazu müssen wir uns der Dunkelheit und den  Ängsten stellen. Das Krafttier Regenwurm macht darauf aufmerksam, festgefahrene Ideen und Glaubenssätze zu hinterfragen und zu lockern.

Mich fasziniert immer wieder, wie sich die Symbolik von Tieren mit der Symbolik der Erkrankung bzw. der Symptome deckt. Denn auch Symptome zeigen eine symbolische Bedeutung. Der Mediziner und Arzt Ruediger Dahlke ist auf diesem Gebiet ein Vorreiter. In seinem Buch „Krankheit als Symbol“ beschreibt er die jeweilige Deutungsebene der Symptome und zeigt Wege zur Einlösung der unbewussten Themen.

Arthritis deutet auf alte überlebte Themen hin, die die Entwicklung blockieren. Das Leben scheint für den Erkrankten schwer in den Griff zu bekommen. Die Symptome können auch darauf hindeuten, dass dem Leben zu sehr mit Starrheit begegnet wird. Die unterdrückten Lebensimpulse laufen in unbewusste Attacken gegen den eigenen Körper. Vor allem auch unterdrückte Aggressionen und ungelebte unterdrückte Kritik verbergen sich hinter den autoaggressiven Impulsen. Alte Verletzungen und Probleme müssen verdaut werden, um die Erstarrung zu überwinden.

Die Klientin berührte vor allem das Thema Tod und Zerfall, aber auch Transformation belastender und überlebter Lebensthemen. Ebenso die Deutungen zur Routine und Starre, brachten sie ins Grübeln. Überrascht war sie, dass sich das Thema „Gewohnheit“ sogar schon in der Wörtersuche gezeigt hatte. Und mit der Natur, die ebenso als Wort auftauchte, verbände sie eine wichtige Kraftquelle. Sie könne gerade aber tatsächlich sehr schwer loslassen, denke viel an vergangene Zeiten und schöbe Erlebnisse. Sie fühle sich in einer Zwischenphase von Leben und dem immer näher kommenden Tod.

Die Symbolik des Regenwurms mache ihr Mut, nämlich „Verdauung“. Altes muss verdaut  und dann losgelassen werden.

Ulrike Hinrichs – Kunst als Sprache der Intuition – Der holografische Ansatz in der Kunsttherapie und kunstanalogen Transformationsprozessen Synergia-Verlag, ISBN 9783906873824