Chronische Rückenschmerzen – Krankheit als Metapher

Sei wild, sei sanft!

Bei der Klientin wurde ein Bandscheibenvorfall im unteren Rücken zwischen dem 5.  Lendenwirbelkörper und dem Kreuzbein diagnostiziert. Es folgte die klassische Behandlung mit Physiotherapie und manueller Therapie, die der Klientin kurzfristig ein wenig Linderung verschaffte. Eine beidseitige Wurzelreizung sorgte für einen dauerhaft vorhandenen Schmerz, der vom unteren Rücken über die  Beine bis in die Füße abstrahlt. In der Folgezeit wurde noch eine Facettengelenkarthrose diagnostiziert. Die Klientin klagt fortan über dauerhafte, schwankend starke Schmerzen. Vor einigen Wochen habe die Klientin sich erstmalig auf eine Cortisonspritze eingelassen, berichtet sie. „Ich fand es total gruselig, dass mir nach der Betäubung die Beine komplett wegsackten. Das werde ich sicherlich nicht noch einmal wiederholen.“

Zum Hintergrund erläuterte die Klientin, dass sie einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen ihren Lebensumständen und dem somatischen Befund erkenne, der durch eine multifaktorielle Belastungssituation (schwere Erkrankung eines Familienmitgliedes, Trennung vom Ehemann, Tod eines guten Freundes), erstmalig 2014 auftrat. Eine im Anschluss folgende, über 7 Jahre währende emotional missbräuchliche Partnerschaft führte zu einer Chronifizierung der Schmerzen. Mittlerweile hat sich die Patientin aus diesem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis befreien können und erlaubt sich wieder Vertrauen in die eigene Intuition und die eigenen Bedürfnisse zu haben.

Viele Frauen kennen den unteren Rückenbereich als schmerzende Problemzone. Im Becken können wir das Urvertrauen verorten. Auch die Chakra-Lehre verweist auf diese Thematik. Die geschilderten Beschwerden im unteren Rücken ziehen sich über die ersten drei Chakras. Das Wurzel-Chakra verbindet uns mit Mutter Erde, schafft Sicherheit und Stabilität. Das Sakral-Chakra steht für die Emotionen, Lust und Lebensfreude, Beziehungen und Kreativität. Das Solarplexus-Chakra symbolisiert die Gestaltung des Seins, die Selbstwirksamkeit, und die innere Kraft. Die blockierten Chakras können erste wertvolle Hinweise liefern, die individuell von Bedeutung sein können, aber nicht müssen.

Der Mediziner Ruediger Dahlke skizziert in seinem Buch „Krankheit als Symbol“ zum Bandscheibenvorfall folgende Deutungen:

  • „von existenziellen Belastungen unter Druck gesetzt werden (Bandscheibenprobleme);
  • den weiblichen Pol (die weiche Bandscheibe) in der Lebensachse Wirbelsäule zwischen zwei harten (männlichen) Wirbelkörpern plattdrücken“.

Dies sind erste Impulse, sich auf einer symbolischen Ebene mit Krankheitssymptomen zu beschäftigen. Ich möchte die Kraft des künstlerischen Ausdrucks als universelle Sprache unserer fühlenden, intuitiven Seite vertiefend einbringen. Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, der zwei Grundformen des Denkens unterscheidet, beschreibt das schnelle assoziative Denken im Gegensatz zum langsamen rationalen Denken. Die Ethnologin Dr. Kessler spricht vom wilden Denken, das eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervorbringt. In diesem Sinne sind Kunst und Körper Ausdrucksformen dieses schnellen wilden Denkens.

Um das wilde Denken zu erwecken, wechseln wir von der analytischen Sprache unseres Verstandes (linke Hirnhälfte) auf die Bildsprache unserer fühlenden Seite (rechte Hirnhälfte). Unsere bildhafte Sprache liebt Mythen, Märchen und Geschichten, Kunst und Musik, eben alles was wir fühlen können und uns im Herzen berührt.

Um Körpersymptome zu übersetzen, können wir die Erkrankung in ein Symbol wandeln. Besonders eignen sich Tiere.

Wenn das Symptom ein Tier wäre, welches wäre es?

Die Klientin war erst irritiert ein für sie sehr belastendes Thema, ein schmerzendes Symptom, in ein Tier zu transformieren assoziierte dann aber mühelos einen Tiger, den sie künstlerisch gestaltete.

Die Kraft des künstlerischen Ausdrucks als Sprache zeigt sich im geschaffenen Werke. Oft berichten die Klienten, dass das Bild im Kopf in der Umsetzung auf dem Papier nochmal ganz anders aussieht. Bereits diese Transformationsprozesse, vom Symptom zum Symbol, vom Symbol zum Kunstwerk, schaffen einen Perspektivwechsel. Der starke Schmerz kommt als Tier auf dem Papier beispielsweise „süß und niedlich“ oder „kindisch“ daher.

Die Bildsprache können wir durch freies Assoziieren – im Gegensatz zum bewertenden Interpretieren – durch die Klienten selbst oder auch Gruppenbeteiligte übersetzen. Dabei sind die Assoziationen vornehmlich individuelle Eindrücke des jeweils Betrachtenden. Wenn diese Eindrücke und Impulse für die Klientin Sinn machen, sie damit also in Resonanz geht, dann können die Assoziationen der Anderen hilfreichen Wegweiser sein.

Tiere sind archetypische Symbole, auch als solche bringen sie wertvolle Informationen. Schon die Lebensweise, das Beziehungsverhalten und die Stärken und Schwächen der Tiere können oft Problemlösung andeuten. Krafttierzuschreibungen aus der schamanischen Tradition helfen ebenfalls weiter. Sie zeigen die lichte kraftvolle Seite des Schattenthemas. Der Tiger sei ein Krieger des Lichts, so Jeanne Ruland im Buch „Krafttiere“.

Meine Assoziationen zum Bild waren folgende:

Ich dachte sofort an ein Tigerbaby, das sich ganz genüsslich reckt und streckt und freut, dass es ENDLICH mal losgeht. „Endlich Spielen! Endlich siehst du mich! Komm spiel mit mir!“, hörte ich in mir Sätze aufsteigen. Das Tigerbaby hat sich schon sein Spielzeug bereitgelegt. Alles wirkt ganz leicht und wie in einem Kinderzimmer für Tigerbabys. Ich würde am liebsten mit dem Kätzchen gleich spielen, kuscheln, toben, draußen rumtollen. Daher die Frage an die Klientin: wo in deinem Leben könntest du mehr spielen? Einfach nur Spielen ohne Ziel und Absicht?

Die Klientin war selbst überrascht von dem kuscheligen Tigerbaby.

„Als ich das Bild der Gruppe zeigte, hatte ich Angst vor der Rückmeldung: Thema verfehlt, dachte ich. Der ist ja ganz niedlich, aber was soll das mit chronischen Schmerzen zu tun haben?! Ich war überwältigt von der positiven Rückmeldung und den wertvollen Impulsen, die mir gespiegelt wurden. Hier also der kleine süße Tiger, der mich an die Hand nehmen möchte, um wieder Freude, Spiel und Leichtigkeit in mein Leben zu bringen – schöne Vorstellung. Das Spiel, die Unbefangenheit, das Leichte fehlt mir in meinem Leben. Mit einem chronisch kranken Kind befinde ich mich seit über 10 Jahren in einer Daueranspannung. Die ständige Alarmbereitschaft, das reflexartige Reagieren auf äußere Impulse hat mich mehr und mehr von meinem Inneren, meinen Bedürfnissen weggeführt. Diese psychische Belastung hat mich in eine emotional bedürftige Situation gebracht; ich suchte Halt, Schutz und Unterstützung und fand leider eine, mich aushöhlende und emotional missbräuchliche Beziehung zu einem Mann, der mich im Verlauf egoistisch emotional ausbeutete. Da ich dankbar für jegliche Zuwendung war, habe ich erst sehr spät gemerkt, dass mir Kraft genommen wurde, statt für Entlastung zu sorgen.

Nun lockt mich also der kleine Tiger hinaus zum Spielen ins Freie, er streckt und dehnt sich. Er schafft sich seinen eigenen Spielraum, so wie auch ich mich wieder strecken und dehnen muss, um ganz präsent und stark im Hier und Jetzt in meiner Erwachsenenzeit zu sein. Das ist ein schönes Bild, was mich auf vielen Ebenen berührt und so stimmig ist. Vielleicht sollte ich der Wahrnehmung meiner Schmerzen daher auch eine andere Bedeutung verleihen. Mag sein, dass der Schmerz mir genau das aufzeigt, was schädlich ist für mich ist. Innerlich wie äußerlich bin ich sicherlich zusammengefallen, habe mich kleiner gemacht. Dass sich Strecken des kleinen Tigers, erinnert mich daran, mich aufzurichten, nicht einzusacken. Ich möchte nicht nur körperlich verhindern klein zu werden, „einzusacken“, sondern auch emotional nicht!“

Es empfiehlt sich, dass man sich mit dem gefundenen Symbol auch weiter beschäftigt. Beispielsweise kann man sich das Bild zu Hause aufhängen, ein Foto als Hintergrund auf das Handy oder den Computer nehmen als Anker für die Kraft des Symbols. Die Klientin entwickelte für sich auch eine knackige Tiger-Botschaft: „sei wild, sei sanft“

„Ich habe mir das Bild an meinen Kühlschrank gehängt und habe auch eine Kopie davon in meinem Handy. Der kleine Tiger hat Antworten darauf, was ich brauche, um wieder seelisch und emotional gut genährt zu sein. Er streckt sich und macht mich damit wieder „groß“!“