Kindheitsfotos malen, um zu heilen

 

Wenn wir die belastenden Gefühle in uns wirklich fühlen, werden sie zu Reiseführern der Seele.

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Kunst hilft heilen. Oft sitzen unsere Probelme in einer verletzten Kinderseele. Verletzlichkeit ist die Schnittstelle zwischen Mut und Angst. Es braucht Mut, seine Verletzlichkeit zu zeigen. Die Wunden der Verletzlichkeit gehen oft zurück in die frühe Kindheit. Gleichzeitig ist die Erinnerung nicht immer ganz klar. Stephen King schreibt das anschaulich in seiner Autobiografie: „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.“[1] Wir haben Erinnerungsfetzen im Kopf, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Geschichten aus der Familie oder von Freunden. Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so erklärt es die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Unser Erinnern ist einerseits kein Abbild der Realität, andererseits sind die Erinnerungen, vor allem Gefühle und Themen dennoch wahr. Sich dieser Vergangenheit zu nähern, gelingt uns, indem wir uns unserer Kindheit künstlerisch nähern. In die Kindheit einzutauchen, kann emotional herausfordernd sein. Sich auf einem Foto aus der Kindheit zu betrachten, das einen Moment eingefangen hat, der uns berührt, reaktiviert oft die problembelastete Situation.

Für die Aufgabe sucht man intuitiv Kinderbilder aus alten Fotoalben heraus. Wen man selbst keine hat, so schaut man bei den Eltern oder Großeltern. Welches Foto zieht mich magisch an, wenn ich die Alben durchgehe? Lassen Sie sich intuitiv führen. Fragen Sie nicht „warum dieses Foto?“, nehmen Sie es einfach, es wird das richtige sein. Bei der anschließenden künstlerischen Umsetzung geht es nicht um ein reales Abbild. Vielmehr versuchen wir in Resonanz zu gehen mit dem jüngeren Selbst, das auf dem Foto durchschimmert.

Oft sind alte Fotos noch schwarz-weiß abgelichtet. Bei der künstlerischen Gestaltung, kann man mit den Farben spielen oder auch im schwarz-weiß bleiben. Für die Umsetzung ist im Prinzip jedes Material geeignet. Die „perfekte“ Fotovorgabe schränkt unseren Blick häufig ein, wie soll ich die Hand malen, den Mund formen, wie schaffe ich eine Ähnlichkeit herzustellen? Diesen Perfektionismus können wir mit einigen Tricks überwinden, denn es geht nicht um eine Kopie des Fotos, es geht um die Kontaktaufnahme zu einem Gefühl. Fotos zeigen einen  eingefrorenen Moment des Lebendigen. Dieses Festhalten ist aber mehr ein Stillstellen. Erst der Kontakt über den (unperfekten, ganz individuellen) künstlerischen Ausdruck erweckt das Bild mit Gefühlen wieder zum Leben.

Aquarellfarben etwa schaffen dafür eine gute Möglichkeit. Denn die Wasserfarben verlaufen leicht ineinander, so dass wir uns auf Überraschendes und Ungewolltes einlassen müssen. Man kann sogar bewusst Flecken und Fehler in das Werk einbauen, indem man mit dem in Farbe getränkten Pinsel auf das Papier spritzt. Die „künstliche Würdigung“ gerade dieser Flecken hat oft eine faszinierende Wirkung. Denn es ist auch eine Würdigung unserer Unvollkommenheit als Mensch.

Das oben abgebildete Kunstwerk zeigt ein solches Kindheitsbild von mir. Ich habe die Flecken mit farbigen Markern, mit Gold und Silber, umrandet, gestaltet und damit hervorgehoben und geehrt. Für mich war das eine Befreiung, bin ich doch mit dem Anspruch von Perfektion groß geworden. „Du kannst das sowieso nicht“, „stell dich nicht so an“, „reiß dich mal zusammen“, „mit dir hält es keiner aus“ waren nur einige Botschaften, die ich als Kind zu hören bekommen habe. Das Bild berührt mich auch deshalb, weil es einen Moment des Innehaltens ausdrückt. Das Kind auf dem Bild schält eine Mandarine, ist dabei über die Flecken und Fraktale verbunden mit dem Raum. Das Bild drückt etwas Meditatives, Verbundenes aus. Solche Momente waren in meiner Kindheit aber gerade nicht erlaubt, es ging um Machen und Leistung, nicht um Sein und Ruhen.

Um die Restbestände des eigenen Perfektionismus zu überwinden, kann man sich das Zeichnen etwas erschweren. Eine Möglichkeit besteht im „Blind Zeichnen“. Dabei schaut man beim Zeichnen nur auf das Kinderfoto und gestaltet „blind“ auf dem Papier. Man kann zusätzlich auch ein Blatt oder Tuch auf die Zeichenhand legen, um das Blickfeld zu verdecken. Auch kann seine Schreibhand wechseln, der Rechtshänder zeichnet mit links, der Linkshänder mit rechts. Oder man dreht die Fotovorlage über Kopf, auch das hilft den Blick zu weitern. Zudem besteht die Möglichkeit mit dicken Pinseln zu arbeiten, die uns daran hindern zu genau zu sein. Akzente kann man später mit einem schwarzen Feinliner setzen. Dadurch können bestimmte Bereiche betont und herausgestellt werden. Weiße oder farbige Fineliner unterstützen diesen Prozess.

Und dann lassen Sie sich überraschen, was ist entstanden? Welche Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen kommen Ihnen, wenn Sie ihr Kunstwerk betrachten? Das bin ich. Was verbindet mich mit dieser jüngeren Version von mir? Was kommt mir in den Sinn? Was ist überraschend, interessant?

 

Siehe dazu auch: „Narzissmus – Big mother ist watching you“


Zur Biografiearbeit siehe auch mein Kursangebot unter http://www.lebenswegschreiben.de

 

[1] King, (2000, S. 19/20 )

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 16.05.2019