Über das Erinnern

Jeder von uns trägt ein Puzzle-Werk der Lebenserinnerungen in sich. Einige Episoden erscheinen bunt und lebendig, andere grau und dunkel. Manche Lebensabschnitte sind wie ausgelöscht, in ein schwarzes Loch gefallen, von einem dunklen Nebel umhüllt. „Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen, diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen. […]. Es gibt nichts Durchgängiges, nur Schnappschüsse, viele davon unscharf“[1], beschreibt Stephen King in seiner Autobiografie seine Jugenderinnerungen.

Wer seinen eigenen Erinnerungen traut, könnte von seinem Gedächtnis reingelegt worden sein. Die Erinnerung ist raffiniert und trügerisch. Oft haben wir nur Erinnerungsfetzen, die sich eher wie Puzzlestücke zusammenfügen, geschmückt mit Anekdoten und Geschichten etwa aus der Familie. Unser Erinnern von Erlebtem ist kein getreues Abbild der Vergangenheit, es gleicht vielmehr einer Geschichte, die wir immer wieder neu erzählen. Denn Erinnern sei nichts Statisches, sondern ein aktiver Prozess, so die Hirnforscherin Daniela Schiller, es erfolge jedes Mal ein erneuter  Speicherprozess.[2] Wir erinnern also nicht das Ereignis selbst, sondern das letzte Mal, da wir es erinnert haben. Es erfolge eine permanenten Aktualisierung der Perspektive, so auch der Literaturwissenschaftler Walter Hinck[3], „mit einer Überformung der ursprünglichen Perspektive durch all die weiteren Erfahrungen, die der Beobachter seit der Ersterfahrung des Erinnerns gemacht hat.“

Günther Grass beschreibt in seinem Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ die Tücken der Erinnerung sehr anschaulich[4]:

„Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet wird, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buschstab ablesbar steht: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonst wie verästelt. Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schnörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschlüsseln wollen.“

Die Erkenntnisse der Hirnforschung können wir uns im Workshop Lebenswegschreiben zu Eigen machen. Wir beleben unsere Erinnerungen, modellieren und gestalten sie bewusst zu unseren Gunsten.  Dabei nutzen wir nicht nur die Kraft des Schreibens, sondern unterstützend auch den intuitiv-künstlerischen Ausdruck. Denn unser Gehirn denkt in inneren Bildern. Es merkt sich Dinge leichter, zu denen es einen emotionalen und visuellen Bezug hat. [5] Wir können belastende Erinnerungen erwecken und verarbeiten. Sie sollen nicht gelöscht, gern aber in eine neue Perspektive transzendiert werden.

Mehr Infos www.lebenswegschreiben.de

Ulrike Hinrichs, intermediale Kunsttherapeutin (Master of Arts), Autorin, Seminarleiterin biografisches Schreiben

 

Literatur

[1] Stephen King (2000, S. 19/20). Das Leben und das Schreiben, Heyne

[2] https://www.heise.de/tr/artikel/Das-Gedaechtnis-ist-nicht-statisch-2038305.html 18.1.2019

[3] Walter Hinck, Selbstannäherungen. Autobiographien im 20. Jahrhundert von Elias Canetti bis Marcel Reich-Ranicki. Artemis & Winkler.

[4] Günter Grass, Beim Häuten der Zwiebel, Seite 7 ff., Leseprobe

[5] Siehe zum Beispiel Gerald Hüther in seinem sehr zu empfehlenden Buch: „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht