Der Fluch der Medusa

Ulrike Hinrichs, Medusa (1981)

Medusa, ein Kunstwerk aus Teenagerjahren, das ich im Keller meiner Mutter wiedergefunden habe, nehme ich zum Anlass, die Kraft der Symbolik von Kunstwerken zu beschreiben. Medusa ist bekannt als eine der drei Gorgonen mit Schlangenhaaren aus der griechischen Mythologie, die mit ihrem Blick, jeden in Stein verwandelt, der sie anschaut. Niemand überlebt es daher, Medusa zu begegnen. Siehe dazu auch: „Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain-Barré Syndrom

Aber warum wurde dieses Monster verdammt? Sie habe eine Affäre mit dem Meeresgott Poseidon gehabt, heißt es. Das habe die eifersüchtige Athene dazu veranlasst, die Nebenbuhlerin zu verhexen. Es gibt aber auch mythische Interpretationen, die von Vergewaltigung sprechen. So oder so, Athene habe die Schönheit von Medusa zerstören, sie am besten ganz vernichten wollen. Dies überließ die Göttin aber Perseus, Sohn des Göttervaters Zeus, der Medusa durch eine List den Kopf abschlug. Aus ihrem offenen Hals gebar die Getötete das geflügelte Pferd Pegasus. In der lybischen Mythologie, was weniger bekannt ist, hat Medusa aber auch eine helle, schützende Seite. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Mit der Zauberkraft ihres Blutes ist sie Herrscherin über Leben und Tod. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt.

Was verbirgt sich psychologisch hinter der mythischen Geschichte? Medusa steht zum einen für die weibliche Urkraft, die Leben geben oder nehmen kann. Die eher düster gefärbte griechische Erzählung der Gorngone, stellt dagegen auf das Thema Neid und Eifersucht ab. Die Trauma-Expertin Kastner[1] geht in ihrem Forschungsbericht zur frauenspezifisch psychodramatischen Trauma-Therapie »Das verletzte Selbst« und das Leid der Medusa bei dem Medusa Mythos noch viel weiter. Denn in der Mythologie werde auch von einer Vergewaltigung durch den Gott Poseidon gesprochen. Hier deute sich eher die Thematik des sexuellen Missbrauchs an, so Kastner, der durch die Mutter, symbolisiert von Athene, gedeckt wird. Aber Vorsicht, so einfach lässt sich eine individuelle Antwort aus einem Kunstwerk nicht herauslesen. Der künstlerische Ausdruck ist eher diffus-symbolisch, vergleichbar mit Träumen. Ein Werk kann daher als Grundlage für eine Auseinandersetzung genommen werden, es birgt aber oft auch die Gefahr einer vorschnellen Interpretation. Wichtig ist daher, stets offen zu bleiben, bewertungsfrei zu assoziieren statt zu viel zu interpretieren.  Am Beispiel meines Jugend-Kunstwerks kann ich offenlegen, dass ich die Erfahrung eines Missbrauchs nicht gemacht habe.  Dennoch ist das Bild zu einer Zeit in meiner Kindheit entstanden, da ich starke Vernachlässigung gepaart mit übertriebener Kontrolle durch mein Elternhaus erfahren habe. In dieser Zeit erkrankte ich an einer aufsteigenden Polyneuropathie (Guillain-Barré-Syndrom), die mich in einen lebenden Stein verwandelte.

So berühren mich als Person und auch als Kunsttherapeutin die mythologischen Deutungsideen. Ich möchte mit diesem Beitrag mich und andere dazu ermutigen, den im Forschungsbericht von Kastner gestellten Fragen näher auf den Grund gehen, nämlich:

  • „Was hilft früh und komplex traumatisierten Frauen dabei, die zum Selbstschutz entwickelte dissoziative Erstarrung und Fragmentierung zu überwinden und in konstruktive Kräfte »umzuwandeln«?
  • Was hilft früh und komplex traumatisierten Frauen dabei, dem Grauenhaften der Kindheit begegnen zu können, ohne dabei neuerlich vor Schreck zu Stein zu erstarren?
  • Was hilft den PsychodramatherapeutInnen dabei, den zutage tretenden Bildern des Grauens standzuhalten und bei der Konfrontation damit nicht selbst zu erstarren oder auszubrennen?“[2]

Der künstlerische Ausdruck ist dabei ein hilfreicher Weg. Die Kunst kommt ohne Worte aus, kann Sprachloses sichtbar und erfahrbar machen und Widersprüche vereinen. Das Kunstwerk schafft gleichzeitig eine Distanz zum Erlebten und ein Sichtbarwerden qualvoller Erlebnisse, ohne Worte benutzen zu müssen. Der Ausdruck kann im Kunstwerk eher symbolisch erfasst werden, als Worte zu bemühen, die oft gar nicht das wiedergeben können, was gesagt werden will. Zudem wirkt der künstlerische Prozess und Ausdruck stabilisierend und ressourcenstärkend. Die  Selbstfürsorge und Resilienz wird dadurch gefördert.

 

Ulrike Hinrichs, Medusa (2018)

Literatur

[1] Kastner, Gabriele. Journal für Psychologie. Jahrgang 19 (2011). Ausgabe 3: Psychologische und therapeutische Arbeit mit Menschen zwischen Krise und Trauma

[2] Kastner, Gabriele (2011, S. 3)