Toxische Scham

Werke anlässlich der Gemeinschaftsausstellung „Frauenbilder“

auf dem interantionalen Frauentag in der Biff Harburg am 8.3.2018
Reihe: Me Too (Ulrike Hinrichs)

 

Scham ist vom Grundprinzip ein natürliches und notwendiges Gefühl. Es regelt die Interaktion in der Gemeinschaft (soziale Anpassung) und den Schutz des Selbst (wie viel gebe ich von mir preis). Toxische Scham (der Begriff stammt von John Bradshaw) als Maskierung von Schmerz beschreibt dagegen die tiefe innere Überzeugung falsch, wertlos, mit einem Makel behaftet  zu sein. Diese tiefliegende Verletzung des Wesenskerns, die sich in toxischer Scham zeigt, wohnt in vielen Menschen, die in ihrer Kindheit nicht willkommen waren, die keine sichere Bindung erfahren haben, die gedemütigt oder gar misshandelt wurden. Wenn Kindern durch nonverbales Verhalten oder mit Worten das Gefühl vermittelt wird „falsch zu sein“, nichts richtig machen zu können, keine Fehler machen zu dürfen, be- und entwertet werden, dann entwickelt sich ein ungesundes Gefühl von Scham.

Die Botschaft lautet dann nicht: „du hast etwas falsch gemacht und das ist ok so, ich/wir haben dich bedingungslos lieb“, sondern „Du bist falsch“. Solche oder ähnliche Sätze und Verhaltensweisen kennen viele Menschen: „Mit dir hält es doch sowieso niemand aus“, „Stell dich nicht so an“, „du bist zu dick“, „das kannst du sowieso nicht“, keine körperlichen Berührungen, Umarmungen, Liebes- und Kontaktentzug bei nicht angepasstem Verhalten, keinen Trost in schmerzhaften Situationen.

Typische Abwehrmechanismen nach Bradshaw[1] gegen den Schmerz der toxischen Scham können sein:

  • Perfektionismus, Kontrollzwang,
  • Streben nach Macht und Höchstleistungen,
  • Zorn und Wut,
  • „Denksucht“, Intellektualisieren,
  • Kritik und Tadel, Bestrafung, Bewertung und Verurteilung anderer (Vergleichen mit anderen), Neid, Arroganz,
  • Moralisieren, Verachten, Idealisieren, Beeinflussbarkeit,
  • gönnerhaftes Verhalten, Sichkümmern und Helfen, Nettigkeit und Gefälligkeit.

Solche Verhaltensweisen lenken von einem selbst ab, der eigene Wert wird im Außen gesucht. Kontrolle ist eine der Hauptstrategien, um die toxische Scham zu verbergen. Entweder der Betroffene versucht alle Lebensumstände völlig unter Kontrolle zu bringen oder er/sie verliert jegliche Kontrolle (Suchtverhalten). Die Folgen sind Selbstentfremdung und innere Leere. Die eigenen Grenzen können nicht erkannt bzw. nicht richtig geschützt werden. Betroffene Klammern in Beziehungen, begeben sich in Abhängigkeiten oder können keine Nähe zulassen. Sie reagieren auf Kritik mit heftiger Wut und Aggressionen oder sogar Gewalt.

Körperreaktionen der Scham

  • Beschleunigung der Atmung,
  • Herzrasen,
  • Erröten,
  • Zittern (auch in der Stimme),
  • Sprachlosigkeit (Trockenheit im Mund),
  • Stottern,
  • Schweißausbrüche,
  • Emotionale Beklommenheit (innerer Druck, Innere Enge),
  • seelische Betäubung, innere Leere und auch körperliche Taubheitsgefühle,
  • Schwindel,
  • Muskelverspannung,
  • Ohnmacht, Flucht.

 

 

© Ulrike Hinrichs (Text und Bilder)

 

[1] John Bradshaw (Wenn Scham krank macht: Verstehen und überwinden von Schamgefühlen)