Wenn der Körper sich abschaltet – Guillain-Barré Syndrom

MEDUSA: Ulrike Hinrichs 1981 (16 Jahre). Das Bild entstand nach meiner Erkrankung „Guillain-Barré Syndrom“

 

Medusa ist eine der drei Gorgonen – Gespenster mit Schlangenhaaren –  aus der griechischen Mythologie. Nach der Sage heißt es, dass jeder der in ihre Augen blickt, augenblicklich in Stein verwandelt wird. Das mit seinen weißen Augenhöhlen maskenhaft wirkende Gesicht der Medusa zieht mich in seinen Bann. Ein Schlangenkörper mit gespaltener Zunge auf der Stirn des Ungeheuers, lenkt die Aufmerksamkeit noch mehr auf die nicht vorhandenen Augen. Die Zungenspitzen des Reptils zeichnen auf den leeren Augenhöhlen die Pupillen nach. Der  Blick des Ungeheuers wirkt daher fokussiert, fast laserhaft, als könne er einen mit einem feinen Lichtstrahl durchbohren, töten.  Noch heute, Jahrzehnte später, beeindruckt und erschreckt mich das Bild, das ich 1981 zeichnete. Gleichzeitig bin ich fasziniert von der intuitiven Sprache des künstlerischen Ausdrucks. (siehe auch Der Fluch der Medusa)

Im Jahre 1979, mit 14 Jahren, erkrankte ich an einer „aufsteigenden Polyneuropathie mit Hirnnervenbeteiligung“ (Akute Polyneuroradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom), deren genaue Ursache bis heute ungeklärt ist. Folgen dieser Erkrankung sind entzündete Nervenwurzeln im Rückenmark, durch die die Nervenfasern beschädigt werden können. Dies führt zu Lähmungen der Muskulatur. Es begann wie aus dem Nichts völlig plötzlich und unerwartet  mit einem Kribbeln in den Füßen. Nachdem ich zusammengebrochen war, weil meine Beine mich nicht mehr tragen konnten, ging alles ziemlich schnell. Die Lähmungen breiteten sich über die Beine, den Rumpf und die Arme bis zum Kopf aus. Die Krankheit verwandelte mich in nur wenigen Tagen in einen lebenden Stein, ich war körperlich komplett gelähmt. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch lallen. Aufgrund von Augenmuskellähmungen habe ich alles um mich herum in Doppelbilder gesehen. Ich konnte nicht mehr selbständig Nahrung zu mir nehmen geschweige denn ausscheiden. Lähmungen der Atem- und Schluckmuskulatur sind lebensbedrohlich. Ich stand kurz vor einer künstlichen Beatmung und war in einem Zustand der kommunikativen Ausgeschlossenheit. Ich konnte mich meiner Umwelt nicht mehr mitteilen und war mit meinen Gedanken und der Lebensbedrohung völlig auf mich gestellt. Ich war emotional komplett isoliert. Durch die vollständige Taubheit konnte ich auch Berührungen nicht mehr wahrnehmen. Zudem drohten die inneren Organe zu versagen. Ich konnte nur durch intensivmedizinische Behandlung am Leben erhalten werden. Heute weiß ich, dass ich dem Tod schon in die Augen geschaut hatte. Die akute Erkrankung dauerte über sechs Wochen an. Die anschließende Rekonvaleszenzphase war sehr langwierig und von heftigen Schmerzen begleitet. Durch die zerstörte Muskulatur musste ich wieder „gehen lernen“, saß lange im Rollstuhl. Es war zunächst völlig unklar, ob ich überhaupt wieder vollständig genesen würde.

Diese physischen und psychischen Beeinträchtigungen führen zu einem Deprivationszustand mit extremem Leidensdruck, der ausgeprägte Unsicherheit und große Angst erzeugen könne. Im Rahmen dieser emotionalen Extremsituation könne es zu Halluzinationen, sowie paranoiden und oneiroiden (traumähnlichen) Psychosen kommen, so der Mediziner Prof. Dr. Weiß.[1]

Eine psychologische Betreuung gab es damals nicht, stattdessen hatte man mich mit hoch dosiertem Valium versorgt. Allerdings waren die Krankenhäuser seinerzeit noch in staatlicher Hand, so dass jenseits des heute vorherrschenden wirtschaftlichen Drucks ausreichend  Personal vorhanden war, das sich intensiv um mich kümmerte.  In der Hochphase der Erkrankung saß 24 Stunden eine Betreuung neben meinem Bett. Die Fürsorge im Krankenhaus, die in meinem Elternhaus gefehlt hatte,  habe ich damals sehr genossen, nachdem die lebensbedrohliche Phase überwunden war. Ich wollte das Krankenhaus gar nicht wieder verlassen. Über die Kunst, der ich schon in jungen Jahren sehr zugeneigt war, habe ich nach meiner Genesung intuitiv versucht, das erlebte Grauen zu verarbeiten. Hier ist ein Selbstportrait aus dieser Zeit, das für sich spricht.

 

Die Zusammenhänge zwischen Neuropsychologie, Nervensystem und Immunsystem bei entsprechenden Krankheitsbildern sind in den letzten Jahrzehnten Gegenstand der Forschung geworden. Dennoch gibt es wenige Untersuchungen zu diesem relativ seltenen Krankheitsbild. Das Nervensystem ist ein hoch komplexes System, das unseren gesamten Körper umfasst. Es reagiert sensibel auf die Interaktion mit unserem sozialen Umfeld.[1] Das Nervensystem lässt sich auf verschiedene Weise unterteilen: zum einen nach seiner Verortung im Körper in das zentrale Nervensystem  (Gehirn, Rückenmark, (ZNS)) und das periphere Nervensystem ((PNS) Hirn- und Spiralnerven), zum anderen nach seiner Funktion in das somatische Nervensystem (bewusster, willentlicher Zugriff) und das autonome (vegetative) Nervensystem (unbewusst agierend).

Das autonome Nervensystem (ANS) kontrolliert die lebenswichtigen Grundfunktionen im Inneren des Körpers. Es reguliert alle autark ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Atmung. Sämtliche Informationen werden vom Gehirn über das Rückenmark zu den Organen und vice versa weitergegeben. Das ANS besteht aus dem sympathischen (SNS) und parasympathischen Nervensystem (PNS).

Das periphere Nervensystem (PNS) regelt den Zugang zur Peripherie unseres Körpers und damit den Kontakt zur Außenwelt. Aus dem Schädel und dem Rückenmark treten Hirnnerven und Spinalnerven aus, die wie ein Netz durch den gesamten Körper zu den Sinnesorganen, Extremitäten und auch unter der Haut verlaufen.  Das periphere Nervensystem besteht aus einem somatischen Teil, der die „Schaltzentrale“ Gehirn mit sensorischen Informationen versorgt, und einem autonomen Teil (ANS).

Das gesamte Nervensystem überprüft permanent die Gefahren der Umgebung, schätzt diese ohne unser bewusstes Zutun als sicher, gefährlich oder lebensbedrohlich ein und verhält sich dazu mit entsprechenden neurobiologischen Reaktionen. Der Vagus, der größte Nerv des autonomen und der wichtigste des peripheren Nervensystems, übermittelt Informationen über den Zustand der peripheren Organe. Nach der polyvagalen Theorie von Porges  findet dabei nicht nur eine wechselwirkende Kommunikation zwischen Gehirn und Körper statt, sondern auch zwischen den Nervensystemen verschiedener Menschen im sozialen Umfeld.[2] Porges unterscheidet drei hierarchisch organisierte Subsysteme des autonomen Nervensystems. Der parasympathische Teil des Vagusnervs regelt das System des sozialen Engagements. Er bietet ein schnelles Eingehen auf unsere Umgebung und Beziehungen.  In sicheren Kontexten hilft dieser Teil des Nervensystems uns, dass wir uns auf die Umgebung einlassen und Bindungen und soziale Beziehungen eingehen. Bei hoher Stressbelastung schaltet das ANS je nach Situation und Individuum auf die archaischen Grundmechanismen: Flucht oder Angriff (Sympathikus); der parasympathische Zweig des Vagus, unser ältestes System, reagiert auf Lebensgefahr und führt zur Erstarrung (Immobilisierung, „Totstellen“).  Porges konstatiert, dass durch „Neurozeption“ (adaptiver Mechanismus der Anpassung auf die Umgebung) die Defensivsysteme (Flucht, Angriff, Erstarrung) in sicher erlebter Umgebung abgeschaltet oder in (lebens-)bedrohlichen Situationen eingeschaltet werden.[3] Gerade in der frühkindlichen Entwicklung ist dieser Mechanismus von großer Bedeutung. Ein Kind ist zunächst als Neugeborenes in völliger dann mit zunehmendem Alter in langsam abnehmender Abhängigkeit zu seinen engen Bezugspersonen. Findet ein Kind keine Zeichen von Sicherheit (z.B. wegen Vernachlässigung oder Gewalt) kann bei ihm ein Gefühl permanenter Gefahr mit entsprechender Aktivierung der Defensivsysteme entstehen.

Ohne vertiefend auf meine damalige Situation eingehen zu wollen, war ich vor der Erkrankung tatsächlich über einen sehr langen Zeitraum in einer psychischen Ausnahmesituation gewesen, die von meiner Umgebung nicht gesehen oder ignoriert wurde. Die einzige Überlebensstrategie meines weisen Körpers bestand darin, das gesamte System herunterzufahren. Das periphere Nervensystem mit seinen „Fühlern“  zur Außenwelt, um es metaphorisch auszudrücken, hat sich als Reaktion auf die bedrohliche Situation langsam und von den Extremitäten beginnen, über den Rumpf, die Sinnesorgane und nach innen zu den Organen verlaufend abgeschaltet und auf seinen wesentlichen Kern zurückgezogen.

Wenn ich heute auf meine Kunstwerke schaue, dann ziehen mich bei beiden Köpfen die Augen magisch an, hinter denen sich jenseits der maskenhaft wirkenden Gesichter eine sehr viel tiefere Ebene zu verbergen scheint. Das ist für mich auch deshalb beeindruckend, da ich (anders als heute) seinerzeit weder zur Mythologie noch zu spirituellen Themen einen Zugang hatte. Die Symbolik der Bilder spricht für sich, zum einen Medusa, die jeden in Stein verwandelt, der ihr in die Augen schaut. Gleichzeitig steht Medusa in der Mythologie, was weniger bekannt ist, auch für eine helle schützende Seite. Sie ist die Göttin der Masken, des wilden Blickes und des „weisen Blutes“. Als Schlangengöttin verkörpert Medusa weibliches intuitives Wissen. Die Schlangen, die ihrem Kopf entspringen, symbolisieren Weisheit und Erkenntnis. Auch als Mondgöttin wurde Medusa verehrt.[4]

Ebenso hat das Selbstportrait eine tiefe Deutungsebene. Es symbolisiert für mich persönlich zum einen das „Auftauen“ aus dem versteinerten Zustand. Gleichzeitig zeigt es in seinem künstlerischen Ausdruck und Aufbau archaische, archetypische Elemente, wie etwa die Fibonacci-Spirale, die sich in der Natur in unzähligen Ausformungen spiegelt (vom Universum über das menschliche Innenohr bis zum Schneckenhaus). Auch das „Ying und Yang“ Zeichen der chinesischen Philosophie verbirgt sich im Werk. Das Symbol steht für einander polar entgegengesetzte aber aufeinander bezogene Kräfte. Yang beschreibt das aktive, Impulse gebende, männliche Prinzip. Yin verkörpert die passive, nach innen gerichtete weibliche Energie. Die männlichen und weiblichen Urkräfte können auch als symbolische Platzhalter für das sympathische und parasympathische Nervensystem stehen. Das sympathische Nervensystem  spiegelt das aktive männliche Prinzip, während der Parasympathikus das passive weibliche Prinzip wiedergibt.

Der krankheitsbedingte Zustand erinnert auch an den eines Samadhi (Buddhismus, Hinduismus). „Samadhi – das ist, wenn mein Körper unbeweglich ist, wie Stein, wie etwas Totes, doch ich lebe. Ein versteinert-unbeweglicher Körper, der trotzdem lebt“, so der Gelehrte Svamin Daram Radje Bharti. Gleichzeitig lebe der Geist außerkörperlich weiter. [5] 

Ich bewundere zudem den uns allen immanenten „inneren Heiler“, jener Instanz, die auch in sehr schwierigen Situationen unsere Selbstheilungskräfte mobilisieren kann, wenn wir ihr genug Aufmerksamkeit schenken.

 „Der innere Heiler, oder oft benannt als Medicus internus (der innere Arzt) scheint, physikalisch gesehen, so etwas zu sein wie ein eingebauter Resonanzdetektor, der sensibel auf die Wahrnehmung von körperlichen, emotionalen und seelischen Unstimmigkeiten ausgerichtet ist. Seine Fähigkeit innere Differenzen und Dissonanzen zu balancieren und in harmonisierende und korrigierende Impulse zu verwandeln nutzt eine geniale Hyperintelligenz. Der physiologische Hintergrund dieser Fähigkeit speist sich aus all den Anteilen in unserem Nervensystem, die mit dem evolutionären und archaischen Urwissen unserer Körperinformation verbunden sind. Die Kunst ist es genau das wahrnehmbar und zugänglich zu machen. Der Zugang gelingt über das Training der Intuition und die Übersetzung der inneren Wahrnehmungen in Bilder von Gestalten, die sehr oft mythischen Charakter haben, also eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten herstellen“, so der Mediziner Hein.[6]

Durch den künstlerischen Ausdruck und der darin enthaltenen intuitiven (universellen) Symbolsprache nehmen wir intuitiv Kontakt zu unserem inneren Heiler auf. Die Sprache der Kunst ist vielschichtig und komplex. Sie zeigt der fühlenden intuitiven Seite in uns einen Weg auf, den wir vertrauensvoll gehen können. Mir hat der künstlerische Ausdruck bei der Verarbeitung geholfen und heute nutze ich ihn in meiner Arbeit mit Menschen in Krisensituationen.

Ulrike Hinrichs 2018

siehe auch zum Thema meine Beiträge: 

 

Literatur

Eisendraht S.J., Matthay M.A., Dunkel J.A., Zimmermann J.K., Layzer R.B.: Guillain-Barré syndrome: Psychosocial aspects of management. Psychosomatic 1983, 24: 465-475

[1] Weiß H., Rastan V., Müllges W., Wagner R.F., Toyka K.V.: Psychotic Symptoms and Emotional Distress in Patients with Guillain-Barré Syndrome. Eur Neurol 2002, 47: 74-78, Eva Forster, Promotionsarbeit, https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/1751/file/Dissertation-Forster.pdf (1.5.2018)

[2] Porges, Stephen W. (2018). Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Lichtenau: G.P. Porbst Verlag

[3] Porges (2018).

[4] Porges (2018).

[5] Muldashv, Ernst (2017, S. 96). Das Dritte Auge und der Ursprung der Menschheit. Amra.

[4] Croissier, Getrude R. (2006, S. 28), Psychotherapie im Raum der Göttin. Weibliches Bewusstsein und Heilung. Schalksmühle: fabricalibri

[6] Beitrag zu meinem Fachbuch Kunst als Sprache der Intuition. Dr. Hans Hein http://www.forumsynergie.de