Autonomes Nervensystem, Trauma und Kunsttherapie

Das autonome (vegetative) Nervensystem (ANS) kontrolliert die lebenswichtigen Grundfunktionen des Körpers. Das ANS reguliert alle autark ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung und Atmung. Sämtliche Informationen werden über das Rückenmark zu den Organen weitergegeben. Das ANS besteht aus dem sympathischen (SNS) und parasympathischen Nervensystem (PNS), die antagonistisch auf die Organe einwirken. Bei hoher Stressbelastung und in (lebens-)bedrohlichen Situationen (die regelmäßig zu Trauma führen) schaltet das ANS je nach Situation und Individuum auf die drei Grundmechanismen: Flucht – Angriff – Erstarrung.

 

Das sympathische Nervensystem

Das sympathische Nervensystem (SNS) übernimmt den aktiven Part im autonomen Nervensystem. Es stimuliert in Stresssituationen Herzschlag, Atmung und Hormone. Körperliche Anzeichen:

  • Anspannung der Skelettmuskulatur (Vorbereitung auf körperliche Aktivität),
  • Steigerung des Herzschlags
  • Erweiterung der Pupillen
  • Hemmung des Tränen- und Speichelfluss
  • Erweiterung der Luftwege
  • Hemmung der Ausscheidungsorgane (keine Darm- und Blasenentleerung),
  • Adrenalin und Noradrenalin wird freigesetzt
  • Verengung der Blutgefäße
  • Stimulierung des Orgasmus

In lebensbedrohlichen Gefahrensituationen bereitet es auf Flucht oder Angriff vor. Eine hohe Aktivierung des SNS führt zu Reaktionen wie Wut, Aggressionen und impulsiven Gefühlsausbrüchen. Bei einer dauerhaften, chronischer  Über-Aktivierung des Sympathikus durch Stress, Angst und Aufregung besteht eine große Anspannung und innere Unruhe, Reizbarkeit und Aggressivität bei dem Betroffenen. Dies drückt sich auch in hektischen Bewegungen und einer überschnellen Kampf- und Leistungsbereitschaft aus. Ein deutliches Anzeichen der Überaktivierung des PSN zeigt sich auch in einer hohen Nervosität. Der Körper ist permanent auf körperliche und geistige Leistung vorbereitet.


 

Das parasympathische Nervensystem

Das parasympathische Nervensystem (PNS) wirkt beruhigend auf die Körperfunktionen. Als Gegenpol zum Sympathikus bewirkt der parasympathische Teil, der auch „Ruhenerv“ genannt wird,  eine Normalisierung der Organ- und Drüsenfunktion und sorgt für Entspannung. Das PSN tendiert zur Speicherung und dem Aufbau von Energie während einer Ruhe- oder Erholungsphase.

Körperliche Anzeichen:

  • Erschlaffung der Skelettmuskulatur
  • Förderung des Tränen- und Speichelfluss
  • Verengung der Pupillen und Luftwege
  • Verlangsamung des Herzschlags
  • Reduzierung des Stoffwechsels
  • Erweiterung der Blutgefäße im Darm,
  • Förderung der Verdauungsfunktionen
  • Stimulierung der sexuellen Erregung

In lebensbedrohlichen Gefahrensituationen, in denen Flucht und Angriff sinnlos sind, bereitet das PNS die Erstarrung (Totstellen) vor. Dies führt zu Reaktionen wie körperlichem und emotionalem Einfrieren, Depression, Müdigkeit, Erschöpfung, Schockstarre. Bei einer Überaktivierung des PSN in Angst- und Stresssituationen zeigt sich die Person äußerlich wie gelähmt.

 

Kunsttherapie und autonomes Nervensystem

 

Die männliche und weibliche Urkraft können als symbolische Platzhalter für das sympathische und parasympathische Nervensystem stehen. Das sympathische Nervensystem  spiegelt das aktive männliche Prinzip, während der Parasympathikus das passive weibliche Prinzip wiedergibt. Wir alle leben zwischen den Polen dieser Kräfte. Die Begrifflichkeiten haben nichts mit der Geschlechterzuordnung  zu tun. Beide Pole leben in jedem Menschen, schon C.G. Jung hat die Archetypen der Anima, als Urbild der Frau im Mann und des Animus als Urbild des Mannes in der Frau beschrieben. Diese Grundprinzipien sind universell und lassen sich in vielen Kulturen als Symbole finden, wie etwa im Symbol Ying und Yang aus der chinesischen Philosophie oder im  Hinduismus, das Prinzip  Linguan, als das aktive und kreative Prinzip, und Yoni als das weibliche, aufnehmende Prinzip. Das weibliche Prinzip steht für Hingabe und Empfänglichkeit. Die Energie ist eher diffus, fließend und formlos. Gleichzeitig ist sie schöpferisch-gestaltend, gebärend, verwandelnd und heilend. Das männliche Prinzip beschreibt das Denken, Handeln und die Aktivität. Die männliche Energie gibt Inspiration. Sie ist fokussiert und zielgerichtet, kämpferisch, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert. Die männliche Energie schützt und hält die weibliche Energie.

Es gibt verschiedene Ansatzpunkte diese Prinzipien künstlerisch umzusetzen. Von der Heilpraktikerin und Trauma-Expertin Andrea Wandel habe ich für das autonome Nervensystem das Symbol „Das wilde Tier in dir“ dankend übernommen. Dieses ungezähmte wilde Wesen hält sich nicht an Normen und Konventionen. Es lebt instinkthaft und tut genau das, was in diesem Moment richtig ist. Die polarisierenden Urkräfte können spielerisch auch in anderen Symbolen umgesetzt werden. Für das weibliche Prinzip kann beispielsweise die Königin als archetypischer Fingerabdruck stehen, für das männliche Prinzip der König. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, auch die Götter der griechischen Mythologie eigenen sich für eine symbolische Umsetzung dieser Prinzipien, Demeter die Muttergöttin der Natur etwa und als Gegenspieler Zeus, der Gott des Himmels und des Donners.

Die künstlerische Arbeit mit Symbolen defokussiert von der traumatischen Erfahrung. Es lenkt die Aufmerksamkeit nach außen auf das Kunstwerk und erleichtert den Zugang zu den sehr belastenden, mit Worten oft kaum zugänglichen Erfahrungen und Gefühlen.

siehe auch zum Thema: 

© Ulrike Hinrichs 2018, die Bilder stammen aus der Künstlergruppe für Flüchtlinge