Trauma und Hochsensibilität

 

  Ulrike Hinrichs

Die Welt ist ein gefährlicher Ort, vor allem auf einem Piratenschiff. Überall lauern Gefahren, durch Feinde, Orkane, Seebeben und gefährliche Meerestiere. Die Königin der Meere verlässt sich daher nicht auf die Nautik, sondern führt ihr Piratenschiff mit ihren feinen Instinkten und Vorahnungen durch die gefährliche See. Sie sieht durch das Nichts im Nebel und kennt die Klänge der Ruhe vor dem Sturm. Sie fühlt wie die Tiere das heranziehende Gewitter. Und sie  hat den Geschmack von Blut im Mund, noch bevor der Tod um die Ecke kommt.

 

Trauma und Hochsensibilität

Sowohl Hochsensible wie auch traumatisierte Menschen haben ein besonders feines Gespür für Stimmungen und Atmosphären. Ihr autonomes Nervensystem ist hoch aktiviert. Das durch ein Trauma bedingte permanente Gefühl von Gefahr lenkt alle „Antennen“ nach außen. „Ein Trauma ist eine heftige Zusammenballung von  »Überlebens«-energie, einer Energie, die den angestrebten sinnvollen Handlungsablauf nicht zum Abschluss bringen konnte“, beschreibt es der Traumaforscher Levine.[1] Die Betroffenen sind körperlich auf Kampf, Flucht oder schlimmstenfalls Erstarrung (Todstellen) vorbereitet. Dadurch entwickeln traumatisierte Menschen ein sehr feines Gespür. Auch Kinder (kriegs-)traumatisierter Eltern übernehmen oft Traumata ihrer Vorfahren. Wer nicht hört, was Eltern belastet, weil es nicht ausgesprochen wird, versucht es zu erspüren. „Wer keine Stimmen hört, lauscht Stimmungen. Wer die Eltern und ihr Leid nicht greifen kann, wird hochempfindsam für Atmosphären, für die Klänge des Schweigens, das Ungesagte“, beschreiben es Baer und Fricke-Baer.[2] Bei Hochsensiblen geht man dagegen davon aus, dass ihre besondere Wahrnehmungsfähigkeit angeboren ist. Die Grenzen zwischen den Phänomenen sind fließend. Sowohl kann ein Trauma Hochsensibilität begünstigen, als auch Hochsensibilität wegen der erhöhten Empfindsamkeit eher in ein Trauma münden.

Hochsensibilität und vor allem Traumata werden von den Betroffenen oft als sehr belastend und lebenseinschränkend empfunden. Ich möchte mich hier weniger auf die negativen Symptome, sondern mehr auf die Ressourcen und Begabungen dieser Menschen konzentrieren.  Gemeinsam ist hochsensiblen und traumatisieren Menschen eine erweiterte, vernetzte oft auch synästhetische Wahrnehmung.[3] Hochsensible und Traumatisierte nehmen nicht nur mehr, sondern auch sehr viel feiner wahr. Sie erkennen die größeren Zusammenhänge. Dieses Mehr an Information führt zu einer anderen Bewertung der Welt, zu einem anderen Wirklichkeitskonstrukt und damit zu einer grundlegend anderen Weltsicht. Für viele hochsensible und traumatisierte Menschen sind daher auch so genannte paranormale Phänomene normal, die mit unserer mechanistisch-materialistischen Weltsicht nicht zu erklären sind. Auch der Traumaforscher Levine zieht Vergleiche zu »mystischen« und »spirituellen Erfahrungen«.[4] Erlaubt man sich einen Perspektivwechsel zu einem holografischen Weltbild[5], dann bietet sich für diese Form der Wahrnehmungen eine nachvollziehbare Erklärung. Normalsensiblen fällt es mangels eigener Erfahrung solcher Phänomene aber oft schwer, sich auf diesen Perspektivwechsel einzulassen. Dabei kann man davon ausgehen, dass jeder über vier mediale Sinne verfüge (Hellsehen, Hellhören, Hellfühlen, Intuition), so der Biochemiker und Neurologe Sanders, der diese „übersinnlichen“ Wahrnehmungen sehr detailliert beschreibt.[6]  Hochsensible und Traumatisierte haben insofern nur eine besondere Begabung entwickelt oder mitbekommen. Wir können diese besondere Gabe nutzen und schärfen, um Erkenntnisse zu gewinnen, die aus dem holografischen Raum kommen. Die Kunst wirkt dabei wie eine „Sehhilfe“, die Inneres visuell nach außen zu bringen vermag und dabei eine neue materialisierte Ebene erschafft.

 

© Ulrike Hinrichs 2018

http://www.lösungskunst.com

 

Siehe meine Beiträge zum Thema

Siehe auch Kreativambulanz, Angebot für Geflüchtete

 

Literatur

[1] Levine, Peter A. (2010, S. 419). Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. München: Kösel

[2] Baer und Fricke-Baer (2012, S. 94) „Wie Trauma in die nächste Generation wirken“. Neukirchen-Vluyn: Semonos

[3]  Synästhesie bedeutet, dass ein Sinnesreiz neben der üblichen Wahrnehmung zusätzliche Sinneswahrnehmungen auslöst: Musik etwa erzeugt zusätzlich visuelle Eindrücke, ein Ton wird mit einem Geschmack verbunden oder auch Zahlen erscheinen in bestimmten Farben, um nur einige Beispiele zu nennen. Hochsensible und Traumatisierte nehmen nicht nur mehr, sondern auch sehr viel feiner wahr.

[4] Levine, Peter A. (2010, S. 420).

[5]Siehe meinen Beitrag zum Thema Resonanz: https://loesungskunst.wordpress.com/2017/05/09/resonanz/

[6] Sanders, A. Pete (2013). Das Handbuch übersinnlicher Wahrnehmung. Oberstorf: Windpferd.